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Syntiepop-Legende Howard Jones "Sie haben uns Musiker an Spotify verkauft"

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Howard Jones vor ein paar Wochen bei er Ifa in Berlin.

(Foto: imago images / Stefan Zeitz)

Howard Jones ist einer der erfolgreichsten Musiker der 80er-Jahre. Mit Hits wie "What is love?", "New Song" oder "No one is to blame" ist er immer noch Dauergast im Radio. Der Brite ist auch ein politischer Mensch. Im Interview kritisiert er Talentshows, spricht über die Macht von Spotify und den Klimawandel im Kleinen.

Howard Jones ist einer der erfolgreichsten Musiker der 80er Jahre. Mit Hits wie "What is love?", "New Song" oder "No one is to blame" ist er immer noch Dauergast im Radio. Der Brite ist auch ein politischer Mensch. Im Interview kritisiert er Talentshows, spricht über die Macht von Spotify und den Klimawandel im Kleinen.

n-tv.de: Mister Jones, Sie sind mal wieder in Berlin. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Deutschland?

Howard Jones: Mein erstes Konzert habe ich hier schon vor dem Mauerfall gegeben. Und das Publikum war der absolute Wahnsinn. Wenn ich Berlin über die Jahre so anschaue, kann ich nur sagen: Das ist eine unglaubliche Stadt. Und da mein neues Album "Transform" in Deutschland auch gut läuft, scheine ich eine solide Fan-Base zu haben. Das freut mich.

Hierzulande wird viel über den Abschied Großbritanniens aus der EU diskutiert. Sie leben in Somerset, im Westen von England. Was denken Sie über das politische Spektakel rund um den Brexit?

Der Brexit ist definitiv eine sehr schlechte Idee. Das große Bild für mich ist, dass Kapitalismus so für viele Menschen nicht funktioniert. Da brauchen wir Anpassungen. Die Ursache für den Brexit finden Sie in Großbritannien in der Ungleichheit der Lebensverhältnisse. Das fing alles 2008 mit der Finanzkrise an, als die Banken gerettet wurden und normale Bürger dafür am Ende bezahlen mussten. Wir sollten als Briten lieber zusammenarbeiten als zum Schluss isoliert dazustehen. Ich liebe den Idealismus von Europa. Die Anstrengung etwas gemeinsam zu erarbeiten und voran zu treiben, lohnt sich doch. Eine vereinte starke Stimme gegen autoritäre Regimes und Staatsoberhäupter ist doch etwas wert. So sehe ich es! Das Gute bei all dem könnte sein, dass wir einen Neustart des politischen Systems in Großbritannien sehen. Da müssen wir mal kräftig durchgeschüttelt werden. Denn jetzt ist unser Land gelähmt. Ein Referendum ist generell eine schlechte Idee. Denn Menschen stimmen immer gegen etwas - selten dafür. Das ist einfach gefährlich. Wir leben in einer Zeit von Fake-News. Das gab es vorher nicht so. Wir waren immer gewohnt, dass wir unseren Politikern glauben konnten, was sie sagen. Aber die "Fakten" von Boris Johnson waren alle nur ausgedacht.

Sie hatten mal einen weltweiten Hit mit dem Song "Things can only get better". Vielleicht ist die Zeit reif für einen Remix 2019.

Ich sage immer, so schlimm die Sachen auch sind, es gibt immer noch die Hoffnung für die Zukunft. Wenn wir uns in den Schlamassel bringen, können wir uns immer auch rausziehen. Das drängendste Thema unserer Zeit ist der Klimawandel. Darüber sollten wir ernsthaft sprechen. Es wird einfach nicht genug getan. Und wir lenken uns die ganze Zeit mit dem Brexit ab. Wir sollten uns mehr über elektronische Autos, Einwegplastik oder grüne Wirtschaft streiten. Wenn jeder an zwei Tagen die Woche vegan isst, können wir das Klima sehr beeinflussen und den Regenwald retten. Das müssen wir uns einfach klar machen!

