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Pack den Pferdeschwanz aus Der total schockverliebte ESC-Vorentscheid

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Unser Star für Kiew: Isabella "Levina" Lueen.

dpa

Florian Silbereisen steht auf Helene, Lena Meyer-Landrut fährt auf Axel im Anzug ab, Tim Bendzko macht's gern im Dunkeln, Barbara Schöneberger sorgt sich um den Ständer - und alle lieben Levina. Kurzum: Das war der ESC-Vorentscheid.

Ist es schon der Karneval? Oder haben sie vor dem deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) in Köln Aphrodisiaka, Viagra oder Ecstasy unters Volk gebracht? Geschlagene drei Stunden dauert es, ehe feststeht, wer mit welchem Song Deutschland am 13. Mai in Kiew vertreten wird. Drei Stunden, in denen sich Moderatorin, Jury und Publikum bis zur Entscheidung mal mehr und mal weniger freiwillig mit mal mehr und mal weniger großen Schweinereien über Wasser halten. Doch das ist ganz gut so, lenkt es doch etwas davon ab, was Showmasterin Barbara Schöneberger unvorsichtigerweise an einer Stelle mal eben rausrutscht: "Wir schinden ein bisschen Zeit."

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Schon von Beginn der Sendung an sind alle irgendwie "schockverliebt". Erst  Schöneberger in Helene Nissen, dann Jurorin Lena Meyer-Landrut in Yosefin Buohler - und alle sowieso in Isabella "Levina" Lueen, der in der Sendung dann auch ein glatter Start-Ziel-Sieg gelingen soll. Doch nicht nur mit den vier ESC-Kandidatinnen, zu denen auch noch Felicia Lu Kürbiß gehört, und deren einzigem männlichen Mitbewerber Axel Maximilian Feige, der Lena in seinem Anzug um den Finger wickelt, entspinnen sich rasch Liebesgeflechte. Das Motto "Love is in the air" erscheint allgegenwärtig.

"Eier" und "Cojones"

Florian Silbereisen etwa entpuppt sich generell als kein Kostverächter, auch wenn seine Zuneigung primär natürlich nur einer Frau namens Helene gelten kann. "Ich steh' auf Helene", gibt er unumwunden zu. Lena wiederum schmachtet Silbereisen auffällig bewundernd an, erweist sich das "Servus, Gruezi und Hallo"-Aushängeschild doch tatsächlich als das geistreichste Mitglied der dreiköpfigen Jury. Der Dritte im Juroren-Bund, Weltretter Tim Bendzko, gerät zwischen Silbereisen mit seiner Eloquenz und Lena mit ihrer Emotionalität ziemlich schwer unter die Räder. Und das will schon etwas heißen angesichts Lenas nach wie vor beängstigender Fliegengewicht-Figur, bei der man von Rädern kaum noch sprechen kann, geschweige denn von einer Karosserie.

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Gegen Lueen hatte Axel Maximilian Feige keine Chance.

(Foto: picture alliance / Sascha Steinb)

Macht aber auch nichts, dafür wird Bendzko, gewollt oder nicht, zum Mann für die Zoten am Abend. Das Zeigen von "Eiern" und "Cojones" mausert sich zu seinem Leitmotiv in der Show. "Pferdeschwanz raus ist auch dein Motto heute", leitet unterdessen Schöneberger zu ihm über, eine Äußerung Silbereisens, den Pferdeschwanz "aufzumachen", versehentlich zweideutig aufgreifend. Das Publikum johlt. Der Moderatorin ist es in diesem Zusammenhang spürbar peinlich. Sonst gewohnt souverän und flapsig, bittet sie ernsthaft mehrfach um Entschuldigung. Dabei geht es in anderen Momenten ganz bewusst nicht deutlich weniger unter der Gürtellinie zu. "Ich mach's lieber im Dunkeln", kassiert Bendzko etwa einen Lacher mit Ansage, als es um die Bühnenbeleuchtung geht. Ob Schöneberger beim Abräumen eines Mikrofonständers die Worte "Ich geh mit dem Ständer hinter die Bühne" nun bewusst oder unbewusst gewählt hat, ist gegen Ende der Sendung dann schon längst Nebensache. Das Gröhlen der Zuschauer im Saal ist ihr gewiss.

Levina vs. Levina

Aber, Momentchen, stimmt, da war ja noch was. Eigentlich ging es ja nicht darum, einen Herrenwitz-Abend zu veranstalten, sondern den deutschen Teilnehmer beim diesjährigen ESC in der Ukraine zu finden. Das Abstimmungsverfahren erweist sich dabei, wie schon im Vorfeld zu erahnen war, zwar als kompliziert, aber im Schritt-für-Schritt-Ablauf des Abends dann doch als praktikabel. Yosefin Buohler und Felicia Lu Kürbiß müssen als erste die Segel streichen. Buohler hat sich mit dem Cover von Beyoncés "Love On Top", mit dem sie erst einmal die grundsätzliche Sympathie der Zuschauer gewinnen will, ein wenig übernommen. Kürbiß, die sich an Robyns Elektropop-Nummer "Dancing On My Own" versucht, erscheint mit ihrer stark an Lena erinnernden Phrasierung dagegen dann doch zu sehr wie ein Klon der ESC-Gewinnerin von 2010. Dementsprechend geht es nur für Feige mit Chris Cornells James-Bond-Song "You Know My Name", Nissen mit "Folsom Prison Blues" von Johnny Cash und Lueen mit Adeles "When We Were Young" weiter in die nächste Runde.

