Leben

One Woman Show Verbieten verboten!

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Na, wieder was entdeckt, was man verbieten könnte?

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Wie mir das auf die Nerven geht! Ständig wird etwas verboten. Und es wird immer gängiger, Verbote auszusprechen. Getarnt als Gesetz, als Vorschlag, als "Hinweis", als gutgemeinter Tipp in einer Frauenzeitschrift. Diese selbst ernannten Kim Jong-uns unterschiedlichster Couleur gehören - verboten!

So ein Verbot – oder auch Gebot - kann politisch sein, gesellschaftlich, familiär, unter Freunden, dann getarnt als "Ratschlag". Neulich las ich einen solchen "Ratschlag" in einem Wochenmagazin. Der Redakteur füllte seine Zeilen mit den folgenden Sätzen: "Der Ausdruck ultimativer Lässigkeit ist für mich der über die Schulter getragene Blazer - very Victoria Beckham, die diesen Stil - inklusive dazu perfekt harmonierendem Blick - groß gemacht hat." Der Verfasser betont darüber hinaus, wie praktisch dieser Look obendrein sei ("schützt vor Kälte"), erinnert mich jedoch nur an - die zum Glück in der Versenkung verschwundene - Melania Trump. Er warnt davor, einen bereits vorhandenen Blazer auf diese angeblich ultimativ lässige Art tragen zu wollen. Das ginge nicht, man müsse sich schon ein neues Teil kaufen. Also nix mit Vintage oder gar Nachhaltigkeit, los, ab in die Läden, Geld ausgeben! Auch okay für den Einzelhandel nach Monaten der Pandemie, aber nicht besonders geschickt angesichts ungetragener Klamotten, die seit über einem Jahr eingemottet in den Schränken lagern.

Mal ganz abgesehen davon, ob Viktoria Beckham nun ein Stilvorbild ist oder nicht – ich möchte keinen Oversize-Blazer mit - ebenfalls empfohlenen - Goldknöpfen, mit dem ich nur aussehen würde wie Osgood Fielding (Joe E. Brown), als er mit "Daphne" (Jack Lemmon) in "Manche mögen's heiß" in den Sonnenuntergang schippert. Ich beabsichtige weder, auf "Mein Schiff" Urlaub zu buchen noch im Café Kranzler einen Herren per Tischtelefon klarzumachen.

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Nichts gegen Vicky .... ich übe noch.

(Foto: dpa)

Ich würde mich gerne bewegen können in einem Blazer und nicht, wie vom Verfasser der Zeilen angeraten, "um ein klein wenig Viktoria Beckham in sich zu spüren", auch noch üben müssen: "Vicky ist nicht auf die Straße getreten, und der Blazer hielt sofort wie angetackert auf der Schulter", mutmaßt der Autor. "Sie hat sicher erstmal vor dem Flurspiegel geprobt. Und das sollten Sie auch machen." Echt jetzt? Ich soll vor dem Spiegel üben, wie Viktoria Beckham zu gucken und zu laufen und den Blazer auf den Schultern balancieren? Da möchte ich mir ja lieber hippieartig auf der Stelle den BH vom Körper reißen und in einem orangen Flattergewand singend und bettelnd durch die Straßen ziehen, als zu üben, wie "Vicky" zu sein.

Fliegen, besitzen, betreten verboten

Aber das ist längst nicht alles, was einem vorgeschrieben werden soll. Fliegen sollen wir bald auch nicht mehr innerländisch, ginge es, salopp gesagt, nach den Grünen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock nannte den Ansatz, Kurzstreckenflüge zu unterbinden, ja schließlich nur "perspektivisch". Und wenn es Sinn macht, ist es natürlich besser, die Bahn zu benutzen. Finde den Fehler! Wenn die Bahn flott und zuverlässig funktionierte, alles prima! Da das aber in 7 von 10 Fällen nicht der Fall ist – man bucht zum Beispiel ein Ticket erster Güte nach München, um 20 Uhr vor Ort zu sein, hört dann aber fünf Minuten vor Nürnberg "Der Zug endet hier" - macht es keinen Sinn. Nutzlos zu sagen, dass man erst gegen 21.30 Uhr in München ist. Ja, das kann immer mal passieren, aber die Betonung läge hier auf "mal", und das ist leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Also zurück zum "Flugverbot". Mal abgesehen davon, dass von der Bahn Frustrierte dann eher individuell das Auto nutzen würden – niemand, der einigermaßen bei Trost ist, fliegt von Karlsruhe nach Stuttgart. Aber vielleicht von Hamburg nach München. Oder von Halle nach Saarbrücken. Weil es schneller geht. Weil es billiger ist als die Bahn. Wenn Fliegen verboten wird heißt das eben nicht automatisch, dass man "die Bahn" benutzt. Die meisten Menschen sind übrigens so vernünftig, Ultrakurzflüge nicht zu nutzen. Sollte aber einer das verbieten wollen, juckt es doch gewaltig in den Fingern, einen solchen Flug buchen zu wollen, einfach, weil man sich als Erwachsener nicht vorschreiben lassen möchte, wie man sich zu verhalten hat.

Hunde an die Leine, Kinder nicht auf die Grünfläche, Auf-Dem-Balkon-Grillen verboten, alles verboten verboten verboten. Mountainbikefahren in den Mountains, verboten, Kinder im schicken Restaurant, verboten. Betreten verboten. Auch Eigenheime, bald verboten. Statt über Neubau in Großstädten nachzudenken, denn es geht ja um zu wenig Wohnraum und zu hohe Mieten, dem anderen erstmal die Schippe wegnehmen, dann damit über den Kopf hauen, dann zum Notar rennen, geglückte Enteignung beurkunden lassen, dann Pleite, weil Notar sehr teuer, dann Regenrinne kaputt, dann Wasser in der Bude, dann das Geschrei groß, wer soll das bezahlen? Zum Schluss Verwahrlosung des enteigneten Eigentums. Nur ein Gedanke des Szenarios, wie ich mir die Zukunft in meiner Heimatstadt Berlin so vorstelle.

Was man allerdings wirklich verbieten sollte: Baden an gefährlichen Stellen, Billigfleisch, vorgeschriebene Veggie-Days, FKK, langweilige Talk-Shows, Plastik, Ungleichbezahlung von Männern und Frauen. Aber man - und frau - könnte es auch positiv formulieren, im Sinne von: Was macht Sinn? Mehr Geld in erneuerbare Energie stecken zum Beispiel, das macht Sinn. Wer möchte, dass man – wenn überhaupt – E-Auto fährt, der soll mehr E-Tankstellen aufstellen und die Angebote zum Umsteigen auf E-Mobilität attraktiver machen. Dieser Gedanke ist, zugegeben, nicht neu. Eines ist inzwischen ja aber hoffentlich klar geworden: Wasser predigen und Wein saufen hat noch nie funktioniert! Das würde ich glatt verbieten.

Quelle: ntv.de

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