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Slipknot mit neuem Album Von Wiedergeburt und Auferstehung

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Die neunköpfige Band Slipknot aus Iowa ist seit jeher für ihre Masken bekannt. Die Depressionen ihres Frontmannes vertonen sie mit harten Riffs und experimentellem Sound.

(Foto: Alexandria Crahan-Conway)

Als Slipknot im Mai das Video zu ihrer neuen Single "Unsainted" veröffentlichten, ging ein Aufschrei durch die Metal-Szene. Die neunköpfige Band aus Iowa ist seit jeher für ihre Masken bekannt, zu jedem Album gab es bisher einen neuen Look. Aber was bitte, monierten viele Fans, habe man sich denn bei den neuen Vermummungen gedacht? Vor allem die Maske von Sänger Corey Taylor stieß vielen übel auf. Überhaupt nicht gruselig. Und auch nicht böse genug. Taylor selbst sieht das Ganze etwas anders. Für den 45-Jährigen ist die Maske nicht mehr und nicht weniger als ein Symbol für Wiedergeburt. Genau wie das dazugehörige sechste Slipknot-Album "We Are Not Your Kind". Um das zu erklären, muss man ein bisschen ausholen.

Komplette Freiheit und Hingabe

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Nicht jeder mag Taylors neue Maske.

(Foto: imago images / Eastnews)

Fünf Jahre ist es her, dass die 1995 gegründete Metal-Band ihr letztes Album ".5: The Gray Chapter" veröffentlicht hat - jenes Album, vor dem im Hause Slipknot niemand so richtig wusste, ob und wie es mit der Band weitergehen soll. Am 24. Mai 2010 war Gründungsmitglied Paul Gray an einem Medikamenten-Cocktail verstorben. Als Schlagzeuger Joey Jordison drei Jahre später dann auch noch wegen einer seltenen neurologischen Erkrankung die Segel streichen musste, schien erst mal alles ungewiss. Will man ohne diese Leute weitermachen? Und wenn ja, wie schafft man es, dass es sich trotzdem noch wie Slipknot anfühlt? "'.5:The Gray Chapter' war der Test. Es war die Platte, bei der wir trauerten und versuchen, als Band wieder zueinanderzufinden", so Corey Taylor. "Als wir dann unsere erste Show dazu spielten, wussten wir, dass es funktioniert. Es ist nicht mehr das Gleiche, aber das ist okay. Die Leute denken immer, nur weil etwas nicht mehr wie früher ist, ist es nicht richtig. Aber das stimmt nicht. Da ist eine Wärme, eine Ehrfurcht, auch bei den neuen Leuten in der Band. Wir teilen den Spirit, um den es bei Slipknot geht und immer ging, nämlich komplette Freiheit und Hingabe. Als wir erst einmal erkannt hatten, dass wir alle auf diesem Vibe waren, konnte uns nichts mehr aufhalten."

"We Are Not Your Kind" hört man das an. Noch nie hat die Band sich bei einem Album so viel Zeit gelassen. "Über drei Jahre haben wir an den Songs gefeilt", sagt Percussionist Shawn Crahan alias Clown. "Wir haben viel Zeit mit dem Arrangieren verbracht, haben neue Sachen probiert, mit Tempowechseln und Tonartwechseln experimentiert." Während die gesamte Branche sich in Richtung Singles entwickelt, wollten Slipknot von Anfang bis Ende ein Album-Erlebnis schaffen. Musikalisch erinnert die Platte einerseits an das Frühwerk der Band, vor allem an die Alben "Iowa" und "Vol. 3: The Subliminal Verses".

Düsterstes Kapitel der Bandgeschichte

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Getreu der bekannten Slipknot-Formel treffen in Songs wie "Nero Forte" und "Critical Darling" harte Riffs auf eingängige Refrains. In der zweiten Hälfte des Albums geht es dann deutlich experimenteller zu: Das Industrial-Riff in "Spiders" erinnert an Nine Inch Nails und in "A Liar's Funeral" trifft Doom-Metal auf eine Akustikgitarre. "Das Album ist ein absolutes Meisterwerk", ist sich Crahan deshalb sicher. "Alle Wände wurden für dieses Album eingerissen, es ist schonungslos. Da ist nichts mehr, was uns zurückhält. Wir müssen niemandem etwas beweisen, außer uns selbst. Ich war schon immer überzeugt, dass das der Grund ist, warum wir so eine große Fanbase haben. Die Fans wünschen sich jemanden, dem sie vertrauen können. Und wer ständig seine Meinung ändert, dem kann man nicht vertrauen. Ich mache Kunst nur, um mich selbst glücklich zu machen. Ob es anderen gefällt oder nicht, ist mir egal. Und dieses Album ist nun mal ein Meisterwerk. Jeder Stein wurde dafür umgedreht, jeder Weg beschritten."

Corey Taylor derweil hat das Album als das düsterste Kapitel in der Geschichte Slipknots bezeichnet. Und damit meint er nicht nur die Musik. "I'll never kill myself to save my soul / I was gone, but how was I to know? / I didn't come this far to sink so low", singt er in der eingangs erwähnten Single "Unsainted". "Ich habe eine der schwersten Zeiten in meinem Leben hinter mir und massive Veränderungen vorgenommen", sagt er. "Die waren nötig für mein Überleben, mein Selbstwertgefühl und mein Glück. Dieses Album erzählt die Geschichte, wie ich meine Depressionen bekämpft habe."

Maske soll Prozess widerspiegeln

Nach der Trennung von seiner Frau vor etwa zwei Jahren sei er in ein tiefes Loch gefallen. "Ich kann und werde nicht über sie reden, denn ganz ehrlich, diese Dinge passieren halt", sagt er. "Aber wenn man plötzlich aus einer strangulierenden Situation befreit wird, kommt man leicht vom Weg ab. Ich stürzte mich kopfüber ins Leben, ohne zu erkennen, dass da immer noch eine Menge war, mit dem ich zu kämpfen hatte. Vier Monate lang war ich sehr unglücklich und ungesund."

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Eine Therapie, viel Zeit mit Freunden und Familie sowie das Schreiben halfen ihm durch diese Zeit. "Ich habe wieder zu mir gefunden - aber das war nicht leicht. Es hat zwei Jahre gedauert. Und ich arbeite immer noch daran, um ehrlich zu sein", fährt er fort. Seine Maske soll genau diesen Prozess widerspiegeln. Taylor ließ sie von Schauspieler, Make-up- und Spezialeffektkünstler Tom Savini, der für seine Rollen in "From Dusk Till Dawn" oder "Django Unchained" bekannt ist, designen. Im Internet verglich ein Fan sie in einem langen Beitrag mit der Maske, die er selbst nach schweren Verbrennungen im Gesicht tragen musste und die ihn zu einem stärkeren Menschen gemacht habