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"Bleibe Berlin trotz New York treu" Subtile Angezogenheit mit Marcel Ostertag

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Liebt sein neues Leben in Berlin: Marcel Ostertag.

(Foto: GABO)

Es gibt wenige Designer, die so herzlich sind wie er, die sich so viel Gedanken machen um das große Ganze. Und die ihr Glück, wenn dann alles geklappt hat, auch so offen zeigen: Marcel Ostertag ist eine Ausnahmeerscheinung am deutschen Mode-Firmament, und das eben nicht nur wegen seiner exzellenten, dennoch tragbaren Mode. Dieses Jahr hat er auch in New York gezeigt, was "Made in Germany" bedeutet, außerdem ist er von München nach Berlin gezogen, er küsst immer noch seine Mama in der ersten Reihe seiner Shows und sein Bruder macht die Musik. Bodenständigkeit meets Paradiesvogel - besser geht's nicht.

n-tv.de: Deine Tattoos muss ich mir genauer ansehen, wie mit Buntstift. Lässt du sie noch weiter ausmalen?

Marcel Ostertag: Ja, aber ich habe so wenig Zeit dazu, das ist echt aufwendig. Es sieht gerade aus wie ein unfertiges Ölgemälde.

Vielleicht lässt du es einfach unfertig.

Es wird sowieso dauern, bis ich 70 bin, bis ich damit fertig bin. Und dann hängt meine Haut … (lacht)

Wir beenden das hier lieber an der Stelle, oder?

Zumindest dieses Thema (lacht)

Ich will auch lieber was über New York hören, wo du Anfang des Jahres warst, als einer der wenigen Deutschen, die da auf den Catwalk der New York Fashion Week durften.

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(Foto: ostertag ss2016)

Das war mega spannend, vom Anfang bis zum Ende. Die ganzen Vorbereitungen, Telefonkonferenzen, Meetings, Mails, die Reise im September davor, um das Team vor Ort kennen zu lernen, das war keine normale Fashion Reise, sondern ein höchst-emotionaler Trip. Dank DHL Exported bekam ich ja überhaupt die Möglichkeit, meine Mode dort auf dem Laufsteg zu zeigen. Wir haben dort vor Ort eine ganz tolle Agentur, die sehr viel Vorarbeit geleistet hat, und ohne mein Gesamtpaket von Unterstützern und Sponsoren würde ich das auch gar nicht stemmen können. Ich bin megadankbar für das Netzwerk, das mir da zur Verfügung gestellt wurde

Was haben die zum Beispiel gemacht?

Die haben die Mädchen schonmal vorgecastet, denn wir haben ja keine Mädchen mitgenommen. Nur mein engstes Team war da. Und die Models sind dann von überall aus der Welt, das war auch mal toll. Ich habe ganz tolles Feedback von denen für mein Team bekommen, das passiert ja auch nicht alle Tage. Es gab ganz viel Umarmungen nach der Show. Die amerikanische Presse hat geschrieben, dass wir einen frischen Wind nach New York gebracht haben, das macht mich natürlich glücklich!

Und wie fand man deine Kollektion?

Ausgereift und erwachsen! Das hatten die nicht erwartet anscheinend, die wissen ja auch gar nicht, dass mein Team echt nicht groß ist.

Was noch?

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Conchita Wurst in Marcel Ostertag - perfekt!

(Foto: Marcel Ostertag/ facebook)

Ich habe dadurch, dass wir da gearbeitet haben, Sachen von New York gesehen, die ich vorher noch nicht kannte, das öffnet einem nochmal ganz anders die Augen. Ich bin ja kein Local (lacht). Ich hatte ja schon Fashionshows in London oder Shangahi, und das war immer der pure Stress. New York dagegen war einfach nur perfekt! Und ein Abenteuer!

Ein einmaliges?

Nein, im September werde ich wieder da sein!

Und Berlin?

Da bin ich auch dabei! Ich bleib' Berlin allen Gerüchten zum Trotz treu, das wird auch so bleiben. Das Konzept ist: Die ersten dreißig Looks in Berlin, und dann wieder 60 bis 70 Looks in New York.

Das hat dich richtig gepackt, oder?

Ja, die mochten mich da. Da bin ich auch echt stolz drauf. Die mögen mein Label und das, was dahinter steht. Weißt du, Berlin ist spannend, Berlin ist sexy, aber das Business wird immer noch woanders gemacht, ist leider so. Der Einzelhandel ist schwierig für junge Labels.

Hast du ein bisschen Angst um den Modestandort Deutschland?

Naja, ich mach' das eh anders, weil ich niemandem hinterher rennen will: ich verkaufe in meinen Räumlichkeiten, alle drei Wochen. Das ist persönlicher, ich kann individuell auf meine Kunden eingehen, das macht einfach Spaß. Oder Pop Up Stores, die funktionieren auch. Da passiert gerade ein Umbruch, das kann man spüren, das Mainstreamige geht in den Hintergrund, die Massenware hoffentlich auch (lacht).

Du bist gut aufgestellt, oder?

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(Foto: ostertag ss2016)

Ja, mein Management hat so viel Power reingesteckt, und das trägt jetzt Früchte. Deswegen habe ich auch starke Partner an der Seite. Und die arbeiten dann gerne mit uns. Das will nicht jeder, ist schon klar, aber ich will das. Filme machen, Kooperationen mit Küchenrollenherstellern - ich meine, da lachen die meisten, aber für mich ist das eine weiße Leinwand, die ich bespielen darf, und dann hat jeder eine schöne Küchenrolle im Haushalt und eben nicht eine hässliche (lacht). Außerdem kennen mich dann mehr Leute.

In Filmen, wie bei James Bond, gibt es auch ohne Ende Product Placement, das kann man durchaus auch in anderen Bereichen anwenden, oder?

Ja, das ist eine Win-Win-Situation.

Du bist ja auch ein Naturtalent, was deine Showfähigkeit angeht ...

Ich bin so geboren worden, ich mag, es mit Menschen zu arbeiten, zu reden.

Und du bist ein Multitalent ...

Wenn du damit meinst, dass ich nicht nur ein Designer, sondern auch ein Geschäftsmann bin, dann ja.

Du badest gern im Publikum?

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(Foto: ostertag ss2016)

Schon, ich komme ja beispielsweise nach einer Show raus und zeige mich, und dann mische ich mich unter die Leute. Ich will denen zeigen, wer ich bin, und ich will wissen, wer meine Kunden sind, oder meine potenziellen Kunden (lacht). Außerdem will ich erzählen, dass bei uns alles Made in Germany ist. Ethisch korrekt produziert! Und auf Emotionen aufgebaut.

Du wirkst sehr positiv.

Ja, das habe ich von meiner Mutter, seit meinen Kindertagen kenne ich diesen Spirit. Dass man das Herz am rechten Fleck haben muss, und so sein Leben und seinen Beruf gestalten sollte.

Deine Mutter sitzt immer in der Frontrow …

Sie war auch mit in New York. Ja, das ist ganz wichtig.

Und dein Vater?

Den kenn' ich nicht so gut, ich seh' aber genauso aus wie er (lacht). Meine Mutter war so eine Powerfrau - oder ist es immer noch - dass sie beide Elternrollen ausgefüllt hat. Sie hat mich immer inspiriert. Und: meine Mutter hat mich machen lassen, was ich will, zum Beispiel Ballettschule, oder Barbies statt Holzpistole. Der männliche Part hat mir nicht wirklich gefehlt.

Jetzt bist du nach Berlin gezogen, hast München hinter dir gelassen? Warum?

Ich bin moderner geworden, denke ich, im Laufe der Jahre, da braucht man was Neues, da muss man aus den alten Schuhen raus. Da macht auch ein Ortswechsel Sinn. Auch wenn ich München nach wie vor liebe, logisch. Bis ein Label läuft, dauert es ja Jahre. Und dann erkennt man aber irgendwann, was man alles erreichen kann. Es geht nicht nur um den Verkauf einer Textilie, es geht um eine ganze Geschichte, die dahinter steht. Ich brauchte nach 10 Jahren in München einen neuen Spirit, ich gehe doch stark auf die Vierzig zu (lacht). Ich liebe Berlins Ecken und Kanten und ein bisschen mehr Anonymität.

Was erwartet uns bei deiner nächsten Kollektion?

Nachdem ich die Elemente Erde, Feuer und Wasser bereits thematisiert habe bleibt ja nur noch eines: Luft (lacht). Es wird ein Mix aus Couture und Sportswear. Prints, die Power, Luft und Wind symbolisieren. Spitze ist wichtig. 

Super, alles durchsichtig!

Ich sage mal: subtile Angezogenheit. Es wird nicht zu viel gezeigt! Außerdem designe ich gerade Schuhe für Tamaris. Es wird sexy.

Marcel Ostertag ist auf der nächsten Mercedes Benz Fashion Week zu sehen (28.Juni bis 1.Juli)

Mit Marcel Ostertag sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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