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Max und Moritz? Eher Moritz und Moritz.

(Foto: picture alliance / Sascha Steinb)

Dort tragen die drei dann den ersten von zwei tatsächlich für den Vortrag beim ESC zur Auswahl stehenden Songs vor: "Wildfire". Im Anschluss ist auch für Nissen Schluss. Da helfen selbst Silbereisens Herz für Helene und die allgemeinen Lobeshymnen auf die "Positivität" der Schülerin nichts mehr - die Fernsehzuschauer schicken den 20-jährigen Flummi mit überdimensionalem Kassengestell auf der Nase nach Hause.

So kommt es zum Showdown zwischen Feige und Lueen mit dem zweiten möglichen Song namens "Perfect Life". Es ist ein ungleiches Duell, scheinen sich bis dahin doch schon längst alle - Moderatorin, Jury, Saalpublikum und vermutlich auch die Zuschauer vor den Fernsehgeräten - auf Lueen als haushohe Favoritin eingeschossen zu haben. Das liegt nicht nur an ihrem Gesang, denn auch ihr einziger Widersacher mit Cojones hat durchaus ein gewisses Timbre. Doch Feige versprüht auf der Bühne in etwa den Charme eines Dartmoor-Sträflings mit Bewegungshemmung. Die Folge: Auch er fliegt noch vor dem eigentlichen Finale raus. "Megageil" war die Erfahrung beim Vorentscheid für ihn natürlich trotzdem. Am Ende aber singt Lueen nur noch gegen sich selbst an. Die Frage lautet: Fährt sie mit "Wildfire" oder "Perfect Life" nach Kiew? Und die Antwort ist für viele überraschend - es ist "Perfect Life".

Der Geist von "Unser Star für Oslo"

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Conchita Wurst sorgte für den emotionalen Höhepunkt des Abends.

(Foto: picture alliance / Sascha Steinb)

Im Vorfeld des diesjährigen Vorentscheids war er vielfach beschworen worden: der Geist von "Unser Star für Oslo", der über viele Wochen andauernden Castingshow, mit der seinerzeit Lena für ihren Siegeszug in Norwegen auserkoren worden war. Wurde er am Donnerstagabend tatsächlich neu geweckt? Jein. Klar, der Wettstreit der fünf "No Names" konnte einen schon an damals erinnern. Dass der von Stefan Raabs Firma Brainpool mitproduzierte Vorentscheid im nahezu gleichen Studio und mit der gleichen Live-Kapelle - der einstigen "TV Total"-Band um Leiter Wolfgang Dalheimer - ausgetragen wurde, rührte indes vor allem Lena. Beim Zuschauer kam das nur bedingt an. Eine ähnliche Sympathie für die Kandidaten, wie sie sich seinerzeit über Wochen bei "Unser Star für Oslo" aufgebaut hatte, konnte sich auf die Schnelle nicht einstellen.

Die Begeisterung für Levina und die nun in sie gesetzten Hoffnungen mögen noch so groß sein - es bleibt dennoch die Frage: Was soll in diesem Fall tatsächlich großartig anders sein als etwa bei Elaiza oder Ann Sophie, die die Platzierungs-Erwartungen in den vergangenen Jahren nicht erfüllen konnten? Sie mussten sich zwar im Vorentscheid gegen ein professionelleres Umfeld durchsetzen, lösten aber letztlich auch als "No Names" das Ticket für den ESC.

Viel länger als an diesem Abend hätte man den Geist von "Unser Star für Oslo" aber auch auf keinen Fall komprimiert aus der Flasche holen dürfen. Drei Stunden können wirklich verdammt lange sein. Darüber konnten weder die ausführlichen Vorstellungen der Kandidaten, der Songs und der hinter ihnen stehenden Komponisten noch das akkordmäßige Switchen zwischen Schnelldurchläufen, Stimmungsbarometern, Einspielfilmen, Publikumsplaudereien, Erkältungsgesprächen und "Green Room"-Interviews der Marke "'Wie geht’s dir?' 'Gut, glaube ich'" hinwegtäuschen.  

Türme und Skyscraper

Doch man sollte nicht alles schlechtreden: Positiv etwa fiel auf, dass die Jury von ihrem Recht auf Meinungsäußerung auch wirklich Gebrauch machte und sich nicht auf den alles bejubelnden Grüßaugust reduzieren ließ. Schöneberger und Levina gefielen mit synchroner blonder Turmfrisur. Und von Levinas Skyscraper-Beinen wollen wir mal gar nicht reden …

Für den emotionalsten Augenblick des Abends sorgte allerdings keine der aktuellen ESC-Hoffnungen, sondern eine Truppe von altgedienten Song-Contest-Gewinnerinnen. Als Pausenfüllerin Conchita Wurst mit der Hilfe von Ruslana und Nicole "Satellite" in einer atemberaubenden Version anstimmte, fegte das nicht nur Lena von ihrem Sitz. Wenn es Levina schaffen sollte, "Perfect Life" in Kiew ähnlich bewegend ins Eurovisionsland zu schmettern, dann muss uns wirklich nicht bange sein. Dann heißt es: "Germany: 12 points".

Quelle: n-tv.de

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