Leben

In Vino Verena Wir müssen lernen, zusammenzuarbeiten

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Corona ist auch eine Zerreißprobe für unsere Gesellschaft.

(Foto: imago images/Christian Ohde)

Covid-19 ist mit voller Wucht zurück. Wir haben versucht, es auszublenden. Aber das ist dem Virus egal. Kontaktverbote, Maskenpflicht, Reisewarnungen, widersprüchliche Regeln - alles auf Anfang. Die Verwirrung greift um sich, auch bei unserer Kolumnistin.

"Ach, du immer mit deiner Gesellschaft", sagt ein guter Freund, mit dem ich - ausgerechnet bei dieser Jahreszeit - auf einem kalten Bordstein sitze, während wir uns einen Burrito munden lassen. Genervt meint er, ich würde zu viel Fernsehen schauen und mich von den vielen Nachrichten kirre machen lassen. "Aber Corona ist doch für uns alle belastend", schimpfe ich und frage mich, ob er mehr von mir oder von Covid-19 genervt ist. Vermutlich ist es beides. Mein Freund glaubt, die Gesellschaft habe sich schon immer in Schieflage befunden, aber die Menschen seien eben Meister im Verdrängen.

Vor Kurzem habe ich eine Kolumne mit dem Titel "Bill Gates hat Corona erfunden" geschrieben. Es ging darin um meine Teilnahme an einer Hochzeitsfeier im Sommer, bei der viele Leute waren, die glaubten, Corona gebe es nicht wirklich und all die Vorsichtsmaßnahmen seien nur Panikmache oder Versuche, aus staatlicher Sicht die absolute Kontrolle herzustellen. Nie zuvor habe ich auf einen Text so viele Zuschriften erhalten. Es kam sogar eine E-Mail aus Wuhan. Und es liegt auf der Hand, dass auch negative Reaktionen nicht ausbleiben. Menschen beschimpften mich teils wüst, denn natürlich kann man nicht per se jeden, der eine andere Meinung zu dem Thema hat, als Covidioten abstempeln (was ich auch nicht getan habe).

Ich habe sehr lange überlegt, ob ich überhaupt noch einmal etwas darüber schreibe. Nicht aus Angst, von aufgebrachten Menschen wieder verbal eins auf den Dez zu kriegen, sondern weil ich glaube, dass wir alle nicht nur Corona-müde, sondern zunehmend auch verunsichert sind.

"Setzen Se bitte 'ne Maske auf!"

Ganz ehrlich: Ich habe manchmal das Gefühl, verrückt zu werden. Aus purem Selbstschutz schaue ich nur noch einmal am Tag die aktuellen Nachrichten. Ich bin zusehends hin- und hergerissen. Ich sehe Promis, die in ihren Instagram-Storys warnen, doch bitte brav mit dem Hintern zu Hause zu bleiben, während sie selbst in der Gegend rumgondeln. Ich ignoriere es, wenn ich auf der Straße Leute sehe, die sich gegenseitig aggressiv beschimpfen, weil der eine dem anderen zu sehr auf die Pelle gerückt ist. Ich ertrage es nicht mehr, wenn die Frau an der Supermarktkasse Kunden zum x-ten Mal bittet, einen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen und dafür plumpe Sprüche erntet.

Neulich, ich schiebe gerade meinen Einkaufswagen durch die Gänge, steht vor mir eine Familie. Vater, Mutter, zwei Kinder. Alle ohne Masken. An ihren Rucksäcken baumeln kleine aus Alufolie gebastelte Kügelchen. Der Mann schreit durch den halben Laden, er finde das Hundefutter nicht - "Susi, komma! Wat? Dreiachtzig die Dose? Nee!" Jeden, der an ihm vorbeigeht, schaut er provokant an und erhebt unverzüglich das Wort: "Da kiekste, wa? Keene Maske! Ich bin freier Bürger, du nich'!" Seiner Frau ist das unangenehm. Ich verkrümele mich sofort aus dem Gang. All diese Szenen, sie erschöpfen mich. Ich bin nicht nur Corona-müde, ich bin Menschen-müde.

Zurück zum Bordstein: Schmatzend sage ich zu meinem Freund: "Dieses diffuse Gefühl, es als Gesellschaft nicht zu packen, macht mir langsam Angst!" Aber der Freund sagt, ich sei naiv, all die Probleme seien schon vorher da gewesen, "Corona macht sie nur sichtbarer".

Wir sind dem Virus egal

Ich ertappe mich gelegentlich dabei, wie ich aufhöre, über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit nachzudenken. Freunde von mir können ihre Miete kaum noch bezahlen, andere schlafen nachts schlecht, aus Angst vor dem Finanzamt, weil sie Corona-Hilfen beantragt haben. Zwei Menschen, die auf besagter Hochzeitsfeier waren und das Virus für eine Lüge hielten, sind an Corona erkrankt. Einer von ihnen liegt im Krankenhaus. Er ist 39 Jahre alt, leidet seit jeher unter Schlafapnoe und ist Risikopatient.

Abends schaue ich ein wenig fern. In einer Talkshow sitzt der Präsident der Bundesärztekammer und sagt, die Masken seien unwirksam und "medizinischer Unsinn". Inzwischen ist sogar von einem "Maskenkrieg" die Rede. Dann noch die Meldung, dass es nun auch den Gesundheitsminister erwischt hat. Ich sitze da und lese, schaue und höre und bin anschließend - noch verwirrter! Es verwirrt mich, dass unsere Regierung sich in ihren Corona-Fahrplänen scheinbar von Tag zu Tag hangelt. Es verwirrt mich, dass Menschen die Parameter der Vernunft neu definieren wollen.

Was ich aber ob all der Verwirrung weiß: Wir müssen endlich damit aufhören, aufeinander loszugehen. Wir müssen aufhören, Andersdenkende auszulachen und an den Internet-Pranger zu stellen. Die Kluft, einander nicht zu akzeptieren, wird durch Ausgrenzung nur noch größer. Nicht mit jedem kann man reden, aber gegenseitige Vorwürfe helfen keinem. Eltern verlieren ihre Jobs, Familien zerbrechen, viele Alte sind noch einsamer als ohnehin schon. Menschen sterben. Der Winter steht vor der Tür und mit ihm die Sorge, dass beim vielen Lüften auch das letzte bisschen Hoffnung aus dem Fenster gleitet. Ob wir es nun wollen oder nicht: Corona ist Teil unseres Lebens. Und es wird uns voraussichtlich noch eine ganze Weile lang begleiten.

Wir müssen endlich lernen, alle zusammenzuarbeiten. Und mit alle meine ich auch ALLE. Dem Virus ist es egal, ob wir in Bezug auf seine Gefährlichkeit einer Meinung sind oder nicht. Letzten Endes kann nur eine sich gegenseitig unterstützende Gesellschaft diese Krise meistern.

Quelle: ntv.de