Essen und Trinken

Lust auf Lappland (2) Christus im Berg und im Konsum

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Kein Wunder, keine Erscheinung, sondern die Arbeit fleißiger Maler: Christus im Berge.

(Foto: © Driesner)

In der unterirdischen Sankt-Anna-Kirche in Kristineberg kann man an Wunder glauben oder Kaffee trinken. Gerne auch beides. Erstaunliches gibt's auch über der Erde, denn 400.000 Elche können nicht irren.

Von seiner Schönheit allein kann Lappland nicht leben, auch Schwedisch-Lappland nicht. Unter der Erde gibt es viele Bodenschätze, die in Minen abgebaut werden. Rund 120 Straßenkilometer nordwärts von Granö Beckasin, immer schön Richtung Polarkreis, wird in Kristineberg Erz gefördert. Darin stecken sogenannte Basismetalle: Zink, Kupfer, Blei, Silber und Gold. Damit Sie nicht auf dumme Gedanken kommen: Für einen Edelmetall-Rausch reicht’s nicht - aus einer Tonne Erz lässt sich ein Gramm Gold gewinnen - und die Reichsstraße 95 wie auch die Provinzstraße 370 mit den klangvollen Namen Silvervägen (Silberweg) bzw. Guldvägen (Goldweg) wurden nicht für den tonnenweisen Transport von Nuggets gebaut, sondern für die Touristen.

Nützliche Links für den Urlaub:

Reiseland Schweden https://visitsweden.de/
Region Västerbotten http://www.visitvasterbotten.se/de
Umeå https://www.visitumea.se/de
Lodge Granö Beckasin http://granobeckasin.com/de/
St. Anna/Kristineberg http://www.underjordskyrkan.se/
Hundeschlitten-Aufenthalt http://www.lapplandemotions.com/
Svansele Wildniscenter http://www.svansele.se/
Sámi-Museum Gammplatsen Lycksele http://www.gammplatsen.com/
Hofkäserei Svedjan Ost http://www.svedjanost.se/
Källan Hotell http://www.kallan-hotell.se/
Kulinarisches Schweden http://www.tryswedish.com/

Ich sitze im Kleintransporter von Hans Joachim Selbach, eingewanderter deutscher Geologe und im Auftrag von Explorationsfirmen unterwegs, und "fahre ein". Allerdings nur 90 Meter tief, da ist Schluss für Besucher. Die Männer mit schwerem Gerät arbeiten in weitaus tieferer Tiefe, nämlich bei 1300 Metern. Die Grube fördert seit 78 Jahren ununterbrochen, aber die Bergleute mussten dafür immer weiter hinab in die Erde. Über der Erde sind die staubigen Wunden zu sehen, die der Bergbau hinterlässt. Das bleibt nicht aus. Auch mir sind grüne Wälder mit Ren und Elch lieber, aber ich habe Handy, Auto und Bling-Bling für die Ohren. Wie Sie vermutlich auch. Und das muss ja aus irgendetwas hergestellt werden.

Was Kristineberg sehenswert macht, sind nicht glitzernde Gesteinsklumpen, sondern eine "Erscheinung": Der Bergmann Albert Jönsson entdeckt am 28. November 1946 im Schein seiner Grubenlampe an einer frisch gesprengten Wand eine silbrig glänzende Gestalt, die aussieht wie Christus mit Stab und Taube. Sogar das "Life Magazine" in den USA berichtet seinerzeit darüber. Das, was heute bei Kerzenlicht mehr oder weniger skeptisch bestaunt werden kann, ist längst nicht mehr der Original-Jesus. Dessen untere Hälfte rutscht schon kurz nach der Entdeckung einfach ab. Der Hohlraum mit dem Christusbild muss aus Sicherheitsgründen wieder verfüllt werden, denn die Stelle ist nur nach abenteuerlicher Kletterei auf Leitern zu erreichen. Die Kirche wird in den 1980-er Jahren 17 Meter über der "Erscheinung" in den ehemaligen Räumen einer Reparaturwerkstatt errichtet. Am 1. Juli 1990 wird die Kirche "St. Anna" geweiht. Sie bietet bis zu 100 Besuchern Platz, wird für Gottesdienste, Konzerte, Trauungen und Taufen genutzt. Ein Café gibt es auch.

Christus unter der Kühltruhe

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Picknick im Wald: Auf der Erde ist es viel schöner als unter ihr.

(Foto: ©Driesner)

Benannt ist die unterirdische Kirche nach Anna, der Mutter Marias und also Christus‘ Oma, die außerdem in Schweden als Schutzheilige der Bergleute verehrt wird. Das Wandbild, das ich in der geräumigen Kirche sehe, ist schlicht und einfach, aber eindrucksvoll an die Wand gepinselt. Zum Vergleich kann ich einen Druck der Fotografie des Originals von 1946 begutachten. Hans Joachim, der Wissenschaftler, erklärt mir, dass auch das Glitzern und der Kontrast des ursprünglichen Jesus-Bildes keine Wunder seien, sondern von zwei unterschiedlichen Schieferarten herrühren: dem weißen Serezitquarzit und dem dunkleren Chloritquarzit. Allerdings sei eine solche Gesteinsformation schon "wie ein Sechser im Lotto", muss auch er zugeben.

