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"Ich lasse mich an Bäumen aus" Jan Ullrich fühlt sich besser - und schuldlos

Nach seinen Abstürzen in den vergangenen Wochen bis hin zum angeblichen Gewaltausbruch in einem Frankfurter Hotel erholt sich Jan Ullrich in einer Entzugsklinik. Jetzt gibt er ein exklusives Interview. Tenor: Alles halb so wild.

Mit Entsetzen beobachtete die Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen die offensichtliche Selbstdemontage von Ex-Radsport-Star Jan Ullrich.

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Festnahme auf Mallorca - einer der Tiefpunkte in Jan Ullrichs Leben in den vergangenen Wochen.

(Foto: imago/Agencia EFE)

Es fing an mit der Trennung von seiner Frau Sara, mit der er seit über zehn Jahren verheiratet ist und drei Söhne hat. Es folgte die wirre Posse um sein Eindringen auf das Grundstück seines Ex-Kumpels und Mallorca-Nachbarn Til Schweiger. Als er sich wenig später nach Deutschland aufmachte, um dort eine Entzugsklinik aufzusuchen, erweckte er einen desolaten Eindruck. Und als er dann noch wegen eines mutmaßlichen gewaltsamen Übergriffs auf eine Escort-Dame in einem Frankfurter Luxushotel festgenommen wurde, schien er wirklich vollkommen am Boden angelangt zu sein.

Knapp drei Wochen ist das her. Die Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung laufen noch. Ullrich kam dennoch auf freien Fuß und wurde zunächst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Mittlerweile jedoch hat er tatsächlich mit einer Entzugstherapie begonnen - in der "Betty Ford Klinik" im bayerischen Bad Brückenau.

"Als wenn die Sonne platzt"

In diesem Domizil gab Ullrich nun RTL ein exklusives Interview, in dem er sowohl über seine familiäre Situation als auch über seinen Umgang mit Alkohol und Drogen und die aktuellen Gewaltvorwürfe spricht. Darin relativiert der 44-Jährige die Vorfälle der jüngsten Zeit - abgesehen von der Trennung von seiner Frau.

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Jan Ullrich ist seit 2006 mit Sara Steinhauser verheiratet. Das Paar trennte sich im Juni.

(Foto: imago/GEPA pictures)

"Mein Lieblingsmensch ist praktisch aus meinem Herz gesprungen", erklärt Ullrich in dem Gespräch. Das tue ihm so weh, "als wenn die Sonne platzt". Einseitige Schuldzuweisungen will er dabei nicht machen: "Es sind immer zwei Personen oder zwei Parteien schuld."

Das Liebes-Aus, so macht der Ex-Sportler deutlich, sei letztlich auch verantwortlich dafür, dass er aus dem Gleichgewicht geraten sei. Wie sehr, scheint ihm jedoch immer noch nicht vollständig bewusst zu sein. "Da habe ich natürlich ein bisschen Gas gegeben in letzter Zeit, weil ich eben auch so enttäuscht war", sagt Ullrich. Er habe den "Druck" und den "Schmerz" deshalb "ein bisschen runtergespült".

"Nur noch das Gläschen Whiskey"

Dass er vielleicht etwas mehr als nur "ein bisschen" über die Stränge geschlagen hat, leuchtet dem gebürtigen Rostocker offenbar nicht ein. "Ich habe nicht so ein jahrelanges Alkoholproblem oder jahrelanges Problem mit Substanzen, sondern das war jetzt eine Ausnahme. In der härtesten Phase meines Lebens habe ich halt ein bisschen zu viel Whiskey getrunken", sagt er. Er sei jetzt nicht in der Entzugsklinik, weil er vor sich "hin zittere oder irgendwas".

Ob er überhaupt bereit ist, an seinem Alkoholkonsum etwas zu ändern, ist angesichts dieser Äußerungen fraglich: "Ich habe einen Riesenweinkeller. Ich trinke keinen Wein mehr. Ich trinke kein Bier mehr. Ich trinke nur noch das Gläschen Whiskey. Und auch nicht alle Tage. Und das sollte mir mal gestattet sein."

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Gut abgeschirmt vor neugierigen Blicken: die "Betty Ford Klinik" in Bad Brückenau.

(Foto: imago/HMB-Media)

Auch von einem Drogenproblem will Ullrich nichts wissen. Zwar räumt er den Konsum von Amphetamin ein, doch das müsse man in seinem Fall speziell beurteilen. "Droge ist bei mir das falsche Wort. Ich musste das jetzt eine Zeit lang nehmen, weil mich das runterfährt", erklärt er und ergänzt: "Das ist praktisch wie eine Schlaftablette für einen normalen Menschen. Das ist bei mir Amphetamin. Das ist genau andersrum."

Schließlich geht Ullrich im RTL-Interview auch auf seinen Zigarettenkonsum ein, nachdem er zuletzt schon mal mit mehreren Glimmstängeln gleichzeitig im Mund gesichtet worden war. Er wolle das Rauchen nun nicht gerade als "Hobby" bezeichnen, "aber das hat mich abgelenkt", sagt die frühere Sport-Ikone und behauptet: "Ich reduziere jetzt schon stark."

Wie bei einem "Schnellkochtopf"

Angesprochen auf sein teils aggressives Auftreten in jüngster Zeit, hat Ullrich ebenfalls die eine oder andere Erklärung parat. Die Energie, die sich bei ihm gebündelt habe, habe raus gemusst wie bei einem "Schnellkochtopf", der "dann oben mal pfeift". Eigentlich könne er das gut mit Sport kompensieren, doch weil sein Knie seit mittlerweile anderthalb Jahren "kaputt" sei, könne er kein Rad mehr fahren. Also habe er sich andere Wege der Entlastung gesucht. Aber: "Das habe ich nie an Menschen angewandt. Also ich habe niemals einem wehgetan, sondern das lass ich dann an Bäumen aus, am Boxsack - ich boxe mittlerweile ein bisschen als Ausgleich zum Radfahren."

Die Vorwürfe der Escort-Dame, die Ullrich beschuldigt, sie brutal gewürgt zu haben, mögen zu diesen Äußerungen jedoch nicht so recht passen. Zu ihnen will sich der Tour-de-France-Gewinner von 1997 mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht im Detail äußern. Auf die Frage des Reporters, ob die Anschuldigungen etwa frei erfunden seien, lässt sich Ullrich dennoch ein schlichtes "Ja" entlocken. Und auch die Bemerkung, die Dame müsse dann aber schon eine wirklich gute Schauspielerin sein, quittiert er mit einem knappen "Ja" und verschmitztem Gesichtsausdruck.

"Ich spüre eine Kraft in mir"

Mit der Einsicht scheint es bei Ullrich in mancher Hinsicht noch nicht allzu weit gediehen zu sein. Doch zumindest hat er erkannt, dass der Gang in den Entzug die richtige Entscheidung war. "Ich wollte erst gar nicht gehen, weil man sieht das Problem erst gar nicht. Man denkt, man kann alleine gegen die Welt kämpfen", räumt er ein. Nun aber sei er auf einem guten Weg. "Ich habe wieder meine Ruhe gefunden. Noch nicht ganz in der Mitte, ich bin aber noch ein bisschen hier."

Er sei "topmotiviert", weiter an sich zu arbeiten, verspricht Ullrich und versprüht Optimismus: "Ich spüre eine Kraft in mir, die auch dadurch gekommen ist, dass ich aufgewacht bin." Hoffentlich bleibt er ab sofort hellwach - und das bitteschön ganz ohne Amphetamin.

Quelle: n-tv.de, vpr

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