Leben

Dank an zwei Berliner Polizisten Wie meinem Mann das Leben gerettet wurde

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Schlimme Nachricht: "Ihr Mann liegt im Koma."

Viel ist in aller Welt gerade von Polizeigewalt zu lesen. Doch diese Geschichte ist ein Kontrapunkt. Sie erzählt, wie zwei Berliner Polizisten klug und selbstlos einen Jogger wiederbelebten, der im Wald zusammengebrochen war. Allerdings war es später gar nicht so einfach, die beiden zu finden.

Gleich wird der Krankentransporter des Deutschen Herzzentrums meinen Mann nach Hause bringen. Er hat knapp überlebt - erst eine dramatische Wiederbelebung und jetzt eine Bypass-OP. Zehn Wochen dauert unser medizinischer Ausnahmezustand. Wir lebten in einer Welt von Corona-Sperrzone, Sterillium-Dämpfen und strikten Besuchs-Regeln. Wenn er gleich ankommt, werden wir die Haustür hinter uns zumachen, durchatmen und dann seine Retter anrufen. Die zwei Berliner Polizisten, die ihn vor dem sicheren Tod bewahrt haben. Als sie meinen Mann fanden, lag er mit dem Gesicht auf dem Boden und konnte nicht atmen.

Es war ein regnerischer Montagabend Ende März. Wir wollten am Teltowkanal joggen gehen. Es dämmerte und ich hatte wenig Lust. Er war einverstanden, alleine zu laufen, und wir trennten uns wie Leute, die nur für eine Stunde auseinandergehen. Flüchtiger Kuss, kleines Winken, kein wirklicher Abschied. Als ich ihn wiedersah, lag er im künstlichen Koma und die Ärzte machten hinter dem Mundschutz schwer besorgte Gesichter.

Um sieben war er losgelaufen. Etwa zeitgleich, 300 Meter Luftlinie entfernt, überlegten zwei Beamte des Berliner Landeskriminalamtes, ob sie nicht heute auf ihre übliche Jogging-Runde verzichten sollten. Es dämmerte schon, das Wetter war unfreundlich und ein gemütlicher Feierabend nach acht Stunden Polizeidienst winkte. Doch Juliane und Christoph trainierten für den Marathon und wollten außerdem die neuen Laufuhren ausprobieren. Also ließen die beiden Kripo-Beamten ihre Handys zu Hause und rannten los, zum Teltowkanal.

"Kehren wir um"

Um 19.30 Uhr schaute ich auf mein Handy. Manchmal schickt mein Mann Fotos von der Laufstrecke, damit ich raten kann, wo er ist. Diesmal nicht. Genau um 19.30 Uhr hörte sein Herz auf zu schlagen. Und genau um 19.30 Uhr kreuzten die beiden Polizisten seinen Laufweg. Sie überholten ihn auf einem Waldstück am Kanal und sahen, dass er schwankte, sich an den Rand des Schotterwegs hinkniete, sein Handy in der Hand. "Seltsam", dachten sie, liefen aber weiter. Nach 30 Metern drehten sie sich noch einmal um. Da lag er ausgestreckt auf dem Weg, mit dem Gesicht nach unten auf dem Schotter. "Kehren wir um", sagte Christoph zu Juliane. Sekunden später waren sie bei ihm.

Die folgenden Minuten rekonstruierten wir später mit kriminalistischer Genauigkeit: Juliane sichert den Unfallort, dirigiert einen schockierten Fahrradfahrer zur nächsten befahrenen Querstraße. Dort soll er die Adresse feststellen, den Notarzt rufen und bis zu dessen Eintreffen warten. Dann möge er bitte den Krankenwagen in das Waldstück lotsen. Sie selbst greift das Handy meines Mannes, es liegt im Graben, der Sperrbildschirm ist noch nicht erschienen, und wählt die letzte aktive Nummer: Sie erreicht seinen Vater, der in Paris lebt und nur Französisch spricht. So versteht der alte Herr an diesem Abend nicht, dass sein Sohn gerade mit dem Tod ringt.

