Leben

In Vino Verena "Tante Inge ist tot"

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Tante Inge als junge Frau

(Foto: privat)

Meine Tante Inge war in unserer Familie eine Instanz. Ein Schlag Mensch aus einer anderen Zeit. Ihr Tod kam nicht überraschend. Doch was bleibt, ist die Frage: Wie gut kennen wir die eigene Familie?

"Es ist gleich 11 Uhr und Papa ist noch nicht heim. Er ist sicher mit Onkel Bernhard einen saufen. (…) Mit Wasserrüben haben wir heute unseren Hunger gestillt (…) und abends, in der Andacht, musste ich mich schrecklich über Liesels rote Haarschleifen ärgern."

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Auszug aus dem Tagebuch von Tante Inge, April 1947.

(Foto: privat)

Diese Zeilen schrieb meine Tante Inge 1946 im Alter von 14 Jahren in ihr Tagebuch. Nun ist sie gestorben - in ihrem 89. Lebensjahr.

Ich denke in diesen Tagen viel über meine Familie nach, und je mehr ich darüber grüble, desto größer werden die Fragezeichen in meinem Kopf. Familie, das ist ein großes Wort, jeder definiert es anders, und ich erinnere mich, dass ich mir als kleines Mädchen manchmal eine andere Familie gewünscht hätte. Bis ich merkte, dass unsere Mischpoke auch nicht schlechter war als die jener Kinder, die ich um ihre beneidete. Meine Vorstellung von meiner Familie war nur so abstrakt, weil ich sie im Grunde nicht richtig kannte. Bis heute habe ich immer noch nicht ganz begriffen, warum.

Aber diese Neugier, sie hat mich nie losgelassen. Alle um mich herum fanden es irgendwann furchtbar nervig, wenn ich ihnen wieder Löcher in den Bauch fragte. Wo komme ich her? Wer sind meine Vorfahren? Und es genügte mir nicht, wenn einer sagte: "Unsere Urgroßväter waren Kartoffelbauern". Denn ich forschte weiter und weiter. Diese Ahnenforschung im Kindesalter war natürlich die Pre-Internetzeit, und ich erinnere mich genau, wie ich meinen Großvater mal fast zu Tode stresste, als ich ihn nach seinem Großvater befragte und dann nach dem Großvater vom Großvater und immer so weiter - bis Opa fuchsteufelswild wurde und mich mit dem Wasserschlauch aus dem Erdbeerbeet scheuchte.

Wir sind alle miteinander verwandt

Kennen Sie Ihre gesamte Familie? Also nicht nur die Verwandten ersten und zweiten, sondern auch die dritten Grades in der Seitenlinie? Wir sind eine wahnsinnig große Familie, aber es hat nie wirklich einen interessiert, was die Cousins und Cousinen machen. "Die haben alle ihr eigenes Leben und eigene Familien", heißt es dann und doch erzählt man sich gern die Legenden, von denen niemand weiß, wie sie entstanden und ob sie wahr sind: Einer soll mal zur See gefahren sein, ein anderer ging nach Südamerika, ein Dritter gilt als verschollen. Von einigen meiner Facebook-Freunde weiß ich mehr als von meiner Familie. Neulich sagte ein kluger Mensch zu mir, dass wir sowieso alle miteinander verwandt sind.

Wir haben die größten Feste gefeiert, wild und ausufernd und am Ende lagen immer welche unter den Tischen. Aber danach verlor man sich stets aus den Augen. Einmal war ich auf einem Familienfest und erblickte plötzlich mein Ebenbild. Ich war so erschrocken, ich musste erstmal direkt zur Bar stromern, um mir einen zu genehmigen. Aber wie so viele Male zuvor beruhte die Faszination nicht auf Gegenseitigkeit. Und so saß ich mit meiner riesigen Familie beisammen und dachte: "So viele Fremde!"

Jeder ist allein

Nach dem frühen Tod meines Großvaters entdeckte ich auf seiner Friedhofsparzelle, weit hinter dem wilden, ausufernden Efeu einen alten, fast verwitterten Grabstein. Darauf stand der Name: Otto, und dass er Musiker war. Otto ist wie ich am 20. November geboren und 1923 gestorben. Ich fragte alle aus. Doch niemand wusste, wer Otto war. Und manchmal, wenn ich mit meinen Verwandten am Tisch sitze und wir uns auf irgendwelchen Feiern zuprosten, habe ich ein ähnliches Gefühl, frei nach Hermann Hesse: "Kein Mensch kennt den andern, jeder ist allein."

Vielleicht ist das okay so, vielleicht übertreibe ich es auch mit meiner Neugier und es ist tatsächlich schier unmöglich, bei einer großen Familie jeden gut zu kennen. Auch Tante Inge kannte ich nicht wirklich gut. Dabei wohnten wir gar nicht weit auseinander. Ich erinnere mich, wie mich mein Vater als Kind immer mahnte, bei Tante Inge gefälligst artig zu sein und keinen Blödsinn zu machen, denn Tante Inge war in meiner Familie eine Instanz. Wie Johann "Jean" Buddenbrook oder Krystle Carrington. Ich glaube, in jeder Familie gibt es eine Tante Inge.

Sie war eine so lustige wie strenge schöne blonde Frau, und Mutter sagte immer: "Tante Inge kann Haare auf den Zähnen haben". Über 50 Jahre lang betrieb sie einen eigenen kleinen Buch- und Devotionalien-Laden, in dem sie fast bis zuletzt arbeitete. Und weil ich aus einer katholischen Familie stamme, erinnere ich mich nur zu gut an den Anpfiff meines Vaters, als ich mein Debüt als Schriftstellerin feierte und er tobte: "Wie kann das Buch nur 'Sexgöttin' heißen? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Wenn das mal bloß kein frecher Hund in Tante Inges Schaufenster legt!"

Durch die Zeit hindurch

Doch jetzt, wo sie von uns gegangen ist, ich viel an sie denke und ihr Tagebuch aus den Jahren 1946 und 1947 erstmals vollständig lese, merke ich, wie ähnlich wir uns als Kinder waren. Wie aufgelöst sie war, als man sie beim Spicken "in der Penne" erwischte, wie viel großartigen Galgenhumor sie besaß und wie sehr sie Filme liebte. Allein die Art, wie sie als Kind schrieb, was sie bewegte, bringt mir Tante Inge, obwohl ich sie so selten sah, sehr nahe. So schrieb sie im Oktober 1946: "Die erbärmliche Schule steckt mir dauernd im Kopf. Pfui, es wird immer kälter, den ganzen Tag stopf' ich bald Strümpfe." Und im Winter 1946: "Was ist das nur für eine grausige Zeit, ich verzweifle bald. Immer kälter wird's. Mit den Kohlen kann es nicht noch knapper werden. In unserer Stube frieren wir zum Gott Erbarmen. Jeden Tag muss ich Essen kochen, das überhaupt nicht satt macht. Steno lerne ich jetzt auch. (…) und jetzt ist es amtlich, dass ich von der Schule gehe. Wer weiß, was für eine Zukunft vor mir liegt."

Tante Inges Zukunft ist nun nur noch Vergangenheit, doch ihre vergilbten Zeilen lassen mich durch die Zeit hindurch ein junges Mädchen sehen, das trotz allen Leids hoffnungsvoll, trotzig und mutig durchs Leben ging. Und obwohl ich sie nicht gut kannte, glaube ich, wir wären gute Freunde geworden.

Quelle: ntv.de