Essen und Trinken

Brummbärenloch und WLAN Ostsee lockt bei jedem Wetter

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Das Kältehoch "Herbert" sorgt auf der Warnow in Warnemünde für ein paar Eisschollen.

(Foto: Driesner)

Es sollte ein Frühlingserwachen am Meer werden. Doch "Hartmut" sorgt für eine Ahnung von Sibirien und lässt lange Unterhosen zum beliebten Kleidungsstück werden. Ein nordfriesischer Import sichert das Überleben zwischen Rostock und Warnemünde.

"Welcher Idiot fährt denn bei diesem Wetter an die Ostsee?" Ich. Was sollte ich sonst auf die Frage von Freunden antworten? Als ich das Rostocker Hotelzimmer Anfang Januar gebucht habe, war es schon ziemlich warm in Berlin und niemand hatte einen blassen Dunst von hereinbrechender Eiseskälte. Nicht mal die Wetterfrösche, zumindest haben sie es da noch nicht verraten. Der März nahte, damit der Abreisetag und dank eines Kältehochs namens Hartmut wurde es immer eisiger. Vor allem an der Ostsee.

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Zu einem Besuch des Ostseebades Warnemünde gehört unbedingt ein Spaziergang auf der 541m langen Westmole.

(Foto: Driesner)

Frei nach dem Motto "Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung" habe ich eine lange Unterhose wiederbelebt, die mich das letzte Mal vor gefühlt 20 Jahren beim Skilaufen in Bulgarien wärmte, den dicksten Rollkragenpullover und Schafwollsocken in den Koffer gepackt. Was mache ich mit Kopf und Händen? Ich hasse Mützen und Handschuhe, brauche sie eigentlich nie. In den Untiefen des Kleiderschranks siedelten zum Glück auch Wollhandschuhe - und eine fleischfarbene Strickmütze! Wen habe ich denn damit mal erschreckt? Jetzt jedenfalls mich, als ich in den Spiegel sah. Meine fetteste Daunen-Wanderjacke (mit einem sehr passenden Schriftzug "Canada" quer über dem Allerwertesten) hat ja eine warme Kapuze; die deckt vieles zu.

Irgendwann war mir alles egal, was ins Köfferchen kam: Hauptsache warm. Ich habe überlebt (sonst stünde hier ja nix), dick eingemummelt und mit einem pinguinähnlichen Laufstil entlang des Strandes. Gemessen waren es -12 Grad Celsius, wegen des eisigen Windes gefühlt mindestens das Doppelte. Und von wegen "Idiot"! Mit mir wanderten (oder wankten?) etliche Mutige an der Ostsee entlang. Nur Weicheier bleiben zu Hause! Es war wunderschön, etwas ganz Besonderes. Mein Fazit: Die Hansestadt Rostock und das Ostseebad Warnemünde sind bei jedem Wetter eine Reise wert, selbst bei sibirischer Kälte.

Da staunt der Hauptstädter

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Das neugotische Ständehaus von 1893 ist eines der schönsten Gebäude Rostocks und heute Sitz des Oberlandesgerichts Mecklenburg-Vorpommerns.

(Foto: Driesner)

Dank eines gut funktionierenden Nahverkehrs (Tageskarte 5,20 Euro) ist die Entfernung zwischen beiden Orten mühelos in kurzer Zeit zu bewältigen. Als  nahverkehrskampferprobte Berlinerin komme ich aus dem Wundern nicht heraus: Straßen- und S-Bahnen sauber, in richtigem Maße warm und gemütlich - und pünktlich! Von zu Hause bin ich es gewöhnt, dass man von der Zahl der auf den Schienen liegenden Schneeflocken auf die Verspätung schließen kann: drei Flöckchen gleich 30 Minuten Verspätung; in etwa. Oder alles bleibt gleich ganz und gar stehen, weil die Weichen, die im Sommer weich werden, bei Kälte gerne einfrieren. Entweder sind die Berliner Nahverkehrstransportmittel kalt oder überheizt, jedenfalls nie richtig temperiert. Offenkundig gibt es in Deutschland Stadtväter und Betriebe, die kriegen das besser hin.

Zwar ist die überschaubare Rostocker Altstadt per pedes gut zu schaffen, doch mit einer Stadtrundfahrt kommt man weiter und erfährt mehr. Los geht's am Universitätsplatz, und unser Guide stellt erst mal gleich eine Fangfrage: Wie viel Studiengänge es wohl gebe an der Uni, die als älteste Universität des Ostseeraumes gilt und die vier Gründungsfakultäten Medizin, Theologie, Jurisprudenz und Philosophie hatte. Ich liege mit geschätzten 40 noch gut im Rennen, in Wahrheit sind es aber über 150. Heute studieren an der größten Uni Mecklenburg-Vorpommerns an vier Campus-Standorten 15.000 junge Leute aus der ganzen Welt. Übrigens gab es hier im Jahr 2000 das erste flächendeckende WLAN-Netz Europas.

Gegründet wurde die erste Universität Nordeuropas 1419 als Alma Mater Rostochiensis. Womit der nette Stadtführer gleich bei den Festivitäten ist, die in diesem und dem nächsten Jahr auf die Hansestadt zukommen: Das Doppeljubiläum beginnt 2018 mit dem 800. Geburtstag Rostocks am 24. Juni und endet 2019 mit dem 600-jährigen Gründungsjubiläum der Universität. Zu den bedeutendsten Studenten seit ihrer Gründung zählen der Astronom Tycho Brahe, der Archäologe Heinrich Schliemann und Schriftsteller wie Erich Kästner, Arnold Zweig oder Fritz Reuter. Übrigens gibt es noch einen runden Geburtstag im kommenden Jahr: Die Rostocker Mensa wird 100.

Johannes streicheln bringt Glück

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"Johannes" am Rathaus: Streicheln soll Glück bringen.

(Foto: imago/Margit Wild)

Das Stadtrecht Rostocks ist natürlich urkundlich belegt; erwähnt wurde Rostock das erste Mal aber schon 1161 von dem dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammticus. Eine Countdown-Uhr am Rathaus zählt seit dem Vorjahr die verbleibenden Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zum offiziellen Stadtgeburtstag herunter. Mit über 700 Jahren gilt das Rostocker Rathaus als das älteste in Ziegelgotik errichtete Rathaus Deutschlands. Während man im Ratskeller, in dem einst reichlich Vorräte an Bier und Wein lagerten, immer noch gut essen und die historischen Gewölbe und schweren Pfeiler bewundern kann, existieren heutzutage keine Folterkammern und Verliese mehr in den großen Kellern. Auch das "Brummbärenloch" für verhaftete Studenten und all jene, die nachts ohne Laterne angetroffen wurden, gibt es nicht mehr.

Dort sollten "die Studenten, so sich untereinander oder andere auff der Gassen oder in Heusern bey nächtlicher Weilen hauen, schlagen, den Professoren oder Bürgern die Fenster auswerfen", festgesetzt werden, hieß es anno 1563. Zu sehen ist aber immer noch eine Schlange zu Füßen des Hohen Hauses. Was es mit der sich an einer Eingangssäule windenden Schlange aus dem frühen 19. Jahrhundert auf sich hat, ist keinem so richtig klar. Sie könnte als Mahnung an die Weisheit der Ratsherren gedacht sein. Fischer behaupten dagegen, sie diente einst als Aalmaß auf dem Neuen Markt. Einen Aalschwanz hat das Fabelwesen jedenfalls. Die heutige bronzene Plastik aus der Hand des Kunstformers Erhard John stammt von 1998, denn die Vorgänger-Reptilien wurden gerne mal geklaut. Die neue Schlange wurde zum 780. Jahrestag der Stadt übergeben und auf den Namen Johannes getauft. Warum auch immer. Es soll Glück bringen, wenn man Johannes über den Kopf streicht.

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Die beste Fischgaststätte Rostocks heißt "Zur Kogge": Lachs, Dorsch, Rotbarsch und Buntbarsch auf einer Platte.

(Foto: Driesner)

Das kommt hin, denn abends in der "Kogge" kann ich den letzten freien Platz entern. Rostocks älteste maritime Gaststätte war früher eine typische Seemannskneipe, mit all den Gerüchten, Übertreibungen und "besonderen Vorkommnissen", die das Klischee so bietet. Sie ist noch immer urig und gemütlich und verströmt zwischen Seeigeln und Sägefischen, Rettungsringen und Schiffsglocken einen Hauch Seefahrerromantik. Ein Rostock-Besuch, ohne mal in der "Kogge" gewesen zu sein, ist keiner! Apropos Johannes mit Aalschwanz: Schlange gibt es in der "Kogge" nicht, aber ich esse so viel Fisch, dass mir fast Flossen wachsen. "Wenn de Fisch brat is, helpt eem dat Water nich miehr", steht in der Speisekarte. Auch mir hilft kein Wasser mehr, nur noch brennender "Fischergeist". Zwei Mal. Und das Rostocker Bier schmeckt auch gut.    

Fährt man mit dem Auto nach Rostock, hat man ein Problem wie in allen engen Innenstädten: Wo übernachtet der fahrbare Untersatz? Es bleibt nur die Tiefgarage - und die 15 Euro pro Auto und Nacht sollten in der Urlaubskasse einkalkuliert werden. Die machen ein möglicherweise preiswertes Hotel- oder Pensionszimmer dann doch "luxuriös". Zum Ausgleich gibt es ja das freundliche Nahverkehrs-Angebot, so dass das Auto getrost stehen bleiben kann. Denn mit Auto entgeht einem ein nicht zu verachtender Nordsee-Import, zumindest in der kalten Jahreszeit: der Pharisäer. Der hilft nicht nur gegen kalte Füße wie heißer Tee, Glühwein oder Grog, sondern wärmt auch alle eingefrorenen Lebensgeister wieder auf.

