Unterhaltung

Jenke hinter Gittern Ist unser Justizsystem eine Lachnummer?

100637627.jpg

Jenke: 14 Tage Knast probehalber.

(Foto: RTL / Jürgen Schulzki)

Warmes Essen, Fernseher in den Zellen, und die Möglichkeit zur Berufsausbildung - in unseren Gefängnissen ist es wie im Hotel. Stimmt das wirklich? Jenke taucht ein in den deutschen Knast-Alltag.

"Knast ist gar nicht mal so schlecht. Alle Kumpels sind da", sagt Knast-Fan Harald, der seit nunmehr 36 Jahren freiwillig einsitzt und zu gern "drinne bleiben" will. Denn der Knast, so der Spitzbartträger mit den Flip-Flops an den besockten Füßen, ist sein Zuhause geworden, die Wärter sind seine Familie.

Experimentator Jenke will in dieser Woche wissen, wie es so ist, der Alltag in deutschen Gefängnissen. Dafür hat er sich 14 Tage freiwillig in die JVA Bremervörde wegschließen lassen. Wie lange sind 24 Stunden, wenn man nicht in Freiheit ist? Was macht das Leben hinter schwedischen Gardinen aus, das 71.000 Menschen derzeit in Deutschland führen?

"Im Knast gibt’s keine Resozialisierung"

100637624.jpg

Das Schlimmste am Knast sei, so Jenke, dass man seine Privatsphäre abgeben muss.

(Foto: RTL / Jürgen Schulzki)

Auf Anhieb fällt auf, dass Jenkes Einzelzelle einen passablen, jugendherberglichen Eindruck macht: Ein Bett, Tisch und Stuhl, ein modernes Regal, die Klo-Tür ist in hoffnungsvollem Grün gestrichen, an der Wand hängt ein kleiner, moderner Fernseher. Die Möbel sind nicht abgerockt und gut in Schuss, und die Hausregeln sind einfach: 6.30 Uhr "Aufschluss", 17.00 Uhr Abendbrot, 23.00 Uhr Nachtruhe. Dazwischen geht man ein bisschen harken, Mittagessen, im Hof spazieren, treibt Sport oder kickert mit den neuen Knastbrüdern.

Einer davon ist der 40 Jahre alte Automaten-In-die-Luft-Sprenger Stefan, der schon sein halbes Leben lang einsitzt. Stefan, im schwarzen Shirt mit Porno-Aufdruck, hat im Knast alles gelernt, "gute Sachen, schlechte Sachen, ich sach' immer, Knast ist Berufsschule." Als der Bankräuber Jenke von seinen Taten erzählt, leuchten seine Augen. Automaten in die Luft sprengen, das kann er gut, das hat er sich selbst beigebracht, da hat er Ahnung. 780.000 Euro hat er mal erbeutet und die Kohle dann durchgebracht, sich "einen BMW geleistet, in teuren Hotels gelebt."

Stefans Vorgeschichte gleich denen vieler, die einsitzen: "Verdroschen vom Alten", niemand, dem er als Kind wichtig gewesen ist, an der Nadel gehangen. Ein behagliches Zuhause, Eltern, die einen lieben und behüten - alles fremd für Stefan.

Lange schon macht er sich nichts mehr vor, der ganze Mist mit den Therapien im Knast, das ist alles nur blabla, "umgesetzt wird hier gar nichts! Hier wird man nur noch schlimmer."

"Verschwendung von Lebenszeit"

Stefans Aussagen beleuchten seine Welt, die Welt der Insassen. Die Welt der Bewacher zeigt sich an der Razzia eines Spezialeinsatzkommandos, das Jenke vor Haftantritt filmen durfte. Unangekündigt wird in der JVA eine 3-Mann-Zelle komplett auf den Kopf gestellt. Deren Häftlinge haben es sich gemütlich eingerichtet: Blümchen auf den Tischen, bisschen was zu rauchen versteckt, dutzende Poster nackter Frauen an den Wänden.

Es sind Frauen in allen erdenklichen Posen - nur pornografisch dürfen sie nicht sein, sagen die Beamten. Konfisziert werden ein paar Rauschmittel und 20 Liter selbstgebrannter Wein aus Obstresten. Sehr ärgerlich für die Knastbrüder, die ihrem Unmut mit Drohgebärden freien Lauf lassen, aggressiv gegen die Türen schlagen, Beamte verbal angehen und auch schon mal inbrünstig "Allahu akbar" über die Flure brüllen.

Viele haben sich mit dem Alltag hinter Gitter arrangiert. Oft ist es so, dass es im Leben der Häftlinge zum ersten Mal überhaupt einen geregelten Arbeitstag und so etwas wie Struktur gibt: Wecken, arbeiten, Feierabend, drei Mahlzeiten am Tag. Wer will, kann eine Berufsausbildung machen oder eine Umschulung, Therapien in Anspruch nehmen, abends in aller Ruhe in die Glotze schauen und dabei eine Selbstgedrehte rauchen. Regelmäßig gibt es frische Handtücher und saubere Bettwäsche.

Dass Knast aber "Verschwendung von Lebenszeit ist", darüber denkt kaum einer nach, so der Gefängnisdirektor der JVA Bremervörde.

"Der hat mein Kind ermordet!"

Nachvollziehbar und zum Teil berechtigt ist für Jenke der Vorwurf der zu laxen Justiz. Oft hört man Aussagen wie: "Während die Täter im Gefängnis warme Mahlzeiten und TV haben, haben die Opfer das Nachsehen." Auch das Ehepaar Peter und Anne Jöken hat diese Gedanken. Ihre Tochter wurde ermordet. In Folie eingewickelt, lag die Leiche im Kinderzimmer ihrer eigenen Wohnung und war so stark verwest, dass sie mit einfachen Mitteln nicht mehr zu identifizieren war. "Der Täter hat lebenslänglich", sagt Frau Jöken, "aber was, wenn der nach 15 Jahren wieder freikommt und draußen rumrennen darf? Der hat meinem Kind das Leben genommen, der hat kein Recht frei zu sein."

Das Schlimmste am Knast sei, so Jenke, dass man seine Privatsphäre abgeben muss. Denn jeder Mensch, unabhängig davon, ob er ein Mörder oder ein Vergewaltiger ist, hat ein Recht darauf.

So argumentiert eine "sehr umsichtige Richterin", die der 20 Jahre alten Schwarzfahrerin Larissa (bereits verurteilt wegen schweren Raubes, Diebstahl und Körperverletzung) eine Gefängnisstrafe erspart: "Wir dürfen nicht erwarten, dass die Menschen so aus dem Knast kommen, wie sie reinkommen. Wir versuchen die Leute draußen zu halten - so lange wie es geht!"

Dass die junge Frau, die um Haaresbreite an einer Haft vorbeigeschlittert ist, darüber nur höhnisch schmunzelt und öffentlich vor Jenke zugibt, dass sie so ein Urteil nun wirklich nicht ernst nehmen kann, steht auf einem anderen Blatt.

Quelle: ntv.de