Leben

Aus der Schmoll-Ecke Zum Glück isst Ribéry keine Goldfische

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Da frisst Ribéry doch sein Sponsorenshirt.

(Foto: REUTERS)

In Berlin ist das Blattgold ausverkauft. Es schneit mitten im Winter. Und der Sklavenmarkt findet doch nicht statt. Das Leben ist anstrengend, wie unser Kolumnist einmal mehr feststellen musste.

Wie wunderbar und gruselig zugleich ist doch unsere Welt. Als ich den Betreff der Mail las, die gerade reinkam, erlebte ich einen Gefühlsmix größtmöglichen Ausmaßes. Einerseits dachte der Gutmensch in mir: Sauerei, der Sklavenhandel ist wieder erlaubt! Wissen die Vereinten Nationen davon? Andererseits verspürte der Bösmensch in mir seltenes Glück: Wenn schon, warum sollte ich mir nicht eine neue Putzfrau oder eine Blondine leisten? Dann könnte ich endlich die teuer gewordene Polin und die aufblasbare Puppe namens Susi aus meinen Diensten entlassen. Letztere ist sowieso nicht mehr ganz dicht.   

Ich hatte, so ging aus der Betreffzeile hervor, lediglich 24 Stunden Zeit, mir wenigstens eine der Traumfrauen zu sichern. Sie lautete: "​Nur noch 1 Tag: Wertvolle Menschen finden und bis zu 50% sparen, Herr Schmoll." Hilfe, nachher komme ich zu spät und die Putzfrauen und Blondinen sind allesamt ausverkauft. ​Ich mag es nicht, wenn man mich subtil unter Zeitdruck setzt, aber in dem Falle war ich nachsichtig, hätte es doch gut sein können, dass der Sklavenhandel morgen schon wieder abgeschafft wird, ehe Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagt wird.

Die Mail kam von einem Netzwerkbetreiber, dessen Namen ich hier wegen des Verdachts der Schleichwerbung besser nicht nenne. Ich bin doch nicht (so) blöd (wie dieser Bastian Pastewka). Schließlich stellte ich alle Skrupel zurück und öffnete die Mail, um zu schauen, wie moderner Sklavenhandel funktioniert, was "wertvolle Menschen" heutzutage kosten, wonach der Preis sich richtet: Anzahl der Vorbesitzer, TÜV, Alter und lauter solche Sachen. Ich las die Mail und erfuhr, dass es sich gar nicht um einen Sklavenmarkt handelte. Der Netzwerkbetreiber wollte, dass ich "Premium"-Mitglied werde. Das könne sich positiv auf meine Zukunft auswirken, hieß es. Was ja nicht schlecht ist in so unsicheren Zeiten wie diesen.

Öde wie ich?

Ich war drauf und dran, mich gegen Aufpreis in den Stand des "Premium"-Mitglieds erheben zu lassen, wäre mir der Netzwerkbetreiber nicht so frech gekommen. Der fragte mich: "W​äre es nicht schön, wenn Sie in Ihrem Netzwerk Kontakte hätten, die Sie wirklich bereichern?​“ Wie bitte?! Was heißt hier "wirklich"? Was wollt ihr mir verklickern? Dass ich gerade nur von Trotteln umgeben bin? Dass mein virtuelles Umfeld aus lauter unbedeutenden Langweilern besteht, die so öde sind wie ich selbst? Na schönen Dank auch!!! Im Betreff die Hoffnung auf eine Blondine nähren und mir dann mein karges Leben um die Ohren hauen. Nicht mit mir!

Aber es geht noch viel schlimmer. Ich war bei Audi, um meinen alten A3 vergolden zu lassen. Ich dachte, dass der Audi-Fritze nichts dagegen hat, weil sein Laden doch Diesel - Quatsch, natürlich Kohle - bitter nötig hat. Stattdessen macht er auf seriös und sagt freundlich: "Lieber, allerbester, edler Herr Schmoll, Baujahr 2005, 230.000 Kilometer gefahren. Sicher, dass Sie das wollen?" Ich antwortete triumphierend: "Ja, ich möchte auch mal protzen. Neben mir die Susi, das wäre was." Da musste er mir reinen Wein in meinen Pappbecher schütten, in dem noch eine Restpfütze Kaffee schwamm: "Geht leider nicht." Ich: "Warum nicht?" Sagt der Audi-Fritze: "Blattgold ist ausverkauft." Ich entsetzt: "Wieso das denn?" Sagt der Audi-Fritze: "Franck Ribéry ist in der Stadt."

Na, da war ich vielleicht sauer. Kommt dieser Franzose, der Leute, die ihn ärgern, zum Gebrauch verbotener Inzestpraktiken ermuntert, und kauft das ganze Blattgold Berlins weg, so dass unsereins weiter mit einem Silber-Audi durch die Gegend juckeln muss. Susi wird enttäuscht sein, wenn ich ihr das zu Hause erzähle. Der Ribéry muss einen gewaltigen Fleischbedarf haben. Ich habe gekocht vor Wut - bis ich in Schweiß gebadet aufgewacht bin. Puuh, Gott sei Dank, dachte ich. Nur ein schrecklicher Traum.

Please, say Fronck

Aber bleiben wir bei Franck - "Please, say Fronck to me!" - Ribéry. Das Gerede über ihn ist völlig übertrieben. Eine Neiddebatte. Der Bayern-Spieler stiftet viel Gold - Geld? - für sozial Bedürftige, habe ich gelesen. Vielleicht kann er sich Frank Zander zum Vorbild nehmen und in München Benefizveranstaltungen für Bedürftige veranstalten. Natürlich der gehobenen Klasse, schließlich ist München mondäner als Berlin. Vielleicht für Fußball-Profis und -Trainer in seelischer oder finanzieller Not. Die werden mit vergoldeter Weißwurst aufgepäppelt. "Bonjour Monsieur Magath, aben Sie gros appétit auf Goldaxe oder Weißwurst aus der Fabrik von Monsieur Öness?"

Dabei ist München gar nicht so toll, wie ich immer dachte. Anfang Januar war ich dort und wartete auf dem Flughafen eine Stunde auf die S-Bahn, um dann zwei Stunden in die Stadt zu gondeln. Schwamm drüber. Denn wie könnte eine Stadt, drei Schritte vom Alpenrand entfernt, auch nur ahnen, dass es im Winter schneit. Während ich so dachte, wie schön es wäre, hätte Ede Stoiber seinen Transrapid gebaut, durfte ich miterleben, was Eltern heute alles so leisten müssen. Eine Frau telefonierte mit "Mausi" in höchster Not. "Mausi, regnets oder bist du im Trocknen?" Erst dachte ich, das ist ihr Liebhaber, aber es war ihre Tochter. Die war krank, hatte den Unterricht verlassen und keine Kraft, allein in den Bus einzusteigen. Die Mutter musste einen Fahrdienst organisieren und zugleich die Oma zur "Mausi"-Betreuung abkommandieren. Alles aus der S-Bahn heraus. Was für eine Meisterleistung.

Immerhin konnte das Kind noch telefonieren und Angaben zu seinem Zustand machen. Ich hätte es natürlich auch sofort abgeholt, hätte alle Termine in München abgesagt, auf die schöne Florenz-Ausstellung in der Alten Pinakothek verzichtet, mir einen Mietwagen genommen und Mausi in Sicherheit gebracht. Die Mutter fand eine Fahrerin, als der Lautsprecher gerade verkündete: "Next Stop Unterschleißheim". Ich kicherte, weil ich mir das L wegdachte. Der Zug hielt an der Station "Hackerbrücke" und ich beschloss, BND und Kripo Mails zu schicken mit der Empfehlung, doch einmal hier Ausschau zu halten nach all den fiesen Typen, die sich in Computer des Bundestages einschleichen, statt immer gleich auf die Russen zu zeigen. Betreff: "Laptop und Lederhosen an der Hackerbrücke". Die Antworten waren freundlich, aber ließen durchblicken, ich sei nicht ganz dicht im Kopf. Genau wie Susi.

Übrigens sind 1200 Euro für ein Steak gar nicht so viel. Ein Typ von einer US-Firma namens "New Age Meats", die im Labor Ersatz für tierisches Fleisch züchtet, sagte kürzlich auf einer Konferenz in - kein Schmu - München: "Das schmeckt dann wie richtiger Bacon." Nur kosten 100 Gramm köstlichstes Laborfleisch um die 190 Dollar. Bei dem aktuellen Kurs zum Euro wird das auch für Ribéry teuer, selbst wenn er auf Gold verzichtet. Reine Vermutung. Vielleicht steht er auf Laborfleisch. Das er dann hoffentlich heimlich isst. Denn das macht die Bauern arbeitslos. Und dann twittern die, dass sie das doof finden, dass Ribéry Laborfleisch futtert. Dafür freuen sich die Tierschützer, von denen man gerade dieser Tage wieder liest, dass sie sich radikalisieren und eingesperrte Vierbeiner freilassen, damit sie nicht gegessen werden. Kein Wunder, dass in so vielen Zoos nicht alle Gehege besetzt sind.

Deshalb muss man Ribéry auch zugutehalten, dass er kein Video veröffentlicht hat, das zeigt, wie er in einen Goldfisch beißt, vielleicht mit hämischer Freude, wie es einst Otto, der dämliche Bösewicht in "Ein Fisch namens Wanda", tat. Oder was, wenn Ribéry einen Goldbroiler vernascht hätte, gar bekleidet mit einer gelben Weste an der Seite von Oskar und Sahra? Er wäre auf Twitter - je nach Sichtweise - als DDR-Sympathisant, als Vorkämpfer für den Kommunismus verspottet oder gefeiert worden. Der Franzose hätte dann bestimmt seinen Kritikern getwittert: "Beginnen wir mit den Antikommunisten, den Neidern, den Bauern, die wegen eines kaputten Kondoms entstanden sind: F**** eure Rinder und Schafe und euren gesamten Stammbaum." Und schon hätte Deutschland eine Sodomie-Debatte. Was für ein Glück, dass Ribéry öffentlich keine Goldfische und Goldbroiler verspeist.

Quelle: n-tv.de

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