Essen und Trinken

Lust auf Lappland (3) Knutschen mit Huskys

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Familienglück: Arnaud mit Tochter und Huskys.

(Foto: ©Driesner)

Irgendwo im Nirgendwo Hundegebell: Huskys. Ihre Umarmungen gehören zu meinen schönsten Lappland-Erlebnissen. Was jedoch die Erinnerungen an den "wilden" Thorbjörn und den Nobelpreis-Käse von Pär und Johanna keineswegs schmälert.

Wenn Huskys ungestüm ihre Gespanne hinter sich herfliegen lassen, denkt wohl niemand daran, mit den Nachfahren der Wölfe zu kuscheln. Sie gehören wie Elch und Ren, Braunbär und Vielfraß zu Lappland, obwohl es nicht ihre eigentliche Heimat ist, denn der Urhund aller Huskys ist der Sibirian Husky. Er ist genetisch enger mit dem Wolf verwandt als alle anderen Hunderassen. 30 Huskys, mit blauen oder braunen Augen, mit cremefarbenem oder schwarz-weißem Fell, leben zusammen mit Marie-Line und Arnaud Morel, gebürtige Elsässer, und ihren Kindern in den sanften Hügeln am Skellefteälven.

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Den putzigen kleinen Kerl hätte ich am liebsten mitgenommen.

(Foto: ©Driesner)

Nie hätte ich es für möglich gehalten, mich von diesen "Wölfen" abschlecken zu lassen, mein Gesicht in ihr weiches, sauberes Kuschelfell zu drücken. Ohne ein Fünkchen Angst oder Unsicherheit, voller Vertrauen und Geborgenheit. Große, starke Hunde, aber derart sanft und zurückhaltend, verspielt und temperamentvoll, jeder anders, aber alle gleich zutraulich und freundlich. Fünf Welpen wuseln um die Füße herum, zotteln voller Begeisterung die Schnürsenkel auf, wollen auf den Arm und ganz nah ans Gesicht heran. Zwischendurch marschiert immer mal einer wieder an Mamas Milch-Bar. "Unsere Huskys sind Familienhunde", sagt Arnaud, "sie sind Teil unserer Gemeinschaft." Das ist in jeder Sekunde zu spüren und das macht sie auch Besuchern gegenüber zutraulich. Sie sind verlässliche Freunde, die im Winter den Schlitten ziehen und im Sommer mit auf Wanderung gehen. In zwei komfortablen Holzhäusern können die Urlauber übernachten und in der Sauna schwitzen, auf Quad-Safari in der wald- und wasserreichen Gegend um Svansele gehen oder im nahen Fluss schwimmen. Und natürlich wie ich die Anhänglichkeit der einmaligen Huskys erleben! Nicht nur während der Polarnacht im Winter oder der Mitternachtssonne im Sommer kann man hier den Zauber Lapplands genießen, sondern das ganze Jahr über.

Wildnis mit und ohne Komfort

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Thorbjörn Holmlund ist ein lustiger Gastgeber.

(Foto: ©Driesner)

So richtig wild wird es auch im Svansele Wildniszentrum nicht, denn die Tiere hier sind ausgestopft. Auf über 1800 Quadratmetern werden in 11 Räumen so gut wie alle Tiere gezeigt, die in der Subarktis zu Hause sind: 600 Arten vom Bär bis zur Maus. Thorbjörn Holmlund, den Chef vom Ganzen, kann man "in action" im Film erleben, wie er voller Begeisterung und mit viel Humor von seiner lappländischen Heimat erzählt, und "in natura" draußen am Feuer, wo er den Gästen ein paar Anekdoten auftischt und nebenbei gegrilltes Fleisch vom Elch, vom Ren oder Lachs auf die Holzplatten schaufelt. Gegessen wird hier nämlich von nachwachsenden Materialien: Besteck und Teller sind aus dünnem Holz, das nach Gebrauch das Feuer nährt. Und was man isst, zeigen Geweihe am Grill an: links Elch, rechts Ren. Lachs ist klar: Der hat kein Geweih. Dazu gibt es vom Grill Bratkartoffeln und Zwiebeln, auf dem "kalten Buffet" stehen Brot, Butter und Gemüsesalate sowie Getränke von Beerensaft bis Bier. Im Feuer dampft derweil der allgegenwärtige rußige Kessel mit dem Kochkaffee.

Wer Wildnis will, kann bei Thorbjörn ziemlich urig in robust gezimmerten Hütten im Kiefernwald übernachten: kein Strom, nur Fackeln, kein fließend Wasser, zumindest keins, das aus einer Leitung kommt. Aber mit Sauna und dampfendem Outdoor-Whirlpool, denn Feuer gibt’s ja. Im Winter auch mit Eisloch im Fluss. Wer auf mollige Geborgenheit in Europas letzter Wildnis nicht verzichten will, nimmt lieber ein Bett 300 Meter neben dem Wildniscenter in "Knutes Hotell" mit herrlicher Aussicht auf den Skellefteälven. Und Elchsafari? Auch das, denn Thorbjörn verspricht "Älggaranti"; ansonsten Geld zurück. Warum er nur so komisch zwinkert? 

Das Land der Samen: Sámi in Sapmi

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"Svanfors" heißt das kleine Paradies bei Marie-Line und Arnaud, nur wenige Kilometer vom Polarkreis entfernt.

(Foto: ©Driesner)

Lappland, diese nördliche Landschaft in Schweden, Norwegen, Finnland und Russland, ist das Land der Samen, Sápmi, wie die Angehörigen dieses einzigen indigenen Volkes in Europa ihr Siedlungsgebiet nennen. Sie selbst bezeichnen sich als Sámi. Das sollte man als Lappland-Tourist wissen, denn die einstige Benennung "Lappen" wird als herabwürdigend empfunden. Heute ist Sámi die offizielle Bezeichnung. Wer mehr über das europäische Urvolk erfahren will, tut das am besten im ältesten Teil von Lycksele, dem Gammplatsen. Das ganze Gebiet ist Lyckseles Heimatmuseum, schön gelegen auf einer Halbinsel im Umeälven. Und da wir in Schweden sind, sind selbst abgelegene Heimatmuseen gut vernetzt: Die Gammplatsen App bietet Informationen in vier Sprachen.

Nützliche Links für den Urlaub:

Reiseland Schweden https://visitsweden.de/
Region Västerbotten http://www.visitvasterbotten.se/de
Umeå https://www.visitumea.se/de
Lodge Granö Beckasin http://granobeckasin.com/de/
St. Anna/Kristineberg http://www.underjordskyrkan.se/
Hundeschlitten-Aufenthalt http://www.lapplandemotions.com/
Svansele Wildniscenter http://www.svansele.se/
Sámi-Museum Gammplatsen Lycksele http://www.gammplatsen.com/
Hofkäserei Svedjan Ost http://www.svedjanost.se/
Källan Hotell http://www.kallan-hotell.se/
Kulinarisches Schweden http://www.tryswedish.com/