Echte und unechte Pharisäer

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An der Westseite des Alten Stroms lockt Warnemündes Flaniermeile mit Geschäften, Gaststätten und Pensionen in liebevoll restaurierten Kapitänshäusern.

(Foto: Driesner)

Diese friesische Aufwärm-Spezialität, bei der sich unter einem unschuldig-weißen Sahnehäubchen nichts als harmloser schwarzer Kaffee zu verbergen scheint, soll im 18. Jahrhundert auf der nordfriesischen Insel Nordstrand entstanden sein. Schließlich gibt es ja auch an der Nordsee eiskalte Winter. Auf Nordstrand soll es einen besonders strengen Pastor gegeben haben, den die Friesen nur bewegen konnten, auf Hochzeitsfeiern zu erscheinen, wenn es keinen Alkohol gab. Und so achteten sie immer darauf, dass Hochwürden bei Feiern jedweder Art stets einen "normalen" Kaffee mit Sahne bekam. Ob der Herr Pastor wegen der um sich greifenden heiteren Stimmung misstrauisch wurde oder aber versehentlich die falsche Tasse erwischte, ist nicht bekannt. Berühmt aber ist sein Ausspruch: "Oh, ihr Pharisäer!" Fakt ist, dass die Sahnehaube das Verdunsten des Alkohols verhindert. Man kann ihn durch die dicke Sahneschicht auch nicht erschnuppern.  

So ein richtiger Pharisäer ist aber nicht nur scheinheilig, sondern auch heimtückisch. Das Gesöff schmeckt himmlisch, kann aber teuflisch wehtun - am nächsten Morgen. Spaß verstehen die Friesen nicht, wenn es um ihr Nationalgetränk geht. Die Frage, wie viel Rum in einen Pharisäer gehört, beschäftigte schon Justitia. Ein Pharisäer mit nur 2 cl Alkoholgehalt schmeckt nämlich "fade und ausdruckslos". Das behauptete jedenfalls ein Gast, der in einer Gaststätte "Pharisäer nach Originalrezept" bestellt hatte und aufgrund der dürftigen Rumzugabe die Bezahlung verweigerte.

Der Wirt hatte mit seiner darauf folgenden Klage vor dem Flensburger Amtsgericht keinen Erfolg. Laut Überlieferung gehört in einen Pharisäer "ein guter Schuss" Rum, was ja nun Auslegungssache ist. Ein hinzugezogener Sachverständiger verwies jedoch darauf, dass unter dieser Bezeichnung die Menge zu verstehen sei, die aus der Flasche fließe, solange man "einundzwanzig, zweiundzwanzig" zählt. Das entspreche etwa 4 cl. Der zuständige Richter ließ sich schließlich in einer neutralen Gaststätte das umstrittene Getränk wechselweise mit 4 cl und 2 cl Rumgehalt servieren. Sein Urteil: Der Pharisäer mit nur 2 cl Rum war "erheblich mangelhaft". Der Angeklagte habe zu Recht die Zahlung verweigert. Wie viel "echte" Pharisäer der Richter getrunken hat, ist nicht bekannt.

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Ostdeutscher Pharisäer in der "Hafenliebe" in Warnemünde: Nicht ganz stilecht im Glas, aber mit ausreichend Rum.

(Foto: Driesner)

Wie viel Rum nun in einen Pharisäer gehört, ist zwar immer noch nicht genau festgelegt - aber zu Hause kann das ja jeder machen, wie er will. Nur aufpassen, falls sich Juristen in der Gästeschar befinden! In einem Pharisäer wird nicht herumgerührt, er wird auch nicht geschüttelt, getrunken wird durch die Sahne hindurch. Anderenfalls kann eine Lokalrunde angedroht werden. Ich hatte Glück, meine Rührerei hat niemand gesehen, was vermutlich wieder mal am glücksbringenden Kopfstreicheln von Johannes lag. Stilecht serviert wird der Pharisäer in einer hohen becherartigen Tasse. Die Legende besagt, dass derjenige das Gedeck behalten kann, der acht Portionen schafft. Ich hab's lieber nicht probiert.

Der echte Pharisäer

Zubereitung:

Zutaten pro Person:

3/4 Tasse heißer, starker Kaffee
1/4 Tasse Rum (54 Vol.-%)
1 Stück Würfelzucker
ungesüßte Schlagsahne

In den heißen Kaffee das Stückchen Zucker plumpsen lassen, den heiß gemachten Rum hineingießen und das Ganze mit einer Haube aus frisch geschlagener Sahne krönen. Dabei nicht geizen! Der Rum darf nicht zum Kochen gebracht werden, sonst fliegt der "Geist" davon. Kalt darf er aber auch nicht in den Kaffee gekippt werden, dann ist das nämlich kalter Kaffee ... Wie schnell oder langsam Sie beim Rumabmessen zählen, ist Ihre Sache. Und eine Vierteltasse fasst mehr als vier Zentiliter Rum.

Ist kein Kaffee, sondern Trinkschokolade in der Tasse, heißt das durchwärmende Getränk "Tote Tante". Auch lecker.

Gutes Gelingen und warme Füße wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de