Unterhaltung

Gedanken über Thomas Gottschalk Ah, Reschpekt, mein Lieber!

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Servus, Thommy!

(Foto: dapd)

Sein Bekanntheitsgrad in Deutschland lässt manchen Politiker vor Neid erblassen. Thomas Gottschalk prägte über Jahrzehnte die deutsche Medienlandschaft wie nur wenige andere. Für einen Nachruf ist es zu früh, schließlich will er noch nicht in Rente gehen. Trotzdem endet mit seinem Abschied von "Wetten dass..?" eine Ära. Traurig oder höchste Zeit? Die n-tv.de Redaktion ist gespalten.

Für immer ein Thommy

von Sabine Oelmann

Der Thommy. Welcher Ü-60-Jährige ist schon noch ein Thommy? Es gibt nur ein paar Männer, die das schaffen. Thomas Gottschalk gehört dazu. Der Junge hört jetzt auf. Nicht ganz freiwillig, denn der dramatische Umstand, dass in seiner Sendung ein junger Mann bei einer Wette schwer verunglückt ist, hat ihn dazu veranlasst. Und damit bin ich auch schon bei meiner Kernaussage: Respekt! Er tut genau das Richtige - und das kann man nicht immer von dem Mann behaupten, der die Samstagabendunterhaltung in Deutschland geprägt hat wie kein anderer.

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Für seine Fans ist er nach wie vor der Größte.

(Foto: dpa)

Aufgewachsen im Sinne von: "Ich freu' mich schon auf Samstagabend, denn da dürfen wir länger aufbleiben und fernsehen!" bin ich zwar mit Rudi Carrell, aber Thomas Gottschalk war danach eben da. Auch wenn man die Sendung nicht gesehen hat, war sie doch immer eines der Gesprächsthemen nach dem Wochenende. Und selbst wenn einem vieles nicht gefallen hat - sein Anbiedern an die Gäste, das Betätscheln der Frauen, seine oberflächliche Art, Fragen zu stellen und dann kaum zuzuhören, seine Klamotten und seine Frisur - so sind doch genau dies die Dinge, denen jetzt wahrscheinlich alle hinterher jammern werden. Ich übrigens auch. Denn wenn man ihn einmal erlebt hat, wie er "in echt" ist, dann weiß man, dass das ein Mann ist, der seinen Job, seine Gäste, sein Publikum und seine Fans liebt, der ihnen mit endloser Geduld und genauso viel Respekt gegenübertritt, der stundenlang Autogramme schreibt und der sich nicht anmerken lässt, wem er seinen Erfolg am meisten verdankt: Thomas Gottschalk.

Der große Blonde mit den bunten Schuhen

von Samira Lazarovic

Thomas Gottschalk? Den habe ich ja auch lange nicht mehr gesehen. Macht der noch "Wetten, dass..?"? Richtig, da war dieser Unfall mit dem Autohüpfer, furchtbar! Was die Jugend alles so macht, um ins Fernsehen zu kommen, schlimm. Ach, und deswegen hört er jetzt mit der Sendung auf? Hätte er wahrscheinlich sowieso demnächst, oder? Wie alt ist der jetzt? Ist er schon 60? Sieht aber immer noch flott aus mit seinen Locken. Die Klamotten, na gut. Andererseits kann man den Mann wirklich nicht vorwerfen, keinen eigenen Style zu haben. Aber woher kriegt man eigentlich solche Sachen?

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Die "Supernasen" - das vergessen wir lieber mal ganz schnell.

(Foto: dpa)

Ob "Wetten, dass..?" überlebt? Keine Ahnung. Kann ja die Schöneberger machen. Die ist doch ganz witzig, wenn man sie gut dosiert. Ich gehöre ja auch noch zu der "Puschen-Kino"-Generation. Aber ehrlich gesagt war das noch zu Frank Elstners Zeit. Jetzt nicht nachrechnen! Und nach Elstner kam doch dieser Fummler-Typ … wie hieß der nochmal? Ach, der Gottschalk war erst da und hatte nur eine Pause gemacht? Weiß ich gar nicht mehr.

Nee, die "Supernasen" fand ich blöd. Aber "Na siehste" fand ich super! Das war doch immer kurz vor oder während oder nach den Sommerferien, oder? Da haben wir das erste Mal 'Lambada' gehört - und Thomas Gottschalk hat dazu mit Günther Jauch getanzt! Sternstunden des Deutschen Fernsehens! Und danach raus, eine Runde Fahrradfahren, solange es noch hell ist.

Der Leonard aus der Uni, der hat immer gesagt: "Eines Tages moderiere ich 'Wetten, dass..?'." Mit dem konnte man sich nie zum Lernen verabreden, wenn es "Wetten, dass..?" gab - das war der heilige Fernseh-Gral! Ob er wohl immer noch davon träumt? "Guten Abend! Schönen Guten Abend Bremerhaven! Herzlich Willkommen in Saarbrücken! Danke, Danke, Danke! Kommen wir zur Saalwette!" Immerhin ist er ja RTL-Moderator geworden. Hey, Leonard, hast Du Deine Bewerbung abgeschickt?

Zusammen alt

von Hubertus Volmer

Thomas Gottschalk hält Status Quo für Rockmusik, Heidi Klum für charmant und seine Witze für lustig. Er stellt unendlich lange Fragen und interessiert sich nicht die Bohne für die Antworten. Er glaubt, dass früher alles besser war, doch sich selbst scheint er damit nicht zu meinen. Einerseits. Andererseits liebt ihn das Publikum, denn - ohne Klischees geht es bei Gottschalk nicht - er liebt sein Publikum. Schließlich ist man auch zusammen alt geworden. Kaum vorstellbar, wie "Wetten, dass..?" ohne ihn funktionieren soll.

Vorhang des Vergessens

von Gudula Hörr

Eine westdeutsche Kindheit in den 80er Jahren hatte ja gelegentlich etwas Deprimierendes an sich. Einer der allerdeprimierendsten Momente aber war, montags früh auf dem Schulhof herumzulungern und so zu tun, als könne man mitreden: über aufgeblasene Wärmflaschen, den Geschmack von Buntstiften oder die merkwürdige Kostümierung eines Moderators. Egal, zu welchem Grüppchen auf dem Hof man hinüberschlich: Mit erstaunlicher Leidenschaft diskutierten alle einhellig, die Klassenstreberin, der langgelockte Vamp und der JU-Kofferträger über die "Wetten dass..?"-Sendung vom Samstagabend. Und bis zum Freitag redeten sie weiter davon, bis auch ich sie endlich alle kannte: die Kandidaten, die Wetten, die Gäste. Gnädigerweise legte sich dann irgendwann der Vorhang des Vergessens darüber.

Ein Leben mit Gottschalk

von Volker Probst

Thomas Gottschalk ist Franke. Wie ich. Und allein das verbindet mich mit ihm. Nein, es geht nicht um Mentalität oder Zusammengehörigkeit nur wegen der Herkunft. Es geht darum, dass Gottschalk für mich, beinahe seit ich denken kann, allgegenwärtig war. Schon als Kind begleitete er mich als Radiomoderator bei "Bayern 3" - von "Pop nach Acht" bis hin zur legendären "Radioshow" mit Günther Jauch. Rasch kam das Fernsehen hinzu: Die nicht minder legendären "Telespiele", "Thommys Pop-Show" und "Na sowas!". An das Interview mit dem völlig derangierten Klaus Kinski erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen. In der kargen Medienlandschaft damals war Gottschalk eine Lichtgestalt.

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Mit den Stars kann er's gut, ...

(Foto: picture alliance / ZB)

Die verdienten Früchte erntete er, als er 1987 "Wetten dass..?" übernahm. Aber: Danach verblasste sein Ikonenstatus. Ich wurde erwachsen und die um die Privatsender bereicherten Medien immer weniger karg. Für die "Radioshow" hatte ich oftmals um Punkt 14 Uhr den Sender gesucht. Doch ich kann mich nicht entsinnen, allzu häufig gezielt um 20.15 Uhr den Fernseher für "Wetten dass..?" eingeschaltet zu haben. Trotzdem ist es schade, dass Gottschalk nun geht. Nicht nur, weil man alte Bekannte ungern ziehen lässt, sondern auch, weil ein tragischer Unfall seinen Abschied ausgelöst hat. Man hätte sich wirklich von Herzen gewünscht, dass "Thommy" das erspart geblieben wäre.

Zum "Fremdschämen"

von Andrea Beu

Das wird keine Trauerrede, denn ich muss zugeben: ich konnte Thomas Gottschalk noch nie leiden. Noch nicht mal damals in der DDR, als jede Sendung im Westfernsehen per se besonders, bunt und aufregend war und man sich daher alles angesehen hat, was die gestrengen Eltern einem erlaubten. Die Wetten bei "Wetten, dass ..?" haben es manchmal noch rausgerissen, aber Gottschalk selber fand ich schon damals - und heute noch mehr - peinlich, unwitzig und uncharmant. Zum Umschalten. Die oft hochkarätigen Gäste und dann dieser Gummibärchen-Gottschalk mit seinen Altherrenwitzen … Wenn es das Wort "Fremdschämen" schon gegeben hätte, ich hätte es empfunden. Auch sein "origineller" Kleidungsstil - zum Schütteln. Grausam. Ich trauere seinem Abgang also überhaupt nicht nach. Es kann nur besser werden. Es wird Zeit für eine weltgewandte, witzige, charmante Nachfolgerin.

"Bist Du bescheuert?"

von Timm Leibfried

Früher war "Wetten, dass..?" ein klassischer Familientermin. Nachdem meine Mutter wieder die Samstagsedition ihrer legendären Blechpizza aus dem Ofen zauberte, musste der Essenstermin so gelegt werden, dass weder "ran" verpasst noch zu "Wetten, dass…?" zu spät eingeschaltet wurde. Schon relativ früh fiel mir auf, dass es nicht die Wetten an sich waren, die für mich den Reiz der Sendung ausmachten, sondern Gottschalks Smalltalk auf der überdimensionalen Couch. Absolutes Highlight in den Neunzigern: Der Auftritt von Fußball-Nationalspieler Maurizio Gaudino, der nach der Show wegen Versicherungsbetrugs von der Polizei verhaftet wurde. "Wetten, dass …?" ist eben mehr als eine gewöhnliche Late-Night-Show.

Als der Samstagabend nicht mehr von Mamas Pizza und Thomas Gottschalk dominiert wurde, sondern Bier, Mädchen und Partys ins Spiel kamen, wurden unsere Dates seltener. Welch ein Glück für die Einschaltquote, dass Rebellionen gegen meine Erziehungsberechtigten oft ein sonnabendliches Ausgehverbot zur Folge hatten. Das Einzige, das mir damals noch den Abend retten konnte, war tatsächlich "Wetten, dass..?". Allerdings bekam das Verhältnis zwischen Thommy und mir langsam Kratzer: Unerhört war es bis zuletzt, dass das "Sportstudio" erst mit stundenlanger Verspätung starten konnte, weil Gottschalk seine Promis in Grund und Boden redete.

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... und mit den Frauen sowieso - na ja, mehr oder weniger.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Doch wir haben unsere Differenzen ausgeräumt. Und so ist "Wetten, dass..?" in meinem Freundeskreis zu einer Art Public-Viewing-Event geworden. Vor dem Feiern wird sich schon mal zum gemeinschaftlichen Schauen verabredet. Unvergessen bleibt eine Show im vergangenen Sommer, als ich es tatsächlich wagte, eine "Wetten, dass..?"-Übertragung vorzeitig abzubrechen, um noch zeitig auf unser Stadtfest zu kommen. Mein Kumpel Patrick blickte mich entsetzt an und brüllte: "Bist du bescheuert? Ich will noch die Stadtwette sehen!"

Natürlich erzählt Gottschalk gerne und viel, animiniert gelegentlich zum Fremdschämen und schöpft inzwischen aus einem Repertoire von maximal 30 Sprüchen. Doch er ist eben wie er ist. Wenn er auf Kylie Minogue oder sogar Catherine Deneuve abfährt, dann zeigt er das halt. Thomas Gottschalk ist authentisch und einfach eine coole Sau. Thomas Gottschalk ist "Wetten, dass..?" und "Wetten, dass..?" ist Thomas Gottschalk. Du wirst es schwer haben, lieber Nachfolger.

Haiku

von Jan Gänger

Altherrenhumor

Schrill gekleidet, blond gelockt

Vorbei. Aus die Maus.

Quelle: n-tv.de

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