Leben

Über Thoreau zum Design Wenn Bücherregale philosophieren

AndreaRiccò.jpg

Andrea Riccò hat seinen Weg gefunden.

Andrea Affaticati

Andrea Riccò will Musiker werden, macht dann aber eine Banklehre und ist unglücklich. Lesen wird seine Befreiung. Heute entwirft er sehr eigenwillige Regale und lässt sich dabei gern von den Sätzen berühmter Philosophen leiten.

Schon der Ort des Treffens lässt ahnen, dass Andrea Riccò kein Designer im herkömmlichen Sinn ist. Die Verabredung findet nämlich nicht in Mailand, der Stadt des Designs schlechthin, oder in einem Interior-Design-Laden statt. Stattdessen holt Riccò seine Besucher am Hauptbahnhof der norditalienischen Stadt Reggio Emilia ab und weiter geht es gleich mit dem Auto nach Castello di Querciola, einen kleinen Ort ­im Apennin, eine halbe Stunde von Reggio entfernt.

Linfa1.JPG

Linfa - einer der zahlreichen Entwürfe von Andrea Riccò.

(Foto: Andrea Riccò)

Hier hat er sich vor einigen Jahren mit Lebensgefährtin Eleonora und dem sehr eigenwilligen Kater Platone in einem Steinhaus aus dem 13. Jahrhundert einquartiert. Rund um Castello di Querciola sind Wälder, in denen er gern spazieren geht, um die Ruhe und die Harmonie zu genießen. Eigentlich mag es Riccò, ein gut aussehender Mittdreißiger mit langer Mähne und kurz getrimmtem Bart, gar nicht, wenn man ihn als Designer und seine Bücherregale als Designobjekte beschreibt.

Er selbst spricht von häuslichen Skulpturen, und in der Tat geht es bei seinen Bücherregalen nicht allein und sogar nicht vorrangig um die Funktion, sondern viel mehr um den Sinn. Das Regal "Catena" zum Beispiel, bestehend aus zwei hölzernen Kettengliedern, das größere von einer Stahlklinge durchtrennt, steht für die befreiende Funktion der Bücher. Eine Erfahrung, die Riccò selber gemacht hat. Manche ermöglichen es, die Welt mit anderen Augen zu erfassen, worauf das Regal "Occhio" (Auge), auch "Democrito" genannt, hinweist. Und schließlich sind Bücher eine wichtige Lebensquelle, daher die Designskulptur "Linfa".

Der Weg der Philosophie

Warum er sich so sehr auf Bücher fixiert, warum sich seine ganze Kollektion "Forme di Sophia" um das Buch dreht, hat mit seiner persönlichen Lebensgeschichte zu tun. "Eigentlich wollte ich Musiker werden", erzählt er. "Nach der Matura bin ich bei einer örtlichen Musikantengruppe gelandet und hab mir so die Musikhochschule bezahlt. Doch eine chronische Sehnenentzündung hat meinen Traum zunichtegemacht." Nach diesem harten Schlag wusste Riccò nicht, wie es weitergehen soll. Zu Hause herumzulungern war ausgeschlossen, er war mittlerweile immerhin schon 25 Jahre alt.

RiccòDemocrito.jpg

Democrito erinnert an ein Auge.

(Foto: Andrea Riccò)

"Natürlich war Bankangestellter alles andere als mein Traum, doch abschlagen konnte ich das Angebot auch nicht, besonders in einer Provinzstadt wie Reggio Emilia, wo sowieso jeder über jeden tratscht." Fünf Jahre lang hat Riccò die Zähne zusammengebissen, ist Tag für Tag seiner Angestelltenarbeit nachgegangen, ohne jedoch die Hoffnung aufzugeben, dass sich das Blatt doch noch wendet.

Er begann wie verrückt Bücher zu lesen, eine Zeitlang wahllos, bis er eines Tages auf die Philosophie stieß. Das sei der Moment der Erleuchtung gewesen, erzählt er. "Zwar wusste ich noch immer nicht, wohin mich diese Lektüre führen würde, aber ich war mir sicher, endlich auf dem richtigen Weg zu sein." Und er sollte recht behalten. Eines Tages räumte er seinen Schreibtisch, verabschiedete sich von den Kollegen in der Bank und ging mit leichtem Gepäck seinem neuen Leben entgegen.

Als einzigen Wegweiser hatte er das Buch "Walden. Oder das Leben in den Wäldern" von Henry David Thoreau im Rucksack. Das Buch aus dem Jahr 1854 erzählt von Thoreaus zeitweiligem Leben außerhalb der Konventionen, in einer Blockhütte an einem See, umgeben von Wäldern. Mittlerweile hat sich Riccò das Konterfei des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen auf den Unterarm tätowieren lassen.

Der Physik Gefühle vermitteln

Normalerweise ist es ein Satz aus einem Buch, der ihn inspiriert und den er dann aufs Essenziellste reduziert und in eine plastische Form kleidet. Beim Regal "Catena" war es Jean-Jacques Rousseaus Zitat "Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten", das ihm den Weg zeigte. "Für jedes Bücherregal zeichne ich zig Skizzenblöcke voll. Mir geht es viel mehr um den Sinn als um die Funktion. Ich suche nach dem harmonischen Einklang", beschreibt Riccò  diesen Prozess. Das ist auch der Grund, warum er so lange an den Skizzen arbeitet.

Entspricht die Zeichnung schließlich seiner Vorstellungen, macht er sich an die Anfertigung des Holzmodells in der Größe 1:1. Auch an diesem feilt und schleift er so lange, bis er das Gefühl hat: Jetzt ist alles so, wie es sein soll. Und erst dann fährt er zu einem Freund nach Modena, der am Computer ein dreidimensionales Modell anfertigt. "Würde ich die Skizzen sofort in eine Computerzeichnung übertragen lassen, hätte ich nicht die richtige Wahrnehmung des Endergebnisses." Denn mathematische Formeln würden zwar die Statik bestimmen, "doch erst dieses langsame Vorwärtstasten haucht der Physik Emozioni (Gefühle) ein", meint Riccò.

Auch deshalb ist er mit der Bezeichnung Designer nicht wirklich glücklich. Er erwähnt die Wiener Werkstätte - Gustav Klimt, Kolo Moser, Otto Wagner. Das verstehe er unter Design, während heute Computer und Serienherstellung alles bestimmen würden. "Das ist nicht mein Ding." Dann eben Künstler oder zumindest Kunsthandwerker. "Das kommt mir wiederum zu prätentiös vor. Mein Vater war Handwerker, meine Mutter hatte ein kleines Dessous-Unternehmen. Beide waren mit meinen Träumen überfordert. Dass man statt mit einer soliden Arbeit mit einer Leidenschaft seinen Alltag bestreiten könne, war für sie nicht nachvollziehbar. Und deswegen tue ich mich bis heute schwer, mich als Künstler zu definieren." Bei Goethe nachlesend erfährt man, dass aus Mäßigkeit das reine Glück entspringe. Riccòs Lebensphilosophie scheint dem recht zu geben.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema