Leben
Paul McCartney nahm Thomas Gottschalks Ausführungen mit innerem Augenrollen hin.
Paul McCartney nahm Thomas Gottschalks Ausführungen mit innerem Augenrollen hin.(Foto: picture-alliance / dpa)
Samstag, 13. Oktober 2018

"Der Denglische Patient": Von wegen Selbstbesamung

Ein Kolumne von Peter Littger

Wir kennen "Casting Shows", "Homestorys" oder "Shakehands", am besten vor laufender Kamera. Doch niemand versteht das alles - wenn er aus der englischsprachigen Welt kommt. Weil es gar kein Englisch ist! Ausgerechnet Medien sind Experten für diesen Unsinn.

Als es im ZDF noch "Wetten, dass …?" gab, konnte man gelegentlich hinter der Bühne die beste Unterhaltung bekommen. Zum Beispiel im Jahr 1987, als Thomas Gottschalk die Sendung gerade übernommen hatte und Paul McCartney gekommen war, um ein bisschen zu singen. Kurz vor dem Auftritt entstand große Verwirrung. Ob es Gottschalk persönlich war, der Regisseur oder ein Techniker, lässt sich nicht mehr sagen. Jedenfalls bemerkte jemand aus der ZDF-Mannschaft sinngemäß: "There will be no playback …"

Wie bitte?, dachten die Musiker aus England. Keine Wiedergabe? Keine Musik? Sollen wir wieder abreisen …? Alle waren für einen Moment erschrocken - weil es hinter den Kulissen mal wieder ganz unfreiwillig zu einer herrlichen Wette gekommen war:

Wetten, dass die nix verstehen?

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Dabei sollte doch nur hervorgehoben werden, dass ein echter Auftritt bevorstand. Dass die Musik live gespielt werden würde, nicht vom Band, also mit Lippenmimik. Eine Praxis übrigens, mit der 1990 ausgerechnet die in Deutschland produzierte Retortenband Milli Vanilli aufgeflogen war. Im Englischen nennt man das Schauspiel passend "lip synchronisation" oder kurz: "lip sync". Es ist auch ein Verb: "Milli Vanilli was lip-syncing". "Playback" ist etwas anderes: die Wiedergabe einer Aufnahme.

Was McCartney und seine Band erlebt hatten, war einer dieser Momente, die sich im deutschen Medienzirkus regelmäßig ereignen. Nämlich immer dann, wenn englischsprachige Medienprofis anwesend sind. Wir kennen die Situation: Ein Moderator fordert zum "Shakehands vor laufender Kamera" auf. Doch der Gast aus den USA oder Großbritannien stutzt, weil er nur einen "handshake" kennt.

Bilderserie

Sogar Donald Trump muss in diesem Zusammenhang in Schutz genommen werden. Wie viele deutschsprachige Medien haben ihn nicht schon zum "Showmaster" einer "Casting Show" gemacht? Dabei war er nur "host" einer "talent show".

Nun ließe sich hier einwenden, dass solche Patzer unproblematisch sind - und gar nicht erst entstehen -, solange deutschsprachige Menschen unter sich sind. Sie benutzen auch den "teleprompter", wenn in den Studios der englischsprachigen Welt ein "autocue" eingesetzt wird. Sie sprechen auch vom "trickfilm", wenn im Englischen von einem "animated cartoons/film" die Rede ist. Und sie nutzen die "mediathek",wenn man in den USA auf die "tv library", in Großbritannien auch aufs "catch up tv" oder schlicht aufs "streaming" zurückgreift.

Problematisch wird es, wenn deutschsprachige Medien-People auf Geschäftspartner, Kunden oder - wie im Fall von Paul McCartney - auf Gäste aus der englischsprachigen Welt stoßen und dann unser Mediendenglisch vom Stapel lassen. Vor allem, wenn sie dabei international gängige Begriffe umdichten und ein eigener, vermeintlich englischer Jargon entsteht.

Vorsicht bei Anfragen

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So ist es mit Sicherheit - dem "Playback" ganz ähnlich - schon unzählige Male dazu gekommen, dass englischsprachige Prominente von deutschen Journalisten nach "Homestorys" gefragt wurden. Sie dürften sich dann wiederum recht bedrängt gefühlt haben. Was will der Typ aus Deutschland bei mir zu Hause? Von Hollywood bis Bollywood gibt es "love stories" und "photo stories" - aber keine "home stories", selbst wenn der "Spiegel" eine Rubrik hat, die so heißt. Noch heikler kann es nur noch werden, wenn die MDR-Sendung "Fakt" ihre Anfragen in die Welt schickt: "Hello, we are fucked. Can we talk to you …?"

In den vielen Jahren, die ich selbst in der deutschsprachigen Medienbranche gearbeitet habe, sind mir pseudoenglische Patzer in ganz unterschiedlichen Segmenten aufgefallen.

  • Werber, die bei uns "claims" dichten, sollten damit in den USA oder in Großbritannien vorsichtig sein. Bei einem "claim" handelt es sich nicht selten um eine juristische Forderung, aber nicht um einen "slogan" oder eine "tagline".
  • Wer bei uns "Werbespots" dreht, sollte sie in der großen weiten Welt "commercials" nennen.
  • Wer als (Schleich-)Werber sein Geld mit "corporate publishing" verdient, muss wissen, dass er sich dem "customised publishing" verpflichtet hat.

Ich will hier auch nicht verheimlichen, dass ich sehr wohl weiß, wie tief man mit Mediendenglisch fallen kann. In New York bin ich selbst einmal mit einem Stegreifvortrag über "self-inscenation" reingefallen. Meine Gastgeber sahen sich nur ratlos an, bis einer fragte: "Peter, are you talking about self-insemination?"

Können Sie noch folgen?

Von wegen Selbstbesamung! Schlagartig wurde mir klar, dass ich mich in puncto englischsprachiger Selbstinszenierung nicht mal auf Grundkursniveau befand. Und mir fiel auf, dass es einen unserer zentralen Begriffe im Medienzeitalter überhaupt gar nicht im Englischen gibt: Das amerikanische Wörterbuch "Merriam Webster" erklärt ausdrücklich unter dem Eintrag "inscenation": "… intended as a translation of German, Inszenierung".

Doch was ist mit öffentlichen Inszenierungen, egal ob im Theater oder auf der politischen Bühne? Die Sache ist komplizierter als wir ahnen, weil es darauf ankommt, ob man die technische Inszenierung, die Kulissen, die dramaturgische Inszenierung des Regisseurs oder die darstellerische Inszenierung der Schauspieler meint. Im ersten Fall ist es "(stage) production". Im zweiten "scene", "setting" oder "mise-en-scène". Im dritten "staging" oder (stage) direction". Und im vierten "acting" oder "acting performance". Außerdem wird zwischen "enactment" (fiktionaler Geschichten) und "re-enactment" (historischer Ereignisse) unterschieden.

Um verständlich über Inszenierungen in der Politik zu sprechen: Generell werden sie als "(political) staging" bezeichnet. Wirkt alles übertrieben selbstdarstellerisch, sagt man "Donald Trump's grandstanding". Wirkt alles arg konstruiert, nennt man es "spin doctoring". Und führt die Inszenierung auf scheinbar geniale Weise zum Erfolg, erfüllt sie womöglich die Kriterien für "(perfect) engineering".

Quelle: n-tv.de