Damit nicht genug; Christus erscheint den Kristinebergern ein zweites Mal, allerdings über der Erde und im Dorf-Konsum. Bei Umbauten wird 1983 auf einer Marmorplatte unter der Kühltruhe (Oder war‘s der Verkaufstresen?) ein Christusbild entdeckt, das dem aus dem Bergwerk sehr ähnlich sieht, allerdings nur ein paar Zentimeter groß ist. Die Platte befindet sich heute in der oberirdischen Kirche von Kristineberg, in der Sankt-Anna-Kirche unter Tage ist ein Foto zu sehen. Der Name des Ortes leitet sich übrigens nicht, wie vielleicht vermutet, aus Christus im Berg (Krist-ine-berg) her, sondern vom Vornamen der Ehefrau des ersten Siedlers, Kristina. Bei der behördlichen Ortsbenennung macht der Schreiber einen Fehler: Aus dem "a" wird ein "e". So profan kann’s zugehen!

Apotheke für Mensch und Tier

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Da blutet mein Pilzsammlerherz! Gegen frische Pilze im Gepäck haben die Fluggesellschaften etwas.

(Foto: ©Driesner)

Viel lieber als unter der lappländischen Erde bin ich auf ihr. Stramme Rotkappen und andere Pilze stehen Spalier - und ich muss sie stehenlassen! Denn ich darf sie nicht mit ins Flugzeug nehmen. Also nasche ich mich in diesen Tagen durch Preiselbeeren und Heidelbeeren und lerne, dass nicht jede blaue Beere eine Blaubeere ist. Die Schwarze Krähenbeere nämlich, auf Schwedisch Kråkbär, sieht der Blaubeere zum Verwechseln ähnlich. Krähen lieben und verbreiten sie, weil sie die Samenkörnchen unverdaut wieder fallen lassen. Die Beeren sind essbar, aber irgendwie fade. Dennoch macht man in Schweden einen gut schmeckenden Saft daraus, weil Krähenbeeren einen hohen Mineraliengehalt haben und gut gegen Blasensteine wirken sollen. Schnaps wird auch daraus gebrannt, der wirkt zwar ebenfalls, aber ob gegen Blasensteine bleibt fraglich. Bewiesenermaßen heilsam sind die richtigen Blaubeeren mit ihrem Gehalt an Antioxidantien. Natürlich nur die wild wachsenden, die dicken Kulturheidelbeeren sind dagegen weder schmackhaft noch besonders gesundheitsfördernd. Schätzungen zufolge wachsen 250 Millionen Kilo Wild-Blaubeeren in der schwedischen Natur; nur zehn Prozent davon werden gepflückt. Es reicht also für alle!

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Die Moltebeere (Rubus chamaemorus) ist reich an Vitaminen und Spurenelementen.

(Foto: Wikipedia)

Lappland ist wahrhaftig Beerenland (Bärenland auch); die Pflanzen bilden dicke Teppiche auf den Waldböden. Moltebeeren zum Beispiel werden gern als das "Gold Lapplands" bezeichnet, weil sie so wunderbar süß schmecken, mit einem kleinen herben Hauch. Von Naturheilkundigen wird die Beere als Antibiotikum, gegen Verbrennungen und bei Kreislaufproblemen eingesetzt. Noch kostbarer, sozusagen der "Rubin Lapplands", ist die Schwedische Ackerbeere, denn ihr Ertrag ist nur klein und sie ist nicht so robust und haltbar wie die Moltebeere. Auch sie spielt wegen der in ihr enthaltenen Flavonoide und Tannine als Arzneipflanze eine wichtige Rolle.

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Die Allackerbeere (Rubus arcticus) kommt nicht so häufig vor wie die Moltebeere.

(Foto: Wikipedia)

Ackerbeeren ähneln in der Form Brombeeren, sind aber rot wie Himbeeren und haben einen Geschmack zwischen Moltebeere und Himbeere. In unseren Breiten kennt man sie als Allackerbeere in Abgrenzung zur Kratzbeere, die auch Ackerbeere heißt. Für die "Abhandlung aus der Naturlehre, Haushaltungskunst und Mechanik" der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften verfasste der Königliche Archiater (Leibarzt), der Ritter des Nordstern Ordens Carl Nilsson Linnaeus 1761einen Beitrag über die Ackerbeere. "Die Beeren dieses Gewächses schmecken ohne Zweifel am besten unter allen, die ohne Wartung wachsen", heißt es da, "... und sie werden selbst von dem vornehmsten Frauenzimmer und den zärtlichsten Mäulern verlangt". Lege man Ackerbeeren in Wein ein, so machen sie ihn "sehr angenehm". Diesen schwedischen Naturforscher kennen wir alle: Es ist Carl von Linné, der einst in Uppsala lehrte und u.a. eine ausgedehnte Reise durch Lappland unternahm. 

Moos für Babys Po und Elchkraut gegen Husten

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Das Weißmoos ist grün und speichert viel Feuchtigkeit.

