Leben

Bleibt Care-Arbeit Frauensache? Warum die VBKI-Chefin auf ihren Job verzichtet

imago0063407216h.jpg

Wenn die Eltern alt werden, wollen viele Kinder etwas zurückgeben.

(Foto: imago/Westend61)

Mit Claudia Große-Leege würde man gern über vieles sprechen, was ihr spannender Job mit sich bringt. Nun aber geht es um Privates, das so privat gar nicht ist, weil es uns alle früher oder später angeht und Politik und Gesellschaft handeln müssen: Wir sprechen über die Pflege der alten Eltern und was wir dafür alles tun. Große-Leege zum Beispiel legt ihr Amt nieder, die Geschäftsführerin des VBKI (Verband Berliner Kaufleute und Industrieller) braucht die Zeit, um sich ihren Eltern widmen zu können.

ntv.de: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Ihren Job aufgeben, der ja nicht nur ein Beruf ist, sondern auch eine Berufung?

Claudia Große-Leege (c) stageview, Pedro Beccara small (1).jpg

Claudia Große-Leege hat ihre Entscheidung getroffen.

(Foto: Pedro Beccara)

Claudia Große-Leege: In der Tat ist dieser Job sehr erfüllend und natürlich habe ich mich gefragt, was ich mit der Kündigung aufgebe. Die Entscheidung wurde letztlich durch die Erkenntnis ausgelöst, dass sich dieser Job nicht mit der Sorgearbeit vereinbaren lässt, zumindest nicht gemessen an meinen Ansprüchen. Für Sorgearbeit braucht man Zeit und Flexibilität.

Aufhören zu arbeiten - das muss man sich auch leisten können, oder?

Das ist vollkommen richtig. Nicht jeder hat diese Freiheit, seine Arbeitszeit zu reduzieren, das ist mir natürlich klar. Ich suche mir jetzt etwas anderes, das überschaubarer ist als mein jetziger Job. Gleichzeitig aber flexibel und mit der Möglichkeit, dass ich mich jederzeit mehr um meine Eltern kümmern kann. Und ab und zu eben auch mal um mich. Ich bin mehrfach auf das Thema Führung in Teilzeit angesprochen worden und überzeugt, dass dieses Modell Zukunft hat, aber eben auch nicht für jede Position passt. Wenn Positionen sehr mit der Person verbunden sind, es auch um repräsentative Tätigkeiten geht, dann gibt es Grenzen.

Solche Jobs gibt es - noch - nicht wirklich wie Sand am Meer.

Genau, aber Führung in Teilzeit wird gewiss mehr Normalität erlangen. Die Frage ist ja auch, welchen Rahmen der Gesetzgeber schafft, und da schaut man dann am besten in Richtung Elternzeit. Mit dem Elterngeld plus ist ein - auch finanziell - attraktives Modell geschaffen worden, das dazu führt, dass inzwischen eine große Mehrheit der Väter in Elternzeit gehen. Das war ja weniger ein familien- als mehr ein gleichstellungspolitisches Instrument letztlich auch mit dem Ziel, dass Frauen bessere Chancen haben, in Führungspositionen zu gelangen. Es ging um eine nachhaltige Sicherung von Einkommen und Vermögensentwicklungen bei Frauen.

Hat das funktioniert?

Ich denke schon. Die Arbeitswelt hat sich daran gewöhnen müssen. Dass das so sein wird - damit haben Unternehmer und Arbeitgeber vielleicht nicht so gerechnet (lacht), aber plötzlich kann man sich nicht mehr sicher sein, dass Männer stets verfügbar sind. Die können ja wählen, wann und wie sie in maximal drei Teilen in die Elternzeit gehen. Ich habe sieben Jahre den VdU (Verband Deutscher Unternehmerinnen e.V.) als Geschäftsführerin geleitet, der auf Bundesebene in der Frauenpolitik engagiert ist und intensiv beobachtet, wie die Maßnahmen umgesetzt wurden. Als Instrument hat es insofern gefruchtet, als die Sorgearbeit für die Kinder allmählich besser verteilt, also weniger geschlechtsspezifisch organisiert wird. Es ist sehr wertvoll für unsere Gesellschaft, dass wir uns dran gewöhnen, dass Männer wie Frauen sich solchen familiären Themen widmen.

Welche Parallelen gibt es bei der Pflege der Eltern und der Zeit mit den Kindern?

Mein Eindruck ist, dass, ganz anders als bei der Elternzeit, für die es eine starke Lobby gegeben hat in den letzten Jahren - und für die auch ein relativ attraktiver sozialer Rahmen geschaffen wurde mit einer Rechtssicherheit und vielen Zugeständnissen seitens der Arbeitgeber – das Thema Pflege noch nicht wirklich angekommen ist an den nötigen Schaltstellen. Das ist nach wie vor ein Randthema und das gilt für den Arbeitsalltag als auch für die Attraktivität der Regelung der Pflege.

Bei Kindern handelt es sich um Fortschritte, die wir mit ihnen gehen, bei alten Menschen sind es nur noch Rückschritte. Und keiner weiß, wie lange das geht.

Das ist richtig. Ganz ehrlich, man sollte sich in beiden Fällen einen Ausgleich suchen und aufpassen, intellektuell auch andere Herausforderungen zu haben. Menschen, die sich um ihre Angehörigen kümmern, sind einer immensen Doppelbelastung ausgesetzt. Das Thema ist nicht erfreulich, man sieht vertrauten Menschen nicht gerne dabei zu, wie sie weniger werden. Und auch lässt sich die Zeit so gar nicht abschätzen. Bei Kindern weiß man, die kommen in den Kindergarten, in die Schule, das lässt sich strukturieren, bei den Eltern ist das nicht planbar.

Wie sehen Sie das in Ihrem Fall?

Meine Eltern sind Mitte 80, ich konnte sie in einer wunderbaren Einrichtung unterbringen. Es geht ja nicht darum, dass ich jetzt rund um die Uhr sämtliche Pflegearbeiten übernehmen will, sondern es geht darum, für sie da zu sein. Meine Eltern konnten auch noch viel selbst entscheiden, das Wohin und den Zeitpunkt haben sie ausgesucht. Meine Eltern sind ein großes Vorbild für mich, ich habe von ihnen gelernt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und durch ihren Umzug nach Berlin in ein betreutes Wohnen wollte ich die Vereinbarkeit von Beruf und Kümmern und meinem Leben eigentlich gewährleisten. Ich habe dann aber gesehen, dass meine Mutter nach einem Krankenhausaufenthalt sehr abgebaut hatte. Ich bekam schnell den Eindruck: So wie sonst kann ich das nicht weiter machen, da kommt was auf mich zu und ich kann das nicht mit diesem Job vereinbaren. Es geht nicht darum, ganz aufzuhören. Aber ein Job in der Geschäftsführung, ein Job, der so viele Termine mit sich bringt, Repräsentationspflichten und oft bis in den Abend dauert - was ich alles sehr liebe - den kann ich so nicht fortführen, wenn ich meinen Eltern und meiner Arbeit gerecht werden will.

Man muss auch auf sich selbst achten …

(lacht) Ja, mit Mitte 30 stemmt man vieles leichter, jetzt muss man sehen, wo man bleibt. Ich habe mich zeitlich etwas unter Druck gefühlt und den Eindruck, ich muss was ändern, wenn ich meinen Ansprüchen - Arbeit und Eltern betreffend - gerecht werden will. Ich habe die Dinge aber gern im Griff. Ich wollte nicht erst agieren, wenn es dann pressiert.

Sie wollen für Ihre Eltern da sein, verständlich …

Ja, vor allem, weil ich das "Pech" habe (lacht), dass meine Eltern immer wunderbare Eltern waren und wir ein sehr enges Verhältnis haben. Außerdem habe ich keine Geschwister. Das heißt, es ist natürlich an mir, meine Eltern zu begleiten. Das ist mein Wunsch. Meine Eltern hätten gesagt, alles gut, Kind, wir schaffen das schon. Ich merke aber, dass die Nähe uns allen gut tut, ich mache das gerne. Man muss sich im Leben die Frage stellen, was man noch vorhat. Und es ist eine Art stiller Generationenvertrag.

Wie meinen Sie das?

Dass ich jetzt etwas tue, was mir später vielleicht auch gefallen würde. Also, dass meine Kinder später auch für mich da sind (lacht). Das weiß man natürlich nie. Dafür gibt es keine Garantie. Ich komme aus der Babyboomer-Generation und die jetzige Generation müsste eigentlich mehr arbeiten aufgrund des demografischen Wandels. Es gibt ja so wahnsinnig viele von uns.

