Unterhaltung

"Ich glaube, ich werde kochen" Die Zukunftspläne des Aki Bosse

imago92475918h.jpg

"Aki" Bosse kann verstehen, wenn Künstler Musik und Politik nicht vermischen wollen.

(Foto: imago images / Martin Müller)

Axel "Aki" Bosse will seine Musik nicht mit Politik vermischen, der Frontmann der Band Bosse zeigt aber trotzdem klare Kante. n-tv.de hat mit dem Indie-Pop-Musiker darüber auf dem Sziget-Festival in Ungarn gesprochen. Dabei hat er verraten, was ihn an deutschen Festivals stört und warum er trotzdem auf die aktuelle Generation an Festivalbesuchern hofft.

n-tv.de: Du trittst in diesem Jahr das erste Mal auf dem Sziget-Festival in Ungarn auf. Die Veranstaltung vertritt das Motto der freien Liebe. Dazu wird mit der nachhaltigen Gestaltung geworben. Zwei klare Botschaften, die hier auch absolut im Fokus der Besucher stehen. War das für dich ein zusätzlicher Anreiz, hier aufzutreten?

"Aki" Bosse: Als die Einladung kam, habe ich sofort ja gesagt. Es ist eines der größten und tollsten Festivals auf der Welt. Ich finde es gut, was die Veranstalter in den letzten Jahren machen: Sie achten auf Frauenquoten, weisen zumindest daraufhin, dass es Dinge gibt, die wiederverwertbar sind. Es wird alles ein bisschen grüner. Die Kids achten viel mehr darauf, dass sie ihr Zelt nicht mehr einfach stehen lassen und ihren Müll entsorgen - wenn sie überhaupt noch welchen machen. Das sind alles ganz positive Entwicklungen. Ansonsten finde ich Festivals immer gut: Leben und leben lassen. Das ist 'ne wichtige Sache.

IMG_20190812_133215.jpg

"Aki" Bosse im Gespräch mit n-tv.de.

(Foto: Michael Bauer)

Dabei haben wenige Festivals in Deutschland eine klares Leitbild oder eine klare Botschaft. Die, die eine haben, wie die Fusion, sind nicht so kommerzialisiert und wollen nicht diese mediale Aufmerksamkeit. Vermisst du so was wie das Sziget-Festival in Deutschland?

Auf der einen Seite könnte das alles viel offensiver sein und viel mehr Botschaft haben. Auf der anderen Seite ist das etwas, was sich Schritt für Schritt entwickelt. Wenn ich mir die heutige Jugend angucke, merke ich, dass die mittlerweile ganz anders informiert sind als ich mit 13 oder 14 Jahren. Und die Leute, die Festivals veranstalten, die kommen eher aus meiner Generation. Und die neue Generation, die kommt, wird diesen Wandel auf eine schöne Art und Weise antreiben.

Hier auf dem Sziget-Festival haben Künstler wie beispielsweise Macklemore keine Probleme, sich politisch zu positionieren. Du selbst zeigst da auch klare Kante. Warum scheuen sich deutsche Künstler davor - besonders die mit der größten Reichweite?

Da hat sich mittlerweile total viel verändert. Ich freue mich, wenn bei einem #WirBleibenMehr-Konzert ein Joris spielt, der so wie ich eher unpolitische Musik macht. Mit Helene Fischer hat dieser Wandel angefangen, als sie nach Chemnitz einen rausgehauen hat. Ein großer Teil ihrer Fanschar hat sich danach sicher Gedanken gemacht. Als Künstler kommt es natürlich darauf an, wie man sozialisiert ist. Ich verstehe es auch, wenn jemand sagt: "Ich bin so unpolitisch und hab' aus anderen Gründen angefangen. Ich möchte das nicht mit meiner Musik vermischen."

Wann hat sich denn bei dir ein stärkeres politisches Interesse entwickelt?

Politisch interessiert war ich schon immer. Aber musikalisch habe ich das bisher nicht vermischen können. Was ich nach außen trage, sind auch Sachen, die ich immer gut fand. Durch meine Fans habe ich dann auch einen entsprechenden Bumms - da merke ich schon, dass dadurch etwas passiert. Für mich waren das oft kleine Ideen. Vor drei Jahren habe ich mit Hanseatic Help "Dein Zelt kann ein Zuhause sein" gestartet. Da wurden auf dem Hurricane Festival 15.000 Einmannzelte und Isomatten gesammelt, die zurückgelassen wurden. Die wurden dann gesäubert und an Obdachlose verteilt. Wenn man etwas anschiebt und es funktioniert, merkt man: Auch die Leute haben Bock drauf. Solche kleinen Aktionen mache ich mittlerweile gerne - nicht andauernd, aber immer dann, wenn ich glaube, dafür sollte man sich einsetzen.

Was macht denn ein Festival im Allgemeinen für dich aus?

20190811_200820.jpg

Das Sziget-Festival stand in diesem Jahr unter den Mottos "Love Revolution" und "Green Sziget".

(Foto: Michael Bauer)

Als ich noch auf Festivals gegangen bin, gab es gleich von Tag eins einen bestimmten Punkt, an dem man begann, loszulassen - sowohl körperlich als auch hygienisch (lacht). Ansonsten erlebt man es zusammen. Das ist der Hauptpunkt. Das ist heute noch extremer als früher - dieses Zusammensein mit vielen Leuten, die von irgendwo herkommen.

Deutschsprachige Acts sind auf dem Sziget eher rar gesät. Für dich ist das sicher ein Privileg. Und gleichzeitig bist du auch eine Art Botschafter.

Ja, das trifft es ganz gut. Über die Anfrage habe ich mich total gefreut, gleichzeitig aber auch ein bisschen Angst bekommen. "Wer soll da kommen?", habe ich mich gefragt. Ich gehe so von 30 Leuten aus, es können aber auch 3000 werden. Aber so hab ich angefangen. Ich habe schon so oft in einen leeren Saal geschrien - es hat trotzdem Bock gemacht.

Dann solltest du hier auf dem Festival ja etwas mehr Anonymität genießen als auf deutschen Musikveranstaltungen ...

Voll! Ich habe hier zwar schon einige Leute getroffen, die ich irgendwoher kannte. Aber ich hänge auch noch zwei Tage nach dem Auftritt hinten dran. Für mich ist das was sehr besonderes. Ich freue mich einfach die ganze Zeit - über die Hitze, die Stadt und die Leute.

Der Auftritt in Ungarn war auch Teil deiner "Alles ist jetzt"-Tour zu deinem gleichnamigen aktuellen Album. Ein Schwerpunkt der Platte ist das Thema "Heimat". Du bist in Brauschweig geboren, hast in Berlin gewohnt und lebst jetzt in Hamburg. Was ist jetzt für dich Heimat und was ist dein Zuhause?

Aktuell ist Hamburg mein Zuhause. Aber es liegt auch daran, dass mein Kind die einzig wahre Hamburgerin ist. Als Familie sind wir aber schon ein paar Mal umgezogen.

Du hast sogar eine Zeit lang in Istanbul gelebt.

Ein Jahr lang, ja. Sich zu akklimatisieren, das geht einigermaßen schnell bei mir. Sport und Musik sind da ganz gute Träger, um sich wohlzufühlen. Erst hatte ich einen Bongo-Kurs, dann eine Fußballmannschaft gefunden. Eine Woche später spielte ich in Galatasaray Fußball auf einem Hoteldach - und irgendwie war ich dann schon angekommen.

Warum hat denn das Thema Heimat so einen Schwerpunkt auf dem Album?

Familie war eigentlich der Schwerpunkt: Konstellationen und Komplikationen zwischen Brüdern und Schwestern. Aber das Feld war mir irgendwann zu klein und dann habe ich aufgemacht.

"Ich warte auf dich" oder "Alles ist jetzt" - bei den Songs des neuen Albums setzt du auf ausdrucksstarke Videos. Legst du darauf besonderen Wert, obwohl sich die Branche mehr zum Streaming entwickelt hat?

*Datenschutz

Ich mache das mit einem Sandkastenfreund zusammen, der als Kameramann Karriere gemacht hat. Man muss dazu sagen: Das Geld für Videos wird weniger, aber wir haben uns und brauchen nur eine gute Idee. Dazu habe ich über die Jahre so viele Schauspieler kennengelernt. Und die tragen das viel besser, als ich das könnte. Die haben das gelernt. Dann kann ich mir das länger angucken, als wenn ich da rumturne.

Bjarne Mädel spielt in "Ich warte auf dich" mit. Er ist ein bisschen das schauspielerische Pendant zu dir. Er hat immer eine positive Grundausstrahlung, auch wenn er nicht den Good Guy spielt ...

Ich kenne ihn schon super lange. Aber ich fand das Schotty-Bild aus dem "Tatortreiniger" immer zu wenig, weil ich weiß, dass der Typ so viele Facetten hat. Die hat er natürlich nicht in meinem Video zum ersten Mal gezeigt. Er hat einfach eine tragische Komik, die mich als Typ anrührt. Er hat so was Tiefes - und das wollte ich bei meinem Video haben. Für mich ist das immer krass, wenn ich mit so Profis arbeiten kann. Das ist kein Beruf, den man mal eben so machen kann.

Also wäre die Schauspielerei nichts für dich?

Ich bekomme häufig Anfragen, aber ich sage immer alles ab. Schauspielerei ist mir zu viel Text lernen und zu viel Gewarte. Ich hätte auch nicht so Bock auf einen Regisseur, der die komplette Verantwortung hat. Vielleicht irgendwann mal später, aber Mucke machen, ist schon geiler.

Aber auf der Bühne musst du doch ebenfalls auf Knopfdruck abliefern ...

ANZEIGE
Alles Ist Jetzt (Ltd.Deluxe Edt.)
EUR 11,99
*Datenschutz

Aber das ist ja auch irgendwie meins. Abliefern muss man, aber das geht schnell bei mir, dass ich in diesen Moment komme - egal ob in Budapest oder in Cottbus.

Deine Tour geht über mehrere Monate, hat aber auch einige Pausen. Nutzt du die Zeit dann zum Schreiben?

Früher hab ich immer mit dem Laptop im Nightliner gesessen und geschrieben - und die anderen haben gesoffen (lacht). Mittlerweile kann ich das ganz gut trennen. Ich hab mir abgewöhnt, ganz viele Sachen auf einmal zu machen. Wenn ich zu Hause bin, kann ich auch wieder in Ruhe arbeiten.

Dann sind die Pausen ganz bewusst gesetzt?

Ja, die Pausen sind nötig - auch weil wir nicht mehr die Jüngsten sind. Alle haben mittlerweile Kinder. Dem muss man auch Zeit einräumen.

Stichwort Alter: Im nächsten Jahr wirst du 40. Was steht noch auf der Checkliste deines Lebens?

Es wird irgendwann ein Jahr geben, in dem ich etwas ganz anderes mache. Das merke ich gerade. Man muss sich irgendwann die Zeit dafür rausnehmen. In Berlin hab' ich ganz viel gekocht, ich glaube, ich werde kochen. Ich suche mir jemanden, der eine gute Küche hat und werde mich da mal ein halbes Jahr reinstellen.

Mit Bosse sprach auf dem Sziget-Festival Michael Bauer.

 

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema