Frage & Antwort

Lebensrettender Abstand Warum fällt Social Distancing so schwer?

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Der Mensch ist ein Herdentier und hält nur ungern so viel Abstand.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Krise bringt viele Herausforderungen mit sich. Besonders bemerkbar macht sich dabei die Auswirkung der sozialen Distanzierung. Kaum eine Einschränkung scheint so schwerzufallen wie diese. Woran liegt das?

Mittagspause im Park, Abendessen mit Freunden und am Wochenende tanzen gehen. All diese Aktivitäten sind für die meisten Menschen nicht aus ihrem Alltag wegzudenken. Bis jetzt: Denn seit Kurzem sorgt die Corona-Pandemie dafür, dass sich der gesamte Tagesablauf verändert.

Um die Ausbreitung des Coronavirus so gut es geht einzudämmen, wird aktuell die Mithilfe von jedem Einzelnen benötigt. Damit die Anzahl der Infektionen möglichst niedrig gehalten werden kann, ist es wichtig, seine sozialen Kontakte herunterzufahren. Für alle, denen es beruflich möglich ist, heißt dies: zu Hause bleiben. Doch was passiert mit dem Menschen, wenn plötzlich selbstverständlich scheinende Treffen mit Freunden, der Sportgruppe oder der Familie wegfallen? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, hat ntv.de mit Prof. Bernhard Baune, Klinikdirektor der Klinik für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Münster, gesprochen.

Schnelle Umstellung erforderlich

Die neue Situation stellt die Menschen vor bisher nicht da gewesene Hindernisse. Hierzu gehört vor allem das nun verordnete Social Distancing. "Unter Social Distancing versteht man das Reduzieren von sozialen Kontakten, sowohl in der Häufigkeit als auch in der Nähe", erklärt Baune. Auch wenn diese Maßnahme aktuell notwendig ist, ist sie für den Menschen absolut fremd. "Der Mensch ist ein Herdentier. Er ist es gewohnt, Teil von größeren Menschenansammlungen zu sein und hat dabei in der Regel wenig Angst vor Nähe und Berührung." Sich in Gruppen zu bewegen ist ein natürliches Verhalten des Menschen. "Wenn eine Verordnung diesem natürlichen Trieb gegenübergestellt wird, geht das gegen die Natur der meisten Menschen."

Dennoch führt kein Weg an der sozialen Distanzierung vorbei. Auch wenn sie alles andere als leichtfällt, kann ein sonst eher negativ besetztes Gefühl helfen, mit ihr umzugehen: die Angst. Was zuerst verwunderlich scheint, lässt sich durch das menschliche Verhalten erklären. "Je deutlicher die Angst vor einer Infektion wahrgenommen wird, desto mehr ist der Mensch in der Lage, sein eigenes Verhalten zu überdenken und zu verändern." Dieses Umdenken ist besonders beim Verlassen des Hauses, also beim Einkaufen und Spazierengehen, notwendig. Hier gilt es nämlich, bis zu zwei Meter Abstand zu anderen Personen zu halten. Damit dieser Abstand eingehalten wird, sollte man sich die Folgen eines Regelverstoßes bewusst machen. Angst dient hier als eine natürliche Schutzfunktion und kann somit ein sinnvoller Ratgeber sein.

Auswirkungen sofort spürbar

Aufgrund der sozialen Distanzierung fällt sämtlicher Körperkontakt zu anderen Menschen weg. Dies betrifft den einfachen Handschlag bei der Begrüßung sowie liebevolle Umarmungen von Freunden. Um zu verstehen, welche Auswirkungen das Ausbleiben solcher Berührung hat, muss man sich zuerst vor Augen führen, was dabei im Menschen ausgelöst wird. "Bei Körperkontakt kommt es zur Ausschüttung von Hormonen wie Oxytocin. Dieses Bindungshormon löst ein positives Gefühl aus und kann sogar zur Stressreduktion führen", erklärt Baune. Der Mensch ist es nicht gewohnt, auf diese Kontakte zu verzichten. Wenn sie wegfallen, fühlt man sich weniger geborgen, ist eher gestresst und das Gefühl des Alleinseins wird präsent.

Allgemein leiden aktuell viele unter der räumlichen Distanzierung und den dadurch fehlenden Sozialkontakten. "Da sich der gesamte Lebensstil durch die Ausgangsreglung verändert, kommt es zu sogenannten psychosozialen Auswirkungen", so Baune. Es handelt sich hierbei um Auswirkungen, die durch äußere Bedingungen entstehen. "Während der Corona-Krise ist man insgesamt weniger aktiv und die Bewegung nimmt ab. Diese körperlichen Auswirkungen können unter anderem starken Einfluss auf das Schlaf- und Essverhalten nehmen."

Um also zu verhindern, dass der gesamte Tagesrhythmus durcheinandergerät, empfiehlt Baune das Erstellen von Alltagsroutinen. Es hilft zum Beispiel, sich feste Aufsteh- und Schlafenszeiten einzurichten. Die Zeit zu Hause kann außerdem genutzt werden, um Beschäftigungen nachzugehen, für die im stressigen Alltag die Ruhe fehlt. Das Buch lesen, was schon lange auf dem Nachttisch liegt oder das aufgeschobene Sortieren von Dokumenten. Und auch wenn das Fitnessstudio oder der Sportverein im Moment wegfällt, ist es wichtig, sich körperlich fit zu halten. Neben Spazierengehen sind auch Sportübungen für zu Hause sehr effektiv. Für alle, die sich alleine schlecht motivieren können, bietet das Internet viele Sportvideos und Live-Kurse an.

Virtuelle Kommunikation

Generell spielt das Internet in der aktuellen Situation eine noch größere Rolle als sonst. Ob Telefonate, Videoanrufe oder Nachrichten schreiben: Selten schien es so wichtig, digital mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben. Der virtuelle Austausch hilft gegen das Alleinsein und schafft ein Gefühl der Verbundenheit, trotz der räumlichen Distanz.

Auch bei virtuellen Verabredungen kann es helfen, feste Termine zu vereinbaren, um Verbindlichkeiten und Strukturen aufrechtzuerhalten.

Obwohl die Onlinekommunikation viele Vorteile mit sich bringt, kann sie die gewohnte Face-to-Face-Interaktion nicht ersetzen. "Der intensive und erlebte Austausch über Gestik und Mimik bleibt bei der Kommunikation über Facetime aus. Gerade der affektive und emotionale Teil fehlt dabei und wird vom Menschen vermisst", sagt Baune.

Übrigens: Aufgrund der Corona-Pandemie ist es seit Neuestem möglich, Psychotherapiesitzungen per Telefon oder Videoanruf wahrzunehmen. Dies hat auch einen Vorteil für diejenigen, die aktuell auf der Suche nach einem Therapieplatz sind. Das für sie wichtige Erstgespräch bei einem neuen Therapeuten kann nun nämlich auch online oder telefonisch und somit ohne ein persönliches Treffen stattfinden.

Quelle: ntv.de