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Marek Lieberberg im Interview "Arbeiten auf einer Rennstrecke"

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Marek Lieberberg ist der Veranstalter von "Rock am Ring".

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Veranstalter von "Rock am Ring" müssen jedes Jahr einen logistischen Kraftakt leisten. In Ausnahmesituationen wie bei den Unwettern 2015 und 2016 und bei der Terrorwarnung 2017 kommt es auf ein eingespieltes Team an. Dazu muss stets der Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Auge behalten werden. Über Probleme und Herausforderungen bei Deutschlands größtem Musikfestival spricht Veranstalter Marek Lieberberg im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Lieberberg, sind Sie nach all den Jahren noch nervös, wenn das Festival beginnt?

Marek Lieberberg: Ich glaube, kein Mensch kann sich dieser Anspannung entziehen. Hier gibt es keinen feststehenden Rahmen, weil man immer Zufällen und Kalamitäten ausgesetzt ist. Ich arbeite nicht als Einzelgänger, sondern stütze mich auf ein Team, mit einer Vielzahl von Experten und Spezialisten, das sich über die Jahre hinweg gebildet hat. Der Unterbau stimmt, aber ich sitze nicht an einem Schaltpult und bewege Menschen und Maschinen wie Marionetten. Jeder ist an seinem Platz. Damit ich eingreife, muss das Außergewöhnliche passieren.

Das Außergewöhnliche ist in den letzten Jahren dann doch häufiger eingetreten, als Ihnen lieb ist. Schlimme Unwetter, eine Terrorwarnung - das waren sicher Dinge, an die Sie vor 20 Jahren nicht gedacht hätten?

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Nur in Ausnahmefällen bekommt das Publikum Marek Lieberberg zu sehen. 2017 musste er den Abbruch des Festivals verkünden.

(Foto: picture alliance / Thomas Frey/d)

Ich komme aus einer Zeit, in der alles Improvisation war. Viele wissen gar nicht, dass wir den Beruf des Festival- oder Tourneeveranstalters erst erfunden haben. Den gab es in dieser Form nicht. Es gab Impresarios, die ein Werk auf die Bühne gebracht haben. Jedoch war das Wissen, wie man Konzerte organisiert, technisch, personell und organisatorisch abwickelt, nicht vorhanden.

Ist der Lerneffekt für Sie als Veranstalter immer noch groß, obwohl man nach so vielen Jahren bereits eingespielt ist?

Das Problem ist: Diese Veranstaltung ist ein Kompromiss. Man arbeitet auf dem Parkplatz einer Rennstrecke. Es gibt hier keine bereits existierende Arena mit Eingängen, Tribünen und Infrastruktur. Man muss versuchen, aus einem Provisorium für ein Wochenende etwas zu gestalten, das Bestand hat. Das stellt uns immer wieder aufs Neue vor komplexe und schwierige Aufgaben.

Ich habe beispielsweise fünf Jahre gegen viele Einwände dafür gekämpft, den Künstler- und Produktionsbereich, der direkt hinter der Bühne und sehr nah am Publikum lag, in eines der neuen Gebäude am Nürburgring zu verlegen. Endlich wurde diese Möglichkeit realisiert und die Künstler sind dadurch in einem sicheren und geschützten Bereich, die Veranstaltungsleitung kann ungestörter und akribischer arbeiten. Mit jedem Festival werden die handelnden Personen erfahrener. Wir können uns auf einen professionellen Ordnungsdienst und eine exzellente Unterstützung durch den Nürburgring stützen. Es wird einfacher, aber ein Stück Ungewissheit bleibt immer.

Die Europawahl hat gezeigt, dass viele Menschen den Umweltschutz und Nachhaltigkeit als zentrales Thema sehen. Wird das bei "Rock am Ring" in den kommenden Jahren auch wichtiger?

Ein Wahlergebnis ist immer eine Momentaufnahme,und zum Zeitgeist gehört es, "grün" zu denken. Aber wie sollen die gigantischen Anlagen und Versorgungseinrichtungen betrieben werden, und woher kommt der Strom? Selbstverständlich gilt es, Plastikmüll so gut wie möglich zu vermeiden, und ich glaube, dass kein Festival mehr für Müllvermeidung, -trennung und -entsorgung leistet und aufwendet. Wir geben unser Bestes, um ein nachhaltiges Festival zu veranstalten. Auf der anderen Seite werden wir immer wieder mit dem Freiheitsdrang der Besucher konfrontiert, die sich gegen zu starke Einschränkungen und Reglementierungen wenden. So sind Festivals immer eine Balance zwischen der Sehnsucht der Fans nach Freiheit und dem Zwang zur Regulierung großer Menschenmassen.

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2015 sollte der "Rock am Ring"-Veranstalter Rücksicht auf die Feldlerche nehmen.

(Foto: imago images / blickwinkel)

In ökologischer Hinsicht sind wir oft mit absurden Forderungen konfrontiert worden. Gerade, wenn ich an die Interimszeit in Mendig denke: Was man uns da zum Teil auferlegt hat, war eine Ansammlung von Absurditäten. So mussten wir unter anderem Landeschneisen für Feldlerchen schaffen, die Unsummen verschlungen haben. Einen Tag nach dem Festival waren die Vögel bereits wieder auf ihrem gewohnten Terrain. Trotzdem hat man uns behandelt, als würden wir ein toxisches Chemiewerk in der Eifel bauen. Die Vorstellung der zuständigen Behörden waren beim besten Willen nicht immer vernunftgeprägt.

Das Festival wirkt in diesem Jahr noch rocklastiger. Ist das die zukünftige Entwicklung bei "Rock am Ring"?

Dieser Eindruck täuscht. Das Line-up richtet sich weitgehend nach den Verfügbarkeiten von Bands, die sich aktuell auf einem Tourzyklus befinden und Interesse an einem Auftritt zeigen. Wir haben das Glück, dass der Ring ein attraktives Forum und Schaufenster für moderne Musik ist. Mit den Ärzten, Tenacious D, Slipknot und Tool ist uns eine gute Mischung gelungen. In anderen Jahren ist das Line-up dann pointierter bei anderen Musikrichtungen. Privat bewege ich mich musikalisch in einer anderen Welt.

Welche Musikrichtung wäre das dann bei Ihnen?

Ich habe früher selbst Rockmusik gespielt. Jetzt lasse ich mich persönlich weit mehr von der Klassik inspirieren. Je mehr Rockmusik ich veranstaltet habe, desto mehr hat mich die Klassik gepackt.

Das Gespräch mit Marek Lieberberg bei Rock am Ring führte Michael Bauer.

 

Quelle: n-tv.de

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