Reicht unser Sozialsystem …

… und das Personal, naja. Da rollt ein großes Thema auf uns zu. Es ist gut, wenn wir uns rechtzeitig damit auseinandersetzen. Wir sehen ja, was auf dem Arbeitsmarkt los ist. Lange haben wir vom demografischen Effekt gesprochen, jetzt ist er da und das Jammern ist groß. Das Thema Pflege ist eine riesige Herausforderung und deswegen müssen wir über diese Pflegezeiten neu nachdenken. Und im Übrigen vielleicht auch mit so einer frauenpolitischen Brille, wie wir sie bei der Elternzeit aufgesetzt haben. Vor allem, weil die jungen Arbeitnehmer, die im Wohlstand aufgewachsen sind, gar nicht einsehen, dass man so hart arbeitet wie die älteren Generationen. Da wird heute viel mehr auf private Interessen geachtet, während meine Generation viel karrierefixierter war.

Immer wieder das alte Thema: Frauen und Care-Arbeit …

Dass ausgerechnet ich dieses Klischee jetzt wieder erfülle, nachdem ich jahrelang Frauenpolitik gemacht habe, empfinde ich selbst natürlich fast als ein bisschen ärgerlich. Wenn es denn wenigstens ein Mann gewesen wäre, der diese Entscheidung jetzt fällt. Auch Vera Schneevoigt (Anm.d.Red.: Die Bosch-Vorständin sorgte vor Kurzem für Aufmerksamkeit, weil auch sie ihren Job für die Pflege der Eltern aufgibt) ist ja eine Frau, die einen tollen Vorstands-Job sausen lässt, um sich um die Eltern zu kümmern. Schön wäre es, wenn wir auch bald von einem Mann hören, der diese Entscheidung trifft. Dabei erzählen viele Männer, dass sie wüssten, wie groß diese Herausforderung ist. Aber leider sind es noch oft die Frauen, die alles stemmen. Ich habe sehr viel Zuspruch und Sympathie erhalten, keine Frage, auch von Männern, aber ich habe noch mit keinem Mann gesprochen, der auf Einkommen oder Karriere und Ansehen zugunsten der Familie verzichten würde. Das ist die drängende, politische Frage: Wie wollen wir dieses demografische Problem lösen?

Gibt es denn überhaupt ein politisches Interesse an einer Lösung?

Ich glaube leider: Nein. Denn es läuft unserem aktuellen Problem ja zuwider. Wenn wir die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege attraktiver gestalten würden, wir sogar dafür sorgen, dass unter frauenpolitischen Aspekten nicht nur Frauen, sondern auch Männer diese Option wahrnehmen, dann entziehen wir dem Arbeitsmarkt ja weitere Mitarbeiter. Angesichts der Knappheit von gut ausgebildeten Arbeitskräften ist das sicher nicht das Interesse. Auf der anderen Seite wird es eine immer stärkere Lobby der Älteren geben, wir werden mehr, da werden wir uns unsere sozialen Sicherungssysteme viel ernsthafter angucken müssen.

Es wird um viel mehr private Vorsorge gehen …

… ja, denn steuerfinanzierbar ist das nicht. Das, was an Vermögensbildung stattgefunden hat in unserer Elterngeneration, gibt es in unserer Generation so nicht mehr, da kann man vielleicht noch auf vererbtes Vermögen hoffen. Wir müssen viel mehr über Vermögensbildung nachdenken und die daraus resultierende finanzielle Unabhängigkeit. Und wahrscheinlich kommen wir gar nicht um eine Erhöhung des Rentenalters herum. Das erfordert aber erst recht Lösungen, die die Unternehmen ihren Mitarbeitern anbieten müssen, wenn sie diese halten wollen.

Sind diese radikalen Schritte etwas typisch Weibliches?

Das ist meine Sorge! Ich fürchte, dass es wieder die Stereotype bedient. Die Frauen kümmern sich erst lange um die Kinder und stellen ihre Karriere zurück. Da nehme ich mich nicht von aus, auch ich habe für meine Kinder - natürlich auch auf meinen Wunsch hin - erst später angefangen. Und jetzt steige ich auch wieder früher aus. Aber ich bin mir sicher, eine Kündigung bedeutet nicht das Ende (lacht). Wenn sich eine Tür schließt, geht eine andere auf.

Die Kinder sind also aus dem Haus - dann kommen die Eltern …

So sieht es aus. Wenn auch nicht direkt wieder nach Hause, aber es ist doch irgendwie ein fast nahtloser Übergang.

Trotzdem Family first?

War immer mein Motto. Darum sollte man sich dann auch kümmern.

Mit Claudia Große-Leege sprach Sabine Oelmann

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen