Unterhaltung

"Orange Is the New Black" Im Frauenknast geht's schmutzig zu

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Von der Cocktailparty in den Frauenknast - das ist OITNB mit Taylor Schilling als Piper Chapman.

(Foto: AP)

Böse Mädchen, lesbischer Sex und ab und an ein wohlplatzierter Schlag ins Gesicht - das ist "Orange Is the New Black". Das und noch mehr. In Staffel zwei der Gefängnis-Show ringen die Häftlinge mit alten Dämonen und neuen Abgründen.

Eine Fußball-Mami, die nach dem Tod ihres Mannes Marihuana an Vorstadt-Väter vertickt, die in zwielichtigen Seitenstraßen mächtigen Drogenbossen den blanken Hintern entgegenstreckt und ihre Kinder sehr liebt, aber vor allem vernachlässigt: Für die Fernsehserie "Weeds" erschuf Jenji Kohan die ewig Frappuccino schlürfende Nancy Botwin. Ihre Rehaugen brachten die dünne Geschäftsfrau überall hin - in die Betten mächtiger Männer oder eben in den Knast. Wenn banale "White-Girl"-Ästhetik "Weeds" nicht acht Staffeln lang getragen hat, was war es dann?

Wo Drehbuchautorin Kohan ansetzt, kommen komplexe Charaktere heraus. Das Allround-Talent mischt in ihren Shows stets eine gehörige Portion Pathos mit einem Spritzer Gewalt, nur um sich dann doch bei Satire und gelegentlichem Pipi-Kacka-Humor einzupendeln. Kohans Figuren unterhalten, doch bevor sie in Irrelevanz abdriften, unterfüttert die Emmy-Award-Gewinnerin ihre plakative Hülle mit Hintergrund. Und der ist stets anders als erwartet. Kluge Unterhaltung - das ist das Konzept, das Nancy Botwin zu mehr als einer ziemlich banalen Fantasie eines mittelmäßig erfolgreichen Mannes macht. Das gleiche gilt für Piper Chapman (Taylor Schilling), die Hauptfigur von "Orange Is The New Black".

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Die Geschichten aus dem Frauengefängnis drehen sich um menschliches Verhalten in Extremsituationen und was daraus gemacht wird.

(Foto: AP)

Die blonde Piper ist ein richtiges Mädchen -Mädchen. Mit ihrem etwas treudoofen Verlobten lebt sie im ländlichen Teil New Yorks. Mit ihrer besten Freundin plant sie dort den großen Coup in der Seifenproduktion. Aber ihre Vergangenheit holt sie ein. Diese artige Vorzeigefrau war Piper nämlich nicht immer. Bevor sie sich für hübsche Blumenarrangements begeistern konnte, liebte sie die kernige Alex (Laura Prepon), eine Drogenkurierin, die ihr die Welt zeigte. Ein einziges Mal sprang Piper für sie ein. Und als Alex' Boss von einst vor Gericht kommt, wandert auch Piper hinter Gitter. Von der Cocktailparty in den Frauenknast, das ist "Orange Is the New Black" (OITNB).

Nachdem die Video-on-Demand-Plattform Netflix mit "House of Cards" locker lässig in die Eigenproduktion eingestiegen ist, legte das Portal im vergangenen Jahr mit OITNB nach. Jetzt ist die komplette zweite Staffel online und lässt gleich in Folge eins einen wesentlichen Nerv-Faktor der ersten Runde hinter sich. Man muss sich ein wenig gedulden, denn die Show treibt die Handlung wie gewohnt nur langsam voran, dann aber wird klar: Piper Chapman guckt zwar zuweilen noch wie ein angefahrenes Frettchen, einschüchtern kann die Insassin so leicht aber niemand mehr. Fingerabdrücke, Urinproben und Po-Ausleuchten sind zur gewohnten Unannehmlichkeit verkommen.

ACHTUNG SPOILER

In der finalen Folge von Staffel eins geht Chapman - im Knast nur beim Nachnamen, bitte - auf die obsessive Christin Tiffany los, die ihr das Leben im Gefängnis zur Hölle macht. Sie prügelt so hart auf die Gegenspielerin ein, dass die beiden getrennt werden müssen. Zu Beginn der zweiten Staffel wird sie dann umständlich in ein anderes Gefängnis überstellt. Als sich dort die Haftbedingungen enorm verschlimmern, fürchtet sie, Tiffany getötet zu haben. Ohne Ex-Liebe Alex, Küchen-Mama Red oder die sexuell stets aufgeladene Nicky ist sie im neuen Umfeld allein mit ihrer Schuld und der Zuschauer kann die gespaltene Frau wie unter dem Mikroskop betrachten. Bei OITNB ist die Zelle nur die Kulisse, vor der ein narzisstisches Individuum mit der eigenen Selbstgerechtigkeit und Heuchelei konfrontiert ist.

Chapman gibt sich eben gern vornehm. Wenngleich sie ihrer singenden Zellengenossin (Aretha Franklins "Natural Woman") beim Klogang zusieht und ihr getragenes Höschen zum Tausch für Botendienste anbietet, lässt sie sich nicht lumpen über eine Insassin, die einen Klumpen Vaseline im Ohr verstaut, die Nase zu rümpfen. Und doch: als es hart auf hart kommt, lügt sie auf Alex' Anraten hin entgegen ihrem Instinkt vor Gericht. Dass das die Ex-Freundin auf freien Fuß und sie zurück in die Zelle bringt, ist eine andere Geschichte.

OITNB bleibt auch in Staffel zwei den Rückblenden treu. Erzählten sie zunächst die Geschichten der anderen Insassen, so geben sie nun erstmals Einblick in Pipers Kindheit. Schnell wird klar: Mit der Wahrheit nimmt man es in der Familie nicht so ganz genau - solange nur der schöne Schein sitzt. Das mag nun keine Überraschung sein, zu hoffen ist, dass Kohan da noch tiefer bohrt. Denn unter all den unterschiedlichen Charakteren ist es wohl doch Chapman, die sich bislang am wenigsten von ihrem Stereotyp gelöst hat.

Den übrigen Wölfen allerdings sind die Klauen gestutzt. Insbesondere in einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe wirken sie eher bemitleidenswert als bedrohlich. Ihre gemeinsame Geschichte illustriert aufs Wunderbarste, wie sich in Extremsituationen Gruppen bilden, wie in der Not kleine Freuden durch den Tag bringen und wie aus Zweck vielleicht doch einmal so etwas wie Freundschaft wird. Es wird Zeit, dass Chapman ihren Dünkel loswird, denn die Geschichte ihrer Mitinsassinnen ist längst auch die ihre.

Quelle: ntv.de