Leben

Alkohol, der stille Freund Wenn Opi zu viel säuft

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Zu alt für Alkohol? Insbesondere der älter werdende Organismus erleidet durch Alkoholmissbrauch starke gesundheitliche Schäden.

Mehr als drei Millionen Senioren trinken in riskantem Umfang Alkohol - Hunderttausende rutschen tief in die Sucht. Doch anders als der Alkoholkonsum bei Jugendlichen wird das Saufen im Alter später erkannt, häufiger toleriert und dann auch noch verschwiegen.

Heinz Lehmann ist 68 Jahre alt, Vater von zwei Kindern, Opa, Rentner - und Alkoholiker. Erst war es der Schnaps, den er mal zur Beruhigung, mal zur Stärkung, für den restlichen Tag brauchte. Außerhalb der Familie ahnten nur wenige, dass Lehmann, der seinen richtigen Namen nicht öffentlich lesen will, ein Alkoholproblem hatte. Er verdiente gut, hatte Freunde, war gepflegt und trank mit Disziplin.

Dann starb seine Frau und Lehmann begann schon am Morgen, Schnaps zu trinken. Bald entglitt ihm die Kontrolle, er rutschte tief in die Sucht. Sein Körper zeigte nicht nur immer mehr Falten, graue Haare und andere Wehwehchen. Auch seine Organe wurden empfindlicher, reagierten sensibler auf das Gift. Lehmann begann, seinen Alltag nur noch schemenhaft wahrzunehmen.

Sucht im Alter - ein Tabuthema, das hierzulande lange totgeschwiegen wurde. Von den Angehörigen, der Forschung und der Politik. Vor einigen Jahren sah man überall Plakate der Kampagne "Alkohol - kenn' dein Limit". Sie zeigte Jugendliche auf Partys, die zunächst fröhlich miteinander feiern, während sie auf einem zweiten Bild entweder sturzbetrunken auf dem Asphalt liegen oder gleich vom Rettungswagen abgeholt werden. Binnen der vergangenen 15 Jahre hat sich die Zahl der jugendlichen Alkoholkonsumenten halbiert, auch junge Erwachsene trinken immer weniger.

Lehmann ist einer von vielen

Eine Plakatkampagne, die sich an über 65-Jährige richtet, gäbe bildlich nicht viel her. Denn die Sucht im Alter trägt ein anderes Gesicht. Während Jugendliche damit prahlen, wie herrlich der letzte Rausch gewesen ist, schweigen die Älteren und ziehen sich viel eher in die Einsamkeit zurück. Bis zum Jahr 2003 gab es keine einzige Studie, in der ältere Menschen einbezogen waren. Doch inzwischen ist längst klar: Lehmann ist beileibe kein Einzelfall.

Unter den über 65-Jährigen sind 400.000 Menschen alkoholabhängig und rund zwei Millionen abhängige Raucher. Dazu kommen über 1,9 Millionen Menschen, die Benzodiazepin-abhängig sind, also von Medikamenten wie Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Aber das ist nur die Spitze des Eisberges. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts konsumieren über drei Millionen ältere Menschen (18 Prozent der Männer und 12 Prozent der Frauen ab 65 Jahren) in riskantem Umfang Alkohol - also mehr, als der Gesundheit gut tut.

Plötzlich Leere

Warum Menschen erst im Alter in die Sucht abstürzen, hat viele Ursachen. Zum einen ist Alkoholkonsum gesellschaftlich akzeptiert, Schlaf- und Schmerztabletten sind leicht zu beschaffen. Zum anderen müssen wir uns im Alter von vielem verabschieden: vom Beruf, von der persönlichen Körperkraft, von Gesundheit und geistiger Beweglichkeit, manchmal von der eigenen Wohnung, in jedem Fall aber von geliebten Menschen.

