Leben

Leben mit Hashimoto Thyreoiditis Wenn Hormone nicht mehr helfen

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Bei einer Schilddrüsenentzündung zerstören Antikörper nach und nach die Schilddrüse.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Hashimoto Thyreoiditis wird mittlerweile als neue Volkskrankheit gehandelt. Gegen die Schilddrüsenunterfunktion als Folge der chronischen Entzündung des Organs bekommen die Patienten Ersatzhormone. Doch für manche ist diese Therapie längst nicht ausreichend.

Nach der Geburt ihres zweiten Kindes stellte Yavi Hameister plötzlich fest, dass sie sich enorm unwohl fühlt. Lethargie, Depressionen, Müdigkeit und Gliederschmerzen plagten die junge Mutter. Hat sie vielleicht eine postnatale Depression? Schließlich liest man häufig davon. Doch sie ahnte bereits, dass mehr hinter ihren Symptomen stecken muss. Schon in der ersten Schwangerschaft litt sie an einer Schilddrüsenunterfunktion.

Hameisters Verdacht bestätigte sich beim Hausarzt: Es handelte sich tatsächlich um ein Problem mit der Schilddrüse - allerdings nicht mehr um eine bloße Unterfunktion, sondern um Hashimoto Thyreoiditis. Diese Erkrankung gilt als unheilbar. Hameister erhielt wie die meisten Patienten Schilddrüsenhormone, um die Unterfunktion zu beseitigen. In der Schulmedizin gilt das als die häufigste und oft einzige Therapieform. Jedoch verbesserte sich ihr Gesundheitszustand kaum. Wie viele Betroffene suchte die heute 34-Jährige nach einem alternativen Weg, um ihre Lebensqualität zurückzubekommen.

Was ist Hashimoto Thyreoiditis?

Autoimmunerkrankungen

Autoimmunerkrankung ist der Überbegriff für eine Vielzahl an Krankheiten, bei denen das Immunsystem überreagiert und gegen körpereigenes Gewebe aktiv wird. Dadurch kommt es zu verschiedenen Entzündungsreaktionen, die langfristig zu Schäden an den betroffenen Organen führen.

Für diese Erkrankungen werden drei Dinge als Ursachen benannt: eine genetische Prädisposition, bestimmte Umweltfaktoren und Veränderungen in den Regulationsmechanismus der Immunabwehr.

Frauen erkranken wesentlich häufiger als Männer, vor allem im Alter zwischen 20 und 40 Jahren.

Bei Hashimoto Thyreoiditis (HT) handelt es sich um eine Entzündung der Schilddrüse, "die in vielen Fällen im Spätverlauf zu einer Verkleinerung und Zerstörung der Schilddrüse führt", sagt der Gründer des Deutschen Schilddrüsenzentrums, Professor Hans Udo Zieren, im Gespräch mit ntv.de. Dabei wird zwischen akuten und chronischen Schilddrüsenentzündungen unterschieden. Diese treten oft im Zusammenhang mit einer Autoimmunerkrankung auf. Bei der akuten Form kommt es kurzfristig zu einer Schwellung des Organs mit den Symptomen einer Schilddrüsenüberfunktion, da vermehrt Schilddrüsenhormone freigesetzt werden. Im Anschluss an die Entzündung bleibt die Schilddrüse oft verkleinert zurück.

Wesentlich häufiger dagegen ist die langsamer verlaufende chronische Schilddrüsenentzündung, die sich häufig erst im Spätverlauf mit den Symptomen einer Schilddrüsenunterfunktion (zum Beispiel Kraftlosigkeit, Antriebslosigkeit, Gewichtszunahme oder Libidoverlust) bemerkbar macht. Frauen sind neunmal häufiger von HT betroffen als Männer. Warum das so ist, weiß man nicht. Auch die Ursachen für HT sind bisher weitestgehend unbekannt. Vermutlich spielen starke Hormonschwankungen, eine entsprechende genetische Veranlagung, Stress und eine zu hohe Jodzufuhr eine Rolle. Festgestellt werden kann HT mithilfe einer Blutuntersuchung der relevanten Schilddrüsenhormone und Antikörper gegen die Schilddrüse. Auch im Ultraschall kann der Arzt erkennen, ob die Schilddrüse gesund oder möglicherweise an HT erkrankt ist.

Schulmedizinische Therapie erfolgt mit Schilddrüsenhormonen

Da eine ursächliche Behandlung der HT nicht existiert, werden die Patienten mit einer Schildrüsenunterfunktion meist mit Schilddrüsenhormonen behandelt. Diese müssen dann oft ein Leben lang eingenommen werden. Das führt nach einigen Wochen bei vielen zu einer deutlichen Verbesserung der Beschwerden oder gar zu völliger Symptomfreiheit. "In der Regel gelingt eine gute Einstellung mit L-Thyroxin. Der Großteil der Patienten mit Hashimoto fühlt sich nicht krank", sagt Zieren. Frauen mit Kinderwunsch können bei korrekter Einstellung laut des Experten problemlos Nachwuchs bekommen. Die Lebenserwartung der Betroffenen ist durch die Erkrankung keineswegs eingeschränkt.

Jedoch gibt es einige Patienten, deren Lebensqualität trotz korrekter Schilddrüseneinstellung stark gemindert ist und die sich von Ärzten deshalb oft unverstanden fühlen. Hameister gehörte auch zu ihnen: "Die ersten Monate der Erkrankung war ich medizinisch richtig eingestellt, aber mir ging es absolut nicht gut", erinnert sie sich. Für solche Fälle bietet die Schulmedizin kaum Lösungsansätze. Nicht wenige Betroffene resignieren sogar und finden sich mit ihrem vermeintlichen Schicksal ab. Für Hameister kam das nicht infrage. Sie wandte sich an Dr. Simone Koch, Privatärztin für Ernährungs- und Funktionelle Medizin, die ihr einen individuellen Therapieplan zusammenstellte. Heute lebt die Buchautorin fast vollkommen beschwerdefrei und muss nicht einmal mehr Schilddrüsenhormone nehmen. Gemeinsam mit Koch schrieb sie ihr neues Buch "Happy Hashimoto", das Betroffenen Wege aufzeigt, wie die Schilddrüse abseits der Hormonsubstitution wieder ins Lot kommt.

Mit Ernährungsumstellung und Entspannung zum Erfolg

Um ihre Symptome in den Griff zu bekommen, musste Hameister so einiges an ihrem Lebensstil ändern. "Es ist so schwer, die Schilddrüse ein für allemal einzustellen, weil so viele Einflüsse dazukommen, wie zum Beispiel eine unpassende Ernährung, Schlafmangel oder Stress im Körper", sagt die zweifache Mutter. Zunächst entschied sie sich auf Anraten ihrer Ärztin dazu, auf Gluten zu verzichten. "Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass falsche Ernährung einen Einfluss auf die Schilddrüse hat", erklärt sie.

Wenn sie glutenhaltige Lebensmittel zu sich nehme, führe das sehr schnell zu einer Verschlechterung ihres allgemeinen Wohlbefindens. Seltener auf ihrem Speiseplan stehen auch Milch und Milchprodukte, da diese ebenso entzündungsfördernd sein können. Auch isst sie keine stark gezuckerten Lebensmittel mehr. Stattdessen stehen viel Obst, Gemüse, glutenfreie Alternativen sowie Eier und ein- bis zweimal die Woche Fisch auf ihrem Speiseplan. Zusätzlich zu ihrer Ernährungsumstellung hat sie im Laufe der Zeit auch etwaige Nährstoffmängel mit Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen. Dazu gehörten bei ihr beispielsweise die Einnahme von Vitamin D3, Eisen oder Omega-3-Fettsäuren.

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Yavi Hameister weiß genau, wie sich Betroffene fühlen. Eine Anpassung der Lebens- und Ernährungsweise hat der Autorin geholfen.

Ein weiterer wichtiger Faktor für Hameisters Heilung war die Stressreduktion. "Wenn der Cortisolspiegel immer zu hoch ist, spielt das bei Hashimoto sowieso dauerhaft kampfbereite Immunsystem verrückt. Deswegen geht es darum, den Körper von Stress zu befreien", sagt sie. Mithilfe von Entspannungstechniken wie Meditation oder Yoga sowie der Entschlackung ihres vollgepackten Tages konnte sie ihren Stress erfolgreich reduzieren und dadurch die Zahl der Entzündungsschübe der Schilddrüse noch weiter verringern.

Besonders das Weglassen von Gluten zeigte schnell Erfolge: "Schon nach wenigen Tagen habe ich gemerkt, dass ich viel besser schlief, mein Darm sich erholte und ich viel energiegeladener morgens aufstand", erinnert sie sich. Nach einiger Zeit traute sich Hameister in Absprache mit ihrer Ärztin sogar, die Schilddrüsenhormone komplett abzusetzen. Sie betont jedoch, dass es nie ihre Absicht gewesen war, auf die Medikamente komplett zu verzichten. Hameister rät anderen Betroffenen davon ab, sich dieses Ziel zu setzen, da nicht jeder gänzlich ohne Schilddrüsenhormone leben können wird: "Je früher man die Krankheit als Teil seines Lebens akzeptiert, desto einfacher kann man damit leben. Es ist okay, ein Medikament zu nehmen, wenn es deine Lebensqualität erhöht", beteuert sie.

Nicht alle Probleme hängen mit der Schilddrüse zusammen

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Zieren lehnt die Maßnahmen von Hameister keineswegs ab: "Diese Ratschläge, sich gesund zu ernähren oder viel zu schlafen, schaden dem Körper nicht. Inwiefern sich das aber tatsächlich auf die Behandlung der Hashimoto Thyreoiditis auswirkt, ist derzeit wissenschaftlich nicht gesichert, wie viele andere Fragen auch", sagt der Mediziner. So verweist der Mediziner auf eine aktuelle wissenschaftliche Studie, die sogar zeigt, dass die komplette operative Entfernung der Schilddrüse bei symptomatischen Hashimotopatienten zu günstigeren Ergebnissen führt als eine medikamentöse Therapie. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass nicht alle Beschwerden und Probleme von Hashimoto-Patienten unbedingt mit der Schilddrüse zusammenhängen müssen. Zieren führt als Beispiel das Körpergewicht an: "Eine Schilddrüsenunterfunktion kann auch dick machen, aber die meisten Patienten essen zu viel."

Im Endeffekt muss jeder Betroffene wohl seinen eigenen, individuellen Weg für den Umgang mit der Erkrankung finden. Wer sich trotz guter Einstellung mit Schilddrüsenhormonen stark in seiner Lebensqualität eingeschränkt fühlt, kann beispielsweise das Weglassen von Gluten und andere Umstellungen ausprobieren.

Quelle: ntv.de