Leben

Traditionen weitergeben Weihnachten auf Schlesisch

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In Polen werden viele Traditionen gepflegt.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Weihnachten verbringen die meisten gern mit der Familie und jede Familie hat ihre eigenen Rituale. Tannenbaum und Bescherung gehören dazu. Für Jessica Matyschok haben die schlesischen Weihnachtstraditionen ihrer Angehörigen einen ganz besonderen Wert.

"Ich bin erst zwei Mal in meinem Leben nicht dort gewesen. Das ist für mich ein Gefühl von Wärme und Gastfreundschaft. Ich lege mein Handy an die Seite. Ich mache mir keine Gedanken über die Arbeit. Es ist intensive Familienzeit. Wenn ich dorthin fahre, bin ich einfach nur glücklich." Jessica Matyschok freut sich alle Jahre wieder auf Weihnachten, obwohl sie bis zur Feier über 900 Kilometer in einem vollgepackten Auto fahren muss, die Knie unter dem Kinn. Es geht nach Polen, genauer in den polnischen Teil der Region Oberschlesien im Landkreis Oppeln.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Hunderttausende Schlesier aus der Region vertrieben. Jessica Matyschoks Großeltern konnten dort bleiben, ihre Eltern hat es aber auch nach Deutschland gezogen. Sie haben ihr schlesisches kulturelles Erbe und ihre Freude daran an ihre Tochter weitergegeben. Diese wiederum möchte es gerne später an ihre Kinder weitergeben, auch die Weihnachtstraditionen. "Rituale geben Sicherheit", sagt Prof. Dr. Christian Stegbauer. Der Soziologe forscht an der Goethe-Universität Frankfurt zu Ritualen und Traditionen an Weihnachten. "Wenn man sie hat, kennt man die Abläufe und weiß, was geschieht."

Matyschoks Lieblingstradition ist der zusätzliche Teller, der jedes Jahr beim Weihnachtsessen aufgestellt wird. Er ist für jemanden bestimmt, der sich selbst nichts zu essen leisten kann. "Früher habe ich immer am Fenster gestanden und nach draußen geschaut, ob wirklich jemand kommt und mit uns isst", sagt Matyschok. Auch dieses Ritual wird bis heute weitergeführt. "Für mich ist das einfach ein Symbol für die Gastfreundlichkeit der Schlesier. Die Leute würden dir ihr letztes Hemd geben, damit du dich wohlfühlst." Für sie kommt in den Traditionen das Wesen der Schlesier zum Ausdruck. "Weihnachtstradtionen entwickeln sich normalerweise in jeder Familie individuell. Sie können aber auch Identitätsstiftend wirken, gerade wenn sich Familien noch der heimatlichen Gemeinschaft zugehörig fühlen", sagt Stegbauer.

Viele Gänge auf dem Tisch

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In der Kirche St. Piotr feiern Jessica und ihre Familie die Pasterka.

(Foto: Jessica Matyschok)

Auch das Weihnachtsessen in Matyschoks Familie folgt Regeln. Heiligabend gibt es zwölf Gerichte mit Fisch als Hauptgericht. Jeder der Gänge steht für einen biblischen Apostel. In anderen Teilen Schlesiens gibt es noch einen 13. Gang. "Früher hat mein Opa den Karpfen sogar in der Badewanne gehalten, bevor wir ihn gegessen haben. Dann habe ich ihn immer angefasst", erinnert sich Matyschok. Auch wenn die Familie den Karpfen heute nicht mehr lebend kauft, geschuppt wird er in der Küche immer noch. Denn nach dem Kochen werden die Fischschuppen auf Küchenpapier getrocknet und ins Portemonnaie gesteckt. Das ist eine der wenigen Traditionen, bei denen Matyschok nicht mitmacht, weil sie den Geruch der Schuppen nicht mag. Gerade nachfolgende Generationen befolgen nicht immer alle Rituale. "Rituale ändern sich nach und nach. Jüngere Leute legen nicht ganz so viel Wert darauf. Sie werden aber spätestens wieder aufgenommen, wenn man eigene Kinder hat. Die werden dann genauso sozialisiert wie man selbst", sagt Stegbauer.

Im Gegensatz zum deutschen Phänomen der "Weihnachtschristen" ist die Kirche im ländlichen Polen immer noch an jedem Sonntag voll. Da ist Kirchgang an Weihnachten umso wichtiger. Um 24 Uhr geht es in die "Pasterka", die Hirtenmesse - in Erinnerung an die Hirten, die damals die Geburt Jesu Christi feierten. Sie dauert zwei Stunden und wird auf Hochpolnisch gehalten, das sich vom Schlesischen stark unterscheidet. "Ich verstehe von den Predigten immer nur die Hälfte. Aber um zwei Uhr, wenn dann irgendwann die Lichter ausgehen und die Kapelle anfängt, die Musik zu spielen, dann bekomme ich immer Tränen in den Augen. Wirklich. Das ist für mich das wunderschönste Gefühl." Und für dieses Gefühl nimmt Jessica Matyschok die fast 1000 Kilometer Strecke im vollen Auto jedes Jahr gerne auf sich.

Quelle: ntv.de