(Foto: ©Driesner)

Nicht nur die Beeren sind gesund, sondern, wie ich jetzt weiß, alle möglichen Flechten- und Moosarten auch. Aus dem hygroskopischen, saftig-weichen Weißmoos zum Beispiel kann man sich das Wasser direkt in den Mund pressen. Diese Moosart wirkt bakterienhemmend, das Wasser ist also völlig unbedenklich. Schmeckt nur ein bisschen erdig. Ausgepresst und geschichtet legten es die Sámi, das Urvolk Lapplands, früher als antiseptische Windel unter den Baby-Po. Wasseranziehend ist auch die filigrane, trockene Rentierflechte. Sie wird in Schweden auch Fensterflechte genannt: In den Zwischenräumen bei Kasten-Doppelfenstern nimmt sie die Feuchtigkeit auf und lebt davon. Gegessen wird sie allerdings nur von Rentieren.

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Die weißliche Rentierflechte dient Tieren als Nahrung und Menschen als Fenster-Deko.

(Foto: ©Driesner)

Und dann ist da noch das Mädesüß. Klingt zwar so, als könnte das Kraut die Mädels betören; das trifft aber eher nicht zu. Vermutlich stammt die Bezeichnung aus jener Zeit, als damit der Met, schwedisch "mjöd",  gesüßt wurde. Mädesüß ist eine altbewährte Heilpflanze, denn sie enthält Vorläufersubstanzen der Salicylsäure. 1897 wurde aus der Säure erstmals Acetylsalicylsäure gewonnen – ein heute weit verbreitetes schmerzstillendes, entzündungshemmendes und fiebersenkendes Mittel und die Grundlage für Aspirin. Was der Mensch, der seine Pillen in der Apotheke holt, meistens nicht weiß. Im Gegensatz zu uns weiß das ganz offensichtlich der Elch, denn der "König der Wälder" macht sich nur zu gerne über die auch "Wiesen-Königin" genannte Blume her – ob prophylaktisch gegen Husten oder weil ihm die Füße wehtun: keine Ahnung! Das Mädesüß wirkt offenbar sehr gut, denn 400.000 Elche in Schweden können nicht irren. Und deshalb wird das Kraut hierzulande gerne Elchkraut genannt. Mädesüß wächst auch bei uns, kann im Garten auf feuchten, nährstoffreichen Böden angebaut werden. Ein guter Standort ist zum Beispiel der Rand am Gartenteich. Die wohlriechenden Blüten enthalten Vanillin. In ihnen stecken die meisten wertvollen Inhaltsstoffe, außer der Salicylsäure noch bis zu 5 Prozent Flavonoide, die helfen, freie Radikale zu bekämpfen, sowie Gerbstoffe, Kiesel- und Zitronensäure. Wer allerdings überempfindlich auf Aspirin reagiert, verträgt auch Mädesüß nicht.

Rezepte mit Mädesüß

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Die Blüten von Mädesüß sind wunderschön.

(Foto: Frank Vincentz CC BY-SA 3.0)

Blüten:
12 Blütenstängel mit 500 ml Wasser überbrühen, 5 bis 10 Minuten ziehen lassen und schluckweise trinken. So machen es jedenfalls die Lappländer. Der Tee, der Erkältungssymptome lindert und gegen Rheuma und Fieber eingesetzt wird, kann auch aus getrockneten Blüten und Blättern zubereitet werden: 1 EL auf 1 Tasse heißes Wasser geben, 10 Minuten ziehen lassen. Pro Tag 2 bis 3 Tassen davon trinken.

Auch in Erfrischungsgetränken lassen sich Mädesüß-Blüten verwenden: 1 Handvoll Blüten und 1 TL Zitronensaft in eine Karaffe mit kaltem Wasser geben und einige Stunden ziehen lassen. In den Kühlschrank stellen und über den Tag verteilt trinken.

Die süßlich duftenden Blüten verleihen Desserts einen feinen Geschmack. Obstsalate und –kompotte werden damit aromatisiert: Über kleingeschnittene Birnen, Äpfel, Kirschen oder Pfirsiche 2 bis 3 EL Wasser geben, eine Handvoll Mädesüß-Blüten darüber streuen. 1 Stunde ziehen lassen; das Wasser löst in dieser Zeit die Geschmacksstoffe aus den Blüten.

Positiver Nebeneffekt: Wurden vor dem Mädesüß-Nachtisch deftige Speisen gegessen, lindert das Kraut Völlegefühl und Sodbrennen.

Blätter:
Mädesüß-Blätter werden gern zu Wildkräuter-Salaten gegeben. Man kann sie außerdem ähnlich wie Spinat kochen, zubereiten und mit Schinken servieren. 

Getrocknet und gerebbelt sind Mädesüß-Blätter Bestandteil von Gewürzmischungen für Fisch- und Wildgerichte.

Smaklig måltid! wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Teil 1: Königsadler mit WLAN

Teil 3: Knutschen mit Huskys
Mein Bericht entstand während einer Pressereise.

Quelle: ntv.de