Leben
Wer bei der Gesichtsbehandlung nicht geschält werden möchte, fragt besser nach "exfoliating".
Wer bei der Gesichtsbehandlung nicht geschält werden möchte, fragt besser nach "exfoliating".(Foto: AP)
Samstag, 25. August 2018

"Der Denglische Patient": Oh, what a peeling!

Eine Kolumne von Peter Littger

Die deutsche Sprache ist voller englischer Begriffe, die es im Englischen gar nicht gibt! Zum Beispiel "Basecap", "Messie" oder "Peeling". Kein Problem, solange wir unter uns bleiben. Schwierig, wenn wir hinausgehen in die große englischsprachige Welt.

Neulich saß ich im Flugzeug neben Philipp und Anne. Wie sich schnell herausstellte, sind sie Unternehmensberater bei der Firma "Accenture". Spötter sprechen ja manchmal auch von "Accidenture", was ich für einen treffenden Wortwitz halte - a trenchant pun! Rein aus sprachlicher Sicht - purely from a language point of view.

Philipp und Anne sprachen Deutsch. Und Englisch. Durcheinandergerührt wie der Teig eines Mamorkuchens. Für einen Moment musste ich an den Film "Toni Erdmann" denken, der auch die Sprache von Unternehmensberatern zum Thema hat. Es schien derselbe Drehbuchautor am Werk zu sein:

Philipp: "Hast du alle Painpoints des Kunden notiert?"
Anne: "Not yet. Ich denke, das soll Wolfgang machen. Er ownt den Kunden."
Philipp: "Bis zum nächsten Shakehands brauchen wir die."

Es fiel mir nicht leicht, mich zurückzuhalten. Nicht etwa, weil mich die Schmerzpunkte des Kunden interessierten. Auch nicht, weil ich vielleicht der Meinung bin, dass wir keine englischen Begriffe benutzen sollten. Ganz im Gegenteil! Lehnwörter aus fremden Sprachen können eine Bereicherung sein, solange wir sie nicht im Überfluss verwenden und sie wirklich neue inhaltliche Aspekte liefern. (Was allerdings weder für "Painpoints" noch für "ownen" oder "Shakehands" gilt).

Symptom von "Anglizitis"

Was mich vielmehr beschäftigte und besorgte, war der Umstand, den ich aus dem Gespräch schließen konnte: dass sich der "Kunde" in London befindet. Philipp, Anne und Wolfgang müssen also Englisch sprechen, um das Projekt zum Erfolg zu führen. Doch wie soll das auf verständliche Weise funktionieren und am Ende gutgehen, wenn es in der englischen Sprache nicht einmal "Shakehands" gibt?

Bilderserie

Da ich mich als "Denglischer Patient" seit einigen Jahren mit solchen Momenten - und nicht zuletzt auch mit meinen eigenen sprachlichen Unzulänglichkeiten - beschäftige, kann ich berichten, dass es sich um ein sehr verbreitetes Problem handelt. Oder anders gesagt: Es ist ein typisches Symptom unserer "Anglizitis". Wir benutzen eine Menge englische Wörter, die es im englischen Wortschatz entweder gar nicht gibt oder die eine völlig andere Bedeutung haben. Da wird aus dem gängigen englischen "handshake" kurzerhand "The Shakehands" gemacht - oft auch vor laufender Kamera mit Kanzlerin und Bundestrainer. Und wo ich "Trainer" sage: Im Englischen ist das eher ein Turnschuh, weshalb Jürgen Klopp als "Manager" oder "Coach" des Liverpool FC bezeichnet wird. Auf dem Kopf trägt er gerne eine "baseball cap", keine "Basecap", wie wir es nennen. Würde Klopps Frau auch eine "Basecap" tragen, wäre das nach unserer Vorstellung "Partnerlook". Im englischen Modealltag existiert diese Ausdrucksform nicht. Man könnte von "matching outfits" sprechen - wenn überhaupt …

Allein diese wenigen Beispiele zeigen, dass der Kreis der Denglischen Patienten, die Fantasieenglisch sprechen, viel größer ist als die Gruppe der Unternehmensberater. Deutschsprachige Eltern benutzen "Babyfons", wenn englischsprachige Eltern ihren "baby monitor" oder "baby alarm" einschalten. Deutschsprachige Gastgeber servieren eine "Bowle", wenn englischsprachige Gastgeber einen "punch" aus einer "bowl" servieren. Deutschsprachige Athleten absolvieren ein "Circle Training", wenn ihre englischen Kontrahenten ein "circuit training" machen. Deutschsprachige LGBTs besuchen den "Christopher Street Day", während ihre Freunde in den USA an der "Pride Parade" teilnehmen. Und während sich deutschsprachige Menschen ihren Hautproblemen vielleicht mit "Peeling" nähern, versuchen es englischsprachige Menschen mit "exfoliating" - schließlich wollen sie ihre Haut nicht abschälen wie die Schale einer Frucht, sondern nur abschuppen oder -schrubben (deshalb auch "scrub").

Ein deutscher "Spleen"

Sprachwissenschaftler nennen solche im Standardenglisch missverständlichen Sprachkreationen übrigens "Pseudoenglisch" und "Scheinanglizismen". Ich möchte es mit einem passenden pseudoenglischen Begriff umschreiben: Fantasieenglisch ist ein deutscher "Spleen" - imaginary English is a German tic! (Denn "Spleen" bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die "Milz".)

Das wohl berühmteste scheinenglische Wort aus deutscher Fabrikation ist das "Handy". US-Amerikaner nennen das Mobiltelefon "cellular (phone)" oder kurz "cell(phone)". Für die Briten ist es "mobile". Ähnlich berühmt ist die dazugehörige "Mailbox", die im Englischen nicht Anrufbeantworter, sondern Briefkasten bedeutet, ebenso von elektronischer Post. Auch der "Beamer" ist ein häufig in den Konferenzraum gestelltes Missverständnis. Während das Gerät im Englischen "projector" genannt wird, ist ein "Beemer" (oder "Beamer") die Umschreibung für ein Auto aus deutscher Fabrikation: den BMW!

Wer - wie ich - einmal anfängt darauf zu achten, kann andauernd irgendein "Englisch made in Germany" hören. Das "Mobbing" in deutschen Büros zählt genauso dazu wie der "Messie" in deutschen Wohnungen. Im englischsprachigen Alltag wäre von "harassment" und von einem "slob" die Rede. Auch ist der "Evergreen" ein pseudoenglisches Gewächs, da es im englischen Sprachraum nur eine immergrüne Pflanze ist. Ein Gassenhauer hingegen wird "golden oldie" genannt.

Wenn Sie noch mehr Beispiele für unser Fantasieenglisch kennenlernen und in Zukunft erkennen wollen, empfehle ich Ihnen das Kapitel "Der deutsche Spleen" in meinem Buch: "The Devil lies in the Detail - Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache". Und wenn Sie Beispiele haben, die ich bislang übersehen habe, schreiben Sie mir unbedingt! Ich werde sie dann vielleicht in meiner "Hitliste" pseudoenglischer Begriffe aufnehmen - wohlwissend, dass man im Englischen schlicht von einer "list" oder einem "ranking" sprechen würde, da es sich schließlich nicht um eine Abschussliste handelt.

Quelle: n-tv.de