Die Tage haben plötzlich keinen Rhythmus mehr. Statt regelmäßiger Arbeit gibt es auf einmal viel Freizeit, die viele Menschen oft als belastend empfinden. Die Wohnung ist leer, weil die Kinder groß und aus dem Haus sind. Immer häufiger sitzt man alleine vor dem Fernseher. Nicht jeder erträgt die Einsamkeit und die Umbrüche gleichermaßen gut. Zum Verdauungsschnäpschen nach dem Mittagessen gesellen sich ein Likörchen zum Kaffee und der Rotwein zum Krimi. Die Schlaftablette zur Nacht bringt schnelle Erleichterung.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Sucht im Alter ist der sich verändernde Körper. Der ältere Mensch braucht zum einen weniger, um überhaupt in den Rausch hineinzukommen. Und um wieder nüchtern zu werden, braucht er viel mehr Zeit. Der Alkohol bleibt länger in den Zellen, was zu Schäden der Leber, des Herzens, der Nerven, der Nieren, des Magens und des Darms führen kann. Die Grenze für unbedenklichen Konsum, die für jüngere Frauen bei weniger als zwölf Gramm reinem Alkohol liegt und für Männer beim Doppelten, gilt im Alter nicht mehr. 0,1 Liter Wein oder 0,25 Liter Bier pro Tag sind also schon zu viel.

Alkoholiker? Ich doch nicht!

Außerdem ist im Alter sehr oft die Blut-Hirn-Schranke gestört. Diese Barriere zwischen dem Zentralnervensystem und dem Blutkreislauf verhindert, dass der Alkohol seine volle Wirkung entfalten kann. Ist diese Schranke durchlässig, können schon kleine Mengen an Alkohol betrunken machen. Was wiederum zu einer schlechten Verfassung und hoher Sturzgefahr führt.

Das musste auch Lehmann am eigenen Leib erfahren, als er eines Morgens mit zwei gebrochenen Rippen auf dem Boden seiner Küche aufwachte. Wie er dorthin gelangt war, weiß er nicht. Nur dass er Angst um sein Leben bekam. Um sich vor sich selbst zu schützen, ließ sich der damals 66-Jährige ins Krankenhaus einweisen.

Suchtprobleme im Alter werden häufig verharmlost, der Missbrauch oft viel zu spät erkannt. Der ältere Herr, der torkelt und stürzt, die Seniorin, die undeutlich spricht - wer kommt schon auf die Idee, dass sie einen über den Durst getrunken haben könnten? Es gibt keine Kollegen mehr, denen mangelnde Arbeitsleistung auffallen könnten. Und für viele Familienangehörige ist eine Unterscheidung zwischen altersbedingten Problemen und einer Sucht oft nicht leicht. Wird ein glasiger Blick beobachtet oder die typische Alkoholfahne gerochen, tun sich Kinder oftmals schwer, den Vater oder die Mutter darauf anzusprechen.

Betreutes Trinken in Altersheimen

Dass Süchte im Alter ein Problem sind, hat unterdessen auch die Bundesregierung erkannt. Seit 2010 fördert sie mit dem Projekt "Sucht im Alter" acht Modellprojekte, bei denen Fachkräfte aus der Sucht- und Altenhilfe Erfahrungen austauschen und strukturiert zusammenarbeiten. Und das mit dem gewünschten Erfolg, wie Oliver Ewald, Pressesprecher des Bundesministeriums für Gesundheit n-tv.de mitteilt. "Neben der Qualifizierung der Fachkräfte wurde das Thema vor allem lokal in der Öffentlichkeit stärker in das Bewusstsein gerückt." Die Ergebnisse sind in einem Ratgeber zusammengefasst.

Auch die Länder haben entsprechende Initiativen gestartet. Ein Beispiel ist die Initiative des Landes Nordrhein-Westfalen "Stark bleiben - für ein Leben ohne Sucht". In Berlin bietet die Landesstelle für Suchtberatung Seminare zum Thema "Suchtsensible Pflege" an. In vielen Seniorenheimen steht mittlerweile betreutes Trinken auf der Tagesordnung - soll heißen, Alkohol wird vom Pflegepersonal kontrolliert an jene Heimbewohner abgegeben, die ihn brauchen.

Heinz Lehmann hat nach seinem Sturz zunächst eine dreiwöchige Entgiftung gemacht, es schlossen sich anderthalb Jahre Therapie mit Einzel- und Gruppengesprächen an. Dass er Alkoholiker ist, kann er auch heute manchmal selbst noch nicht glauben.

Quelle: ntv.de