"Der alte Platz" war Jahrhunderte lang Treffpunkt der Sámi, Siedler und Händler. Hier wurde Markt gehalten und Recht gesprochen, was immer "Recht" für die Sámi heißen mochte. Denn die Sámi haben das gleiche Schicksal aller indigenen Völker: Sie wurden als minderwertige Rasse behandelt, unterdrückt und ausgebeutet. Und zwar in trauter Einigkeit von Staat und Kirche und zum Teil bis ins 20. Jahrhundert hinein. Ihre heiligen Trommeln wurden zerstört, denn der "Aberglaube" sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Und so endete manch einer, der seine Trommel behielt, auf dem Scheiterhaufen. Es gibt jetzt noch etwa 70 Trommeln, die das Wüten im Namen Christi überstanden haben. Sie werden in verschiedenen Museen Europa gezeigt. Der Joik, ein Sprechgesang, wurde ebenfalls verboten, weil die Kirche meinte, die Sámi sprechen beim Joiken mit dem Teufel. Da fragt sich unsereins, wer hier abergläubisch ist! Zum Glück ist es auch hier so: Was gegen jede Vernunft unterdrückt wird, lebt weiter. Den Seelengesang der Sámi gibt es immer noch, er wird weiterentwickelt oder auch mit Pop und Jazz kombiniert, auf CDs gebrannt, in Workshops und auf Festivals gepflegt und verbreitet.

Von den etwa 20.000 Sámi in Schweden leben nur noch zehn Prozent von der Rentierzucht und sie müssen immer wieder ihr staatlich zuerkanntes Monopol auf Rentierhaltung verteidigen. Die meisten Sámi leben vermutlich in Stockholm, heißt es. Viele von ihnen engagieren sich im Natur- und Artenschutz, demonstrieren gegen Bergbaupolitik und Flussregulierungen. Oder werden berühmt wie die Weltklasse-Skirennläuferin Anja Pärson. 

Käsemachen ist durchaus sexy

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Den muss man einfach gegessen haben: "Västerbottenostpaj", hier auf dem Buffet im "Källan Hotell".

(Foto: ©Driesner)

Kein Västerbotten-Besuch ohne Käse, denn Nordschweden hat eine lange und gute Käsetradition. Und so gibt es auch für mich noch einen Abstecher nach Svedjan, bevor ich in Skellefteå ins Flugzeug steige. Erste Bekanntschaft mit dem berühmten Västerbotten-Käse mache ich im Wellness-Hotel Källan ("Quelle") auf einem sanften Hügel bei Norsjö. In der Nähe gibt es nur ein paar Häuschen des Dörfchens Åmliden, ansonsten nur Landschaft und die Quelle mit hervorragendem Wasser. Schon beim Blick vom Balkon wird man ganz ruhig. Am Abend genieße ich ein Gourmet-Menü aus lokal produzierten Zutaten: Auf dem Vorspeisen-Buffet lockt so einiges; aber vor allem ein "Västerbottensostpaj", ein pikanter Kuchen mit richtig viel Västerbotten-Käse. Es folgen rosa gebratenes Elch-Filet mit Kartoffel-Pilz-Püree und als Nachtisch Moltebeeren-Sorbet.

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Pär und Johanna Hellström haben gewagt und gewonnen: Ihre Käsesorten "Svedjan Ost" sind heiß begehrt.

(Foto: ©Driesner)

Der Legende nach verdankt der Västerbotten-Käse seine Entstehung 1872 einem Zufall, weil nämlich die Molkereigehilfin Eleonora Lindström zwecks Zärtlichkeitenaustauschs mit einem Milchknecht ihren Arbeitsplatz verließ. Die zwischenzeitlich abgekühlte Milch musste nochmal erhitzt werden, der daraus entstandene Käse wurde als misslungen in die Ecke gerollt. Nach Monaten stolperte offenbar jemand darüber und beim Kosten stellte sich heraus, dass aus dem Betriebsunfall ein äußerst schmackhafter Käse entstanden war. Leider wird heutzutage selbst der Västerbotten-Käse meist industriell hergestellt. Es ist wie überall: Kleinproduzenten haben es schwer, sich am Markt zu etablieren. Davon können auch Pär und Johanna Hellström ein Lied singen. Seit etwa 30 Jahren hält das Bauernehepaar Milchkühe und hat in dieser Zeit Auf und Ab erlebt. Damit die Farm die Familie weiterhin ernähren kann, gehen die Hellströms neue Wege: Sie lernen wie man Käse macht, in Schweden und Deutschland, aber vor allem in Frankreich.

