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"Tatort" aus Münster Für eine Handvoll Lakritz

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Thiel doppelt? Keine Sorge, nur im Wachsfigurenkabinett. Boerne ist auch dabei!

(Foto: dpa)

Boerne reist in die Vergangenheit, Thiel in die Welt der gesunden Ernährung, dazu gibt es einen Fall, der die beiden am Ende fast zu Freunden werden lässt. In Münster sitzen die Pointen erneut viel zu locker, aber die Story um Boernes alte Liebe hat Charme. Oder? Was wohl Til Schweiger dazu sagt?

Über eine Billion Gerüche kann die menschliche Nase unterscheiden, so haben es die Wissenschaftler der New Yorker Rockefeller University vor einigen Jahren herausgefunden. Und nicht nur die Benennung seiner Herkunft ist so faszinierend, sondern auch all das, was ein bestimmter Geruch an Assoziationen auslösen kann. Apfelshampoo. Der Schuster um die Ecke. Das Parfüm von Claudia. Oder die Butter Cookies in der Blechdose bei Omma. Auch für Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) kommt es olfaktorisch diesmal ganz dicke.

Als der einflussreiche Leiter des Münsteraner Wochenmarktes ermordet wird, führen die Ermittlungen Boerne und seinen Lieblingsfeind, Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl), unter anderem in den Laden des einstigen Lakritz-Magnaten Harald Maltritz (Walter Hess). Während der im Altenheim vor sich hin grummelt, führt seine Tochter Monika (Annika Kuhl) die Geschäfte. Boerne und Monika verbindet eine gemeinsame Geschichte.

Als 12-jähriger Musterschüler mit etwas zu knapp sitzendem Oberhemd sollte der strebsame Boerne junior der ebenso aufsässigen wie attraktiven Teenagerin Ende der 70er-Jahre Nachhilfe in Mathe geben. Die jedoch zog Ausflüge mit dem Mofarüpel Bernhard (Justus Czaja) vor und erkaufte sich Boernes Schweigen mit der Entblößung ihres Busens. Vier Jahrzehnte später reicht der Duft der guten alten Lakritze und all diese Erinnerungen - einige grauenhaft, andere warm und süßlich - sind unmittelbar wieder da, um ihm förmlich den Atem zu nehmen.

Boernes Zaubertrank-Moment

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Nicht mit-, nicht ohneeinander: Die Herren Thiel und Boerne.

(Foto: dpa)

"Am Anfang stand für mich die Frage: Wie wurde Boerne zu Boerne? Gab es ein Ereignis in seinem Leben, das ihn zu diesem liebenswert-narzisstischen Ekelpaket werden ließ? Beim Nachdenken darüber kam mir Obelix in den Sinn, der als Kind in den Zaubertrank fiel und dadurch übermenschliche Kräfte entwickelte", so Drehbuch-Autor Thorsten Wettcke über seine Motivation beim Entwickeln der "Lakritz"-Story. "Aus produktionstechnischen Gründen fällt Boernes Zaubertrank-Moment etwas kleiner aus, als er in meiner Vorstellung war. Dennoch erklärt er hoffentlich ein für allemal, warum aus dem kleinen und etwas rundlichen Karl-Friedrich nichts anderes werden konnte als der genialste und unfehlbarste Gerichtsmediziner Deutschlands, ach was, des ganzen Universums."

Boernes Reise in die Vergangenheit, ein uriger Rückführungs-Trip, irgendwo zwischen "Der Junge muss an die frische Luft" und "Young Sheldon", ist mit Esprit und Charme gedreht, passt sich gut in den Plot rund um das vertrackte Rätsel mit der vergifteten Lakritze ein. Demgegenüber ist der Quatsch Marke Münster, wie so oft in den letzten Jahren, allzu konstruiert angeflanscht: Die Nummer mit der verwechselten Tür, betrunken, versteht sich, Thiels von Frust und Flüchen begleiteter Versuch, sich endlich mal gesund zu ernähren, die Tücken von Sitzbällen - all das hat einen unerträglich langen Bart und passt so gar nicht zum Charme des Storygerüsts. Apropos Bart, Thiel senior als Geriatrie-Dealer, dazu der große Ecstasy-Kongress auf dem Marktplatz - das ist unterhalb von Supernasen-Niveau. Man ist jetzt schon neugierig, was Til Schweiger wohl dazu sagt.

Dennoch - wer die Gags einigermaßen unbeeindruckt durchwinkt, dem bietet die Münsteraner Institution unterm Strich einen kurzweiligen Sonntagabend, bei dessen Happy-End nicht nur Rotwein und Cola einander spürbar näher rücken.

Quelle: n-tv.de

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