Unterhaltung

Verständnis für Coitus interruptus Kümmerts Rückzug sollte niemand verurteilen

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Andreas Kümmert hat es sich anders überlegt.

(Foto: dpa)

Obwohl ihn das Volk dazu auserkor, wollte der Sänger Andreas Kümmert nicht zum ESC-Finale nach Wien. Man sollte sich davor hüten, ihn zu verurteilen und wegen "Verarsche" anzuprangern.

Er kam, sang und siegte. Aber er fühlte sich nicht wohl damit. Deshalb kam es zu einem "Coitus interruptus der schlimmsten Sorte", wie es Moderatorin Barbara Schöneberger formulierte, nachdem sie, was wahrlich selten vorkommt, ihre Sprachlosigkeit überwunden hatte. Gerade hatte der Sänger Andreas Kümmert eine Verzichtserklärung abgegeben. Er, der vom Publikum für das European-Song-Contest-Finale in Wien Auserwählte, wies das Votum zurück. Eklat, schrie und schrieb das gesamte Land.

"Ich bin überwältigt von euch allen, von Deutschland. Ich bin überwältigt, dass ihr meine Musik toll findet, mich unterstützt habt", sagte Kümmert. Bis dahin wurde jeder seiner Worte bejubelt. Dann kippte die Stimmung: "Es ist im Moment so: Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen und muss deshalb ... Ich geb meinen Titel an Ann Sophie." Nachfrage von Schöneberger, ob er das ernst meine. Kümmert: "Ich denke einfach, dass sie viel geeigneter und qualifizierter ist als ich. Ich bin ein kleiner Sänger." Buh-Rufe aus dem Publikum für Kümmert.

Natürlich dauerte es nur Minuten, bis über den Musiker im Internet ein Kübel Häme ausgeschüttet wurde. "Das was Kümmert sich geleistet hat, ist unterste Schublade. Anrufer betrogen." "Schlau gemacht. Andreas Kümmert schickt wen anderes zum ESC, die vergeigt es, und er lebt vom 'ach mit IHM wärs besser'-Bonus. Arsch." Oder eher besserwisserisch: "Sag mal, geht's noch? Dann hätte er erst gar nicht antreten dürfen." Gemäßigte drohen mit geldwertem Liebesentzug: "Ich wollte mir deine CD kaufen, aber jetzt höre ich weiterhin Joe Cocker." Und natürlich waren auch jene zur Stelle, die erklärten, dass der Song-Contest doch egal sei, und andere, die hinter dem "Eklat" für eine PR-Masche vermuteten: "das riecht schon sehr nach unserer kaputten schallplattenbranche. schiebung ist da an der tagesordnung."

"Schön, dass er sich treu geblieben ist"

In den Betroffenen versetzt sich keiner hinein. Niemand versucht nachzuvollziehen, warum sich Kümmert zurückzog. Als sei ausgeschlossen, dass sich der Mann überfordert fühlte und in den Minuten des Triumphs Angst bekam. Bekennt sich ein Prominenter der Kategorien A, B oder C zu Burnout oder einer Psycho-Macke, erntet er Verständnis und aufmunternde Wünsche. Ein Sänger, der sich trotz eines Sieges noch einmal überlegt, was er sich zumuten will, erntet Unverständnis und Pöbeleien. Natürlich ist es möglich, dass er ein Schlawiner ist, der die Öffentlichkeit ausgetrickst hat, um für sich PR zu machen. Aber ergibt es Sinn, wenn es wirklich um Aufmerksamkeit ging, auf das ESC-Finale zu verzichten? Wohl kaum.

Wenn man sich Kümmert ansehe, befand Barbara Schöneberger, "kann ich mir vorstellen, dass er Angst hat". ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber nahm an, dass der Rummel beim Vorentscheid "was mit ihm (Kümmert – die Red.) gemacht" habe. Die nach Kümmerts Rücktritt zur Siegerin erklärte Sängerin Ann Sophie sagte: "Ich finde, wir lassen den Andreas jetzt mal in Ruhe. Wir kennen das alle, dass wir einfach nicht wissen, was wir wollen." Und: "Wenn sein Herz ihm das gesagt hat, ist das absolut das Richtige, was er tut. Schön, dass er sich da treu geblieben ist." Recht hat sie.

Auf Kümmerts Webseite heißt es, er stehe "für Authentizität und Ehrlichkeit". Und weiter: "Das Geheimnis liegt darin, vollkommen loslassen zu können." Vielleicht hat er sich in dem Augenblick, in dem die ARD das Votum verkündete, an seine eigenen Worte erinnert. Das sollte niemand verurteilen.

Quelle: ntv.de

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