Juliane kniet sich hin und breitet ihre Jacke über den fremden Jogger. Ihr Freund Christoph hat da bereits den Herzstillstand festgestellt und mit einer Herz-Lungen-Massage begonnen. Weil er für die Berliner Mordkommission arbeitet, hat er schon viele Leichen gesehen, aber noch nie einen Menschen, der im Sterben liegt. Zehn Mal bringt er das Herz dieses Fremden eigenhändig wieder zum Schlagen. Und zehn Mal steht es wieder still. Christoph hält durch, reanimiert und beatmet, reanimiert und beatmet und fährt fort, als der Rettungswagen 15 Minuten nach dem Notruf endlich eintrifft. "Gute Arbeit, weitermachen, bis wir das Gerät ausgepackt haben", rufen die Feuerwehrleute, die im Sturmschritt herbeieilen.

Schlaflose Nacht: "Haben wir es geschafft?"

Als Christoph ihnen den Patienten übergibt, ist er erschöpft, aufgewühlt und unsicher. Ist es ihm gelungen, dem Tod einen Strich durch die Rechnung zu machen? Obwohl die beiden Polizisten hervorragend ausgebildete Ersthelfer sind, wissen sie nicht, ob sie es wirklich geschafft haben, als der Notarztwagen davonfährt.

Draußen ist es inzwischen finster und ich rätsele, wo mein Mann bleibt. Ich rufe sein Handy an, es meldet sich eine fremde Stimme: "Hier ist die Feuerwehr. Ihr Mann liegt nach einem Herzstillstand im Koma." Ich kann gar nicht schnell genug nachfragen: Glück im Unglück? 15 Minuten war er tot? Zwei Polizisten? Haben ihm das Leben gerettet? Haben Sie die Namen? Ach, die sind gerade weg? Und Sie haben wirklich keine Namen? Als ich auflege, klingt ein Satz des Notarztes nach: "Die beiden haben medizinisch alles richtig gemacht. Besser geht es nicht. So ein Einsatz in der Corona-Krise ist wirklich nicht selbstverständlich."

300 Meter Luftlinie entfernt verbringen Christoph und Juliane eine schlaflose Nacht. Sie rufen am nächsten Tag in der Charité an, erkundigen sich, erfahren aber nichts. "Datenschutz." Sie hinterlassen ihre Namen, die uns mitgeteilt werden sollen, falls wir nachfragen. Das tun wir, mehrmals, zehn Mal, doch die Nachricht kommt nie bei uns an. Erst eine Presseanfrage bei der Berliner Polizei führt zum Erfolg.

Spur im LKA-Report

Allerdings dauert es Wochen, bis die Geschichte einer hochherzigen Lebensrettung alle Polizei-Dienststellen und Abteilungen durchlaufen hat. Bis ein Kollege von Juliane und Christoph die Geschichte wiedererkennt, weil sie in einem internen LKA-Report auftaucht. Bis wir endlich zusammensitzen. Christoph schaut meinen Mann an und fragt: "Sollen wir uns duzen?" Der lacht und sagt: "Unbedingt. Wir sind uns ja sehr nahegekommen."

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Überlebt: Nach Bypass-OP wieder zu Hause.

(Foto: Privat)

Mit Leidenschaft debattieren wir die dramatische Viertelstunde. Und nehmen uns die Zeit, den oft alles entscheidenden Mosaikstein im Leben-und-Tod-Kosmos zu streifen. Die Frage bleibt: Ist es wirklich nötig, dass Ersthelfer so schnöde behandelt werden? Schließlich arbeiten ja nicht alle im Morddezernat und haben Nerven aus Stahl. Wäre ein Anruf vom Krankenhaus wirklich zu viel verlangt gewesen? Die Charité-Pressestelle gibt sich zugeknöpft: Wir sind für Noteinsätze grundsätzlich nicht zuständig. Wenn Sie etwas zu dem Fall wissen wollen, melden Sie sich einfach ... bei der Polizei. "Das ist doch eine grandiose Idee", denke ich.

Gerade biegt der Transporter des Herzzentrums in unsere Einfahrt ein und besiegelt den Augenblick, in dem mein Mann dem Krankenhaus-Universum entronnen ist. Und jetzt? Jetzt ist es geschafft, auch die Herz-OP ist gut verlaufen. Wir können uns nun bei unseren Polizisten melden. Und vielleicht verabreden wir für den Spätsommer einen Termin - zum Joggen am Teltowkanal.

Quelle: ntv.de