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Nur Käse? Hier lagern ganz schöne Werte: In der Kammer reifen etwa 720 Käselaibe.

(Foto: ©Driesner)

Pär kann stundenlang über Lab und Bakterien, Meersalz und Kräuter fachsimpeln. 6 Käselaibe zu je 15 Kilo entstehen täglich; in 14 Monaten vollenden dann die Milchsäurebakterien ihr Werk. "Käsemachen ist unsexy", sagt Pär dazu. Da muss ich aber widersprechen, denn mit welch trockenem Humor der Mann von seiner Arbeit erzählt, hat was. 40 Milchkühe weiden auf Wiesen mit Kräutern und Wildblumen, die unbehandelte Morgenmilch wird in der eigenen Hofkäserei sofort weiterverarbeitet. Handgeschöpfter Rohmilchkäse für Feinschmecker aus Svedjan wird zur Existenzgarantie für Pär, Johanna und die Kinder Matilda, Alfred und Oskar. Innerhalb von fünf Jahren erobern Hartkäse, Blauschimmelkäse, Frischkäse und andere Milchprodukte der Marke "Svedjan Ost" die schwedischen Gourmettempel. Nicht nur das. Hellströms Käse wird richtig berühmt: 2017 schafft es "Svedjan Ost" sogar bis zur Nobelpreisverleihung, nämlich in die Kartoffelterrine mit Käsecreme zu knusprigem Lammrücken beim Festbankett im Rathaus von Stockholm. Inzwischen ist der Käse aus Svedjan auch in Singapur zu haben.

Västerbottensostpaj aus dem "Källan Hotell": 

Zubereitung:

Zutaten:

Teig:
200 g Weizenmehl
125 g Butter
2 EL Wasser
1 TL Salz (gestrichen)
Füllung:
200 g Västerbotten-Hartkäse
300 ml Sahne, Crème fraîche oder Vollmilch
3 Eier
½ TL Salz
etwas frisch gemahlener schwarzer Pfeffer oder Chili

Den Ofen auf 200 Grad Celsius vorheizen. Aus den Zutaten rasch einen Mürbeteig kneten. Eine gefettete Quiche- oder Springform damit auskleiden, dabei den Teig hochziehen. Für mindestens eine halbe Stunde in den Kühlschrank stellen.

Den Boden in der Form mit Backpapier bedecken, darauf Hülsenfrüchte zum Blindbacken geben und 10 Minuten backen.

In der Zwischenzeit den Käse raspeln und mit den Eiern und der Sahne bzw. Milch gut verquirlen. Mit Salz und Pfeffer oder Chili abschmecken. Den vorgebackenen Boden kurz abkühlen lassen. Dann die Füllung darauf gießen und etwa 30 Minuten weiterbacken, bis die Füllung gut gestockt und die Oberfläche schön gebräunt ist. Aufpassen, dass die Oberfläche nicht zu dunkel wird.

Schmeckt am besten lauwarm, aber falls wirklich etwas übrig bleiben sollte, auch kalt.

Tipp: In Deutschland gibt es Västerbotten-Käse nicht zu kaufen. Man kann stattdessen Parmesan nehmen, aber der Geschmack ist doch anders. Inzwischen habe ich im Internet Anbieter von Västerbottensost gefunden. So konnte ich auch ein anderes Rezept nachmachen: Butter, vermengt mit grob geraspeltem Västerbottensost, gibt es in Nordschweden auf jedem Buffet und ist auf frisch gebackenem Brot einfach unschlagbar. Probieren Sie es aus!

Schwedisch-Lappland ist auf alle Fälle eine Reise wert. Und ich habe dort noch längst nicht alles gesehen! Smaklig måltid! wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Teil 1: Königsadler mit WLAN
Teil 2: Christus im Berg und im Konsum
Mein Bericht entstand während einer Pressereise.

Quelle: n-tv.de