Essen und Trinken

Lust auf Lappland (1) Königsadler mit WLAN

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Granö beim Sonnenuntergang. Die Brücke über den Umeälven führt zur Lodge.

(Foto: ©Driesner)

Wald und Wasser, soweit das Auge blicken kann: Wer Balsam für seine Seele sucht, sollte Urlaub in Europas letzter Wildnis machen. Und wer will, kann wie ein Vogel auf dem Baum schlafen. Panoramablick inklusive.

Ich liege in einem gemütlichen Bett und schaue nach oben in den Wipfel einer Kiefer. Noch nie bin ich mit einem derartigen ersten Blick am frühen Morgen belohnt worden – und das alles, ohne aufzustehen oder einen Finger zu rühren. Ich wohne im "Königsadler", eines von sechs "Vogelnester" genannten Baumhäusern der Lodge Granö Beckasin. Das Einzige, was ich höre, ist die Stille. Falls es doch klopfen sollte, ist das nicht die Nachbarin aus der "Schnepfe" einen Baum weiter oder der Nachbar aus dem "Domherr", sondern höchstens Frau Meise oder Herr Specht. Die ersten Früchte des Waldes kann ich schon gleich unter meinem Adler-Horst naschen, am Hang wachsen nämlich prall-rote Preiselbeeren. 

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Mein "Königsadler" in luftiger Höhe.

(Foto: ©Driesner)

Granö in der Region Västerbotten ist eine der vielen kleinen Siedlungen in Schwedisch-Lappland, die weit verstreut liegen in den unendlich scheinenden Wäldern. Große und kleine Flüsse, mal ruhig dahinströmend, mal wild mit zahlreichen Stromschnellen, durchziehen die ganze Gegend, dazwischen Seen und Sümpfe. Und ab und zu diese kleinen Holzhäuser in ihrem typischen Falun-Rot. Granö gehört neben vier anderen, ebenso winzigen Ortschaften zur Gemeinde Vindeln. Die Flüsse Vindel und Ume, auf Schwedisch Vindelälven und Umeälven, prägen die Region und geben der Gemeinde und der größten Stadt Nordschwedens, Umeå, ihre Namen. In Granö stehen die Häuser entlang des breiten Umeälven. Eine schmale Insel teilt den Fluss an einer Stelle und ist wiederum Namensgeber für Granö: "Gran" bedeutet Fluss oder auch Fichte, "ö" heißt Insel.

Wer hierher will, landet wie ich in Umeå, nimmt sich dort am Flughafen einen Mietwagen und fährt die 70 Kilometer auf gut ausgebauten Straßen stromaufwärts nach Granö, denn Umeå liegt an der Mündung des Umeälven in den Bottnischen Meerbusen. Stolperstein für unsereins ist die Aussprache; ich habe mich das erste Mal schon beim Umsteigen auf dem Stockholmer Flughafen Arlanda blamiert. Umeå wird nämlich nicht U-m-e-a gesprochen, sondern "Ümeo", oder so, jedenfalls mit der Betonung auf dem "ü". Ganz ehrlich: Ich kann's immer noch nicht richtig. Umeå gilt als das "Tor Lapplands" und war 2014 Europäische Kulturhauptstadt, hat 20.000 Einwohner und ist mit 35.000 Studenten eine pulsierende Metropole; der Altersdurchschnitt beträgt lediglich 38 Jahre. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Bevölkerung von Umeå verdreifacht, und das Wachstum geht in hohem Tempo weiter. Und genau das ist es, was den rund 250 Granöern lange Zeit fehlte: eine Zukunft zu haben.

Die Insel, die den Fluss teilt

Nützliche Links für den Urlaub:

Reiseland Schweden https://visitsweden.de/
Region Västerbotten http://www.visitvasterbotten.se/de
Umeå https://www.visitumea.se/de
Lodge Granö Beckasin http://granobeckasin.com/de/
St. Anna/Kristineberg http://www.underjordskyrkan.se/
Hundeschlitten-Aufenthalt http://www.lapplandemotions.com/
Svansele Wildniscenter http://www.svansele.se/
Sámi-Museum Gammplatsen Lycksele http://www.gammplatsen.com/
Hofkäserei Svedjan Ost http://www.svedjanost.se/
Källan Hotell http://www.kallan-hotell.se/
Kulinarisches Schweden http://www.tryswedish.com/

Genau genommen verdankt die schöne Lodge Granö Beckasin ihre Existenz dem Kampf des Dorfes gegen sein Verschwinden und ihren Namen einer Schnepfe. Am Anfang der Geschichte, die Lodge-Manager Christopher Storm mir erzählt, liest Jan-Erik Sjöblom am Wegesrand einen toten Schnepfenvogel auf - eine langschnäblige Bekkasine. Das war irgendwann nach 1930. Da ist Jan-Erik 12 Jahre alt und findet den toten Vogel viel zu schön, um ihn einfach wegzuwerfen. Nach zwei Wochen allerdings finden seine Eltern etwas anderes, nämlich die Angelegenheit als zu "anrüchig". Weil der Junge nicht gewillt ist, den stinkenden Vogel zu entsorgen, macht er aus der Not eine Tugend: Er bringt sich selbst bei, wie tote Tiere für immer erhalten werden können. Was als "Ausstopfen" beginnt, wird im Laufe der Jahre zum echten Präparieren. Als der nunmehr hochbetagte Jan-Erik in ein Heim umzieht, beherbergt seine 120 Quadratmeter große Wohnung etwa 1500 präparierte Tiere, vor allem Vögel aus seiner lappländischen Heimat. Er vermacht seine Sammlung der Kommune, doch die hat zu der Zeit andere Sorgen.

Granö liegt zwar inmitten einer der schönsten Landschaften Schwedens, verlockt aber junge Leute nicht gerade dazu, sich anzusiedeln: Die Jobs sind  rar gesät. Als auch noch die Grundschule geschlossen werden soll, droht der Ortschaft der Todesstoß. Unter den Einwohnern regt sich Protest, eine Arbeitsgruppe wird gebildet mit dem Ziel, das Unternehmertum zu fördern, Sponsoren und Investoren zu interessieren. Christopher ist mit dabei. Der heute 41-Jährige kommt aus der Nähe von Lübeck und ist in Deutschland aufgewachsen. Aber sein Herz habe schon immer Schweden gehört, sagt er. Kein Wunder, denn die zwei wichtigsten Frauen in seinem Leben sind Schwedinnen: seine Mutter und seine Frau. Inzwischen hat Christopher weitere drei gute Gründe, Schweden zu lieben – seine zwei Söhne und die Tochter. Mal abgesehen von der überwältigenden Landschaft.

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Die Baumhäuser sind fest verankert. Da wackelt nix!

(Foto: ©Driesner)

Christopher, seine Frau und ein paar andere Tatkräftige überzeugen die Skeptiker, dass sich naturnaher Tourismus lohnt. Keine Massenabfertigung, kein All-inclusive. Kein Urlaub mit Adrenalinkick, sondern Erholung mit Endorphin-Ausschüttung, wie Christopher es nennt. Das ist gefragt bei stressgeplagten Großstädtern aus dem In- und Ausland. Der Plan geht auf: Aus einem heruntergekommenen Campingplatz entsteht eine weitläufige Lodge. Heute bietet Granö Beckasin sechs exklusive Baumhäuser, ein kleines Öko-Hotel mit 12 Zimmern, komfortable Ferienbungalows, Campinghütten sowie Stellplätze für Caravans und Zelte - und damit Übernachtungsmöglichkeiten für jeden Geldbeutel. Und zwar direkt am Ufer des Umeälven. Dorf und Schule sind gerettet; 53 Kinder lernen derzeit dort, und in einem Teil des Gebäudes soll ein Museum für Jan-Eriks Bekkasine & Co. eingerichtet werden. Neue Arbeitsplätze sind entstanden, auch durch die Lodge. In der Hochsaison arbeiten bis zu 25 Frauen und Männer hier.

Vogelnest mit Hotelkomfort

Herzstück des Ressorts sind die "Vogelnester" an hohen Kiefern, die im Kreis auf einer Anhöhe stehen. Große Fenster bieten eine unschlagbare Aussicht auf Fluss und Wald, die Bucht und die am gegenüberliegenden Ufer stehen Holzhäuschen des Dorfes. Ausgestattet sind die beheizten und geräumigen Baumhäuser in skandinavischem Design mit einem bequemen Doppelbett und einem Klappbett für eine mögliche Aufbettung, Sitzecke, Bad mit Dusche und WC, Kochnische mit Kaffee und Tee, Kühlschrank und TV. Das WLAN hier im Ressort funktioniert hervorragend, denn selbst im tiefsten Wald will ja heutzutage niemand mehr ohne Anschluss ans World Wide Web sein. Es sei denn, man urlaubt in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern.

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Stillleben mit Floß auf dem Umeälven. Wackelt nur ein bisschen.

(Foto: ©Driesner)

Für die meisten Schwedenbesucher macht gerade das den Reiz aus: die Weite, die Leere, die Ruhe. Wer nicht nur in aller Stille Pilze und Beeren sammeln will, kann auch in Granö Beckasin eine Menge erleben. In der Anlage gibt Spielplatz und Mini-Golfanlage, einen Strand mit Badebucht. Die Gäste können Boote, Angelausrüstung, Fahrräder und noch einiges mehr mieten, mit Huskys auf einen (sehr) sportlichen Spaziergang gehen oder sich von den starken Hunden im Dog-Trike ziehen lassen, bei einer Moose Safari durch den Wald pirschen und darauf hoffen, dass sich der König der Wälder herablässt, aus dem Dickicht zu treten. Wenn der Elch keinen Bock darauf hat, kann man der romantischen Ader anderweitig im Mondschein freien Lauf lassen, nämlich beim Midnight canoeing. Falls der Mond scheint. Wer die Schönheit der Landschaft ganz alleine oder in trauter Zweisamkeit genießen will oder seinen Pubertisten ein ganz besonderes Erlebnis bieten will, baut sich einfach ein robustes Floß. Das passiert flussaufwärts mit fachkundiger Unterstützung. Dann lässt man sich auf dem Umeälven mit der Strömung zurücktreiben, nur mal so einen halben Tag lang oder auch eine ganze Woche mit Zelt und allem, was zum "Überleben" dazugehört. Das Tempo ist gemütlich, ein bis drei Kilometer pro Stunde, je nach Wasserspiegel, Wetter und Wind. Gesteuert wird mit Paddeln und einem langen Stab zum Staken. Wer will, bekommt einen kleinen Außenbordmotor dazu; das beruhigt ungemein. Und man muss ihn ja nicht anwerfen, man kann aber. Keine Bange: Am Ziel Gelandete oder unterwegs Gestrandete werden von Christopher heimgeholt. Die Flöße werden übrigens von den Lodge-Mitarbeitern wieder demontiert, und die Stämme warten dann auf die nächsten abenteuerlustigen Gäste. Hier wird mit aller Konsequenz nachhaltig gewirtschaftet!

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Aus sicherer Entfernung betrachtet: Stromschnellen des Vindelälven.

(Foto: ©Driesner)

Wer auch in der Gelassenheit Nordschwedens unbedingt einen Kick braucht, findet ihn beim Rafting auf dem Vindelälven, der über 40 Stromschnellen hat und auf einem Kilometer um acht Meter fällt. Zu meinem Glück viel gemächlicher dürfte es am nächsten Tag auf einer Kräuterwanderung mit Christopher zugehen, auf die ich mich schon beim Abendessen freue. Das Restaurant von Granö Beckasin legt Wert auf frische Produkte aus der Umgebung und so schwelge ich bei Vorspeise (Rote Bete mit Ziegenfrischkäse, Rauke und Buchweizen in Blaubeer-Tunke), Hauptgericht (See-Saiblingfilet mit Schnittlauch-Crème fraîche und gequetschten Pellkartoffeln mit Wildkräutern) und Dessert (Zitronenmousse mit Himbeersorbet und Baiser).

Oft wird behauptet, Schwedens Küche sei einfach und schnörkellos, eben ländlich. Das stimmt zwar in der Hinsicht, dass schwedische Köche gerne aus dem reichhaltigen Angebot der Natur vor ihrer Haustür schöpfen. Doch was sie aus diesen "einfachen", aber besten Zutaten zaubern, beweist ihre Experimentierfreudigkeit. Marmeladen, Gelees, Dips oder Saucen aus diversen Beeren gibt es in Schweden zu fast allen Gerichten, sei es Fleisch, Fisch oder süßer Nachtisch. Und es schmeckt garantiert immer und ist dazu noch gesund. Blaubeeren zum Beispiel gehören zu dem gesündesten Beerenobst, was in Europa wächst. Mit ihrem süß-säuerlichen Aroma verfeinern sie einfach jedes Gericht. Die Inhaltsstoffe fangen Freie Radikale ab und verlangsamen Alterungsprozesse im Gehirn. Eine Extra-Dosis der Vitamine C und E schmeichelt der Haut. Wenn das nix ist: Keine Falten in Gehirn und Pelle!

Blåbärssås: Pikante Sauce aus Waldheidelbeeren

Zubereitung:

Zutaten (4 Pers):

150 g frische Waldblaubeeren
50 g Preiselbeergelee
100 ml Rotwein
100 ml Kalbsfond
2 EL Butter
2 EL Olivenöl
6 Wacholderbeeren
1 Stängel Thymian
1 Knoblauchzehe
Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle, Aceto balsamico, evtl. Rohrzucker

Von den verlesenen und gesäuberten Blaubeeren etwa 2 EL beiseite tun. Die Knoblauchzehe pellen, halbieren und damit einen Topf ausreiben. Die Wacholderbeeren anquetschen, in den Topf geben, das Olivenöl darüber träufeln und alles langsam erhitzen. Den Thymianstängel, das Preiselbeergelee und die restlichen Blaubeeren in den Topf geben. Mit dem Fond und dem Rotwein auffüllen. Aufkochen und etwa 15 Minuten auf kleiner Flamme reduzieren. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Die Sauce durch ein Sieb streichen. Nun die zurückgestellten Blaubeeren zugeben, aufkochen, kurz köcheln lassen, vom Feuer nehmen, mit ein wenig gutem Aceto balsamico abschmecken, wenn nötig auch mit einer Prise Rohrzucker, und mit der eiskalten Butter montieren.

Diese Sauce schmeckt vorzüglich zu Elch und Rentier (wenn Sie haben), ansonsten zu Hirschlende, Rehschnitzel, auch zu Rinderfilet oder Lachs – und sogar zu Vanille-Eis.

Smaklig måltid! wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Teil 2: Christus im Berg und im Konsum
Teil 3: Knutschen mit Huskys

Mein Bericht entstand während einer Pressereise.

Quelle: ntv.de