Unterhaltung

Trauma-Therapie mit "The Leftovers" Die Übriggebliebenen zermartern sich

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Die weiß gekleideten Übriggebliebenen schweigen und rauchen.

Stell dir vor, von einem auf den anderen Tag verschwinden zwei Prozent der Weltbevölkerung. Einfach so. Vielleicht hast du Glück und deine Familie bleibt verschont. "The Leftovers" erzählt die Geschichte von denen, die nicht verschont wurden.

"Ich möchte daran glauben, dass mich nicht die verlassene Ruine einer toten Zivilisation umgibt", schreibt Nora Durst (Carrie Coon). Sie hat beschlossen, alles und jeden zu verlassen, den sie einmal gekannt hat. "Ich möchte daran glauben, dass es noch möglich ist, jemandem nahe zu kommen." Nora ist eine der Übriggebliebenen. Als an einem schicksalhaften 14. Oktober zwei Prozent der Weltbevölkerung - also rund 140 Millionen Menschen - verschwanden, verlor sie ihren Mann und ihre beiden Kinder. Zum Ende der ersten Staffel der HBO-Serie "The Leftovers" will sie nicht mehr an eine bessere Zukunft glauben.

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Hat das Verschwinden seiner Verlobten nicht verkraftet: Kevin Garvey alias Justin Theroux.

So furchtbar, wie die Show begonnen hat, endete auch die erste Staffel in der vergangenen Nacht. Der Tag, an dem so viele einfach aufhörten, zu existieren, hat Familien auseinandergerissen, die Gesellschaft gespalten. Das Konzept eines Zuhauses als letztem Rückzugspunkt, als Ort der Sicherheit hat keinen Bestand mehr. Die traumatisierten Bewohner des Städtchens Mapleton im Bundesstaat New York lecken ihre Wunden. Die meisten von ihnen versuchen zu vergessen, wenn nötig mit Hilfsmitteln. So auch Polizeichef Kevin Garvey (gespielt von Jennifer Anistons Verlobtem Justin Theroux). Er trinkt, bedient sich aus einem gewaltigen Tabletten-Reservoir und scheitert völlig an der Kommunikation mit seiner Teenie-Tochter Jill (Margaret Qualley).

Kettenrauchen gegen das Vergessen

Die muss er alleine großziehen, nachdem sich seine Frau Laurie (Amy Brenneman) den "Guilty Remnant" (die schuldigen Reste) angeschlossen hat, zu denen im Laufe der Show auch Megan Abbott (Liv Tyler) stoßen wird. Die Sekte hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung an die Verlorenen aufrechtzuerhalten. Sie kleiden sich ganz in Weiß, verweigern das Sprechen, greifen stattdessen quasi durchgängig zur Zigarette und verbieten sich, überhaupt etwas zu fühlen. "Stop waisting your breath!" (Hört auf, euren Atem zu verschwenden!) fordern sie ihre Mitbürger auf. Vor dem Hintergrund der Katastrophe scheint ihnen jeder zukunftsgewandte Gedanke sinnlos. Lauries Sohn Tom (Chris Zylka) hat sich derweil dem Wunderheiler "Holy Wayne" angeschlossen. In dessen Auftrag kümmert er sich um die schwangere Christine.

Das Format ist vielleicht nicht massentauglich. Zwischen deprimierender Leere und unergründlicher Traurigkeit muss der Zuschauer vor allem eine Menge Geduld mit "The Leftovers" haben. Die Handlung kommt erst langsam in Fahrt. Im Gegensatz zu gewöhnlichen postapokalyptischen Szenarien passiert zwar nicht viel und doch ändert sich alles. Während die Macher der Show im Verlauf der ersten Staffel zwar morden und niederbrennen lassen, doch konsequent Antworten im Sinne eines "Wieso und Warums" vermeiden, finden sich die Charaktere zum ersten großen Finale dennoch völlig verändert wieder.

ACHTUNG SPOILER!

Kevin kämpft zunehmend mit seiner geistigen Verfassung, träumt, halluziniert - jedenfalls verschwimmen in seiner Wahrnehmung mehr als einmal die Grenzen zwischen Einbildung und Realität. Jill findet ihre Ablehnung dem Vater gegenüber über komplette Selbstaufgabe und zeitweiligem Übertritt zu den "Guilty Remnant" in Vertrauen auf die Überbleibsel der Familie von einst verkehrt. Laurie muss sich trotz aller Gegenwehr im Moment akuter Bedrohung ihrer Tochter doch als Wesen mit Emotionen und den damit einhergehenden Zweifeln erfahren. Sohn Tom verliert das Vertrauen in Waynes Heilsversprechen und ist als Verlassener zu eigenständigem Handeln gezwungen. Das Mädchen, das Christine geboren und aufgegeben hat, legt er schließlich seinem Ziehvater Kevin vor die Haustür. Dort findet es Kevins Freundin Nora, die dem Geschehen gerade den Rücken zuwenden will. Sie lächelt. "Schau, was ich gefunden habe", ruft sie dem heimkehrenden Kevin entgegen.

Produzent Damon Lindelof, der bereits mit der Serie "Lost" sechs Staffeln lang viel Verwirrung stiftete und doch keine Antworten gab, ist auf einem guten Weg sein Versprechen zu halten: Er will das Massenverschwinden in "The Leftovers" nicht aufklären. Die Show beschreibt das menschliche Phänomen, bei dem aus Trauer Wut wird, bei dem sich Fremde in Hass verbinden und statt klarer Gedanken das Diktat der Gewalt herrscht. Das alles ist bloß Kulisse. Es ist die letzte Szene der finalen Folge, Noras unerwarteter Gesinnungswandel, der "The Leftovers" endlich eine Botschaft gibt: Der Schaden, den Verlust, Trauer und Scham anrichten, kann nicht geleugnet werden. Es gibt keinen übergeordneten Sinn, der Schmerzen lindern kann. Doch es gibt eine reale Chance, unabhängig von all dem Leid etwas zu finden, dass jedenfalls sinnstiftend scheint und es ermöglicht, weiterzuleben.

Von "The Leftovers" wurde bereits eine zweite Staffel bestellt. In Deutschland läuft Staffel eins ab dem 24. Oktober beim auf HBO-Produktionen spezialisierten Bezahlsender Sky Atlantic HD.

Quelle: ntv.de

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