Lassen Sie uns über Musik sprechen. In Ihrem neuen Album knüpfen Sie ein wenig an den Sound Ihrer großen Erfolge in den 80ern an.

Das sehe ich nicht so. Das Album klingt einfach nur nach Howard Jones. Der Sound ist sehr modern. Das Album klingt nicht wie "Human’s Lib". Es ist zeitgemäße Elektro-Musik mit Synthies und Drum-Machines und das bin ich.

Viele Nutzer von Spotify und Co. können Ihr neues Album natürlich auch problemlos dort hören, ohne es kaufen zu müssen. Sind Sie als Künstler zufrieden mit den Streaming-Anbietern?

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Jones an seinem Tasteninstrument - mehr 80er geht kaum.

(Foto: imago images / Future Image)

Ich bin ein großer Fan des Streaming, weil ich so viele unterschiedliche Künstler hören kann und ich neue Musik entdecke. Das einzige Problem dabei ist, dass Spotify und Co. keine jungen Künstler unterstützen. Diese Sänger und Bands können von ihren Musikwerken einfach nicht leben. Und darunter leidet die Musik! Spotify gehört jetzt den großen Plattenlabels. Sie haben uns Musiker an Spotify verkauft für sehr geringe Tantieme-Einnahmen aus unseren Liedern. Das ist nicht gut. Und als Spotify an die Börse ging, haben die Plattenfirmen ein riesiges Vermögen einstrichen. Wir Sänger haben davon keinen Cent gesehen.

Welchen Tipp haben sie für junge Bands?

Wer Musik liebt und es unbedingt will, sollte seine Karriere verfolgen. Aber ich empfehle heute den Weg in die Unabhängigkeit. Arbeitet für Euer eigenes Label, seid fleißig - auch auf Social Media! Baut Eure Karriere auf Live-Konzerten auf. Die Tonaufnahmen sind mittlerweile nebensächlich. Noch ein Tipp: Überlegt Euch, ob ihr überhaupt Songs veröffentlichen wollt. Es könnte schlauer sein zu sagen: Ihr könnt meine Musik nur live erleben. Das kann der Beginn einer neuen Ära sein.

Wer sich Sendungen wie "The Voice", "Pop Idol" oder "Deutschland sucht den Superstar" anschaut, sieht junge Talente, die überzeugt sind, sie seien schon sehr gut. Ruhm ohne große Anstrengung scheint der bevorzugte Weg zu sein.

Es hängt immer von der Motivation ab. Wenn man nur berühmt sein will, dann ist das vielleicht kurzzeitig möglich. Aber der "Fame" verschwindet über Nacht wieder. Das Schlimmste ist doch, wenn eine Sängerin oder ein Sänger schon sehr früh berühmt ist und dann alles wieder weg ist. Und das ist auch das Fiese an diesen Gesangsshows. Die Macher interessiert nicht wirklich, wen sie da benutzen. Und die Sänger werden ermutigt zu klingen wie Rihanna oder Bruce Springsteen. Es geht in den Talentshows nicht um die eigene Stimmfarbe oder einen eigenen Stil. Das ist traurig. Und darunter leidet die ganze Musikbranche.

Hören Sie viel Radio? Gefallen die aktuellen Charttitel?

Nein, alle Songs sind zu sehr nach derselben Formel produziert. Sie haben alle die gleichen Akkorde. Schlimm. Ehrlich gesagt, schaltet sich mein Gehirn nach einer Sekunde aus, wenn ich so etwas höre. Ich brauche mehr Stimulation durch Musik. Es gibt wahnsinnig tolle Musik - aber die finden Sie leider nicht im Radio.

Im April 2020 tourt Howard Jones auch durch Deutschland und gastiert in Hamburg, Frankfurt/Main, Berlin, Köln und München. 

Mit Howard Jones sprach Hero Warrings

Quelle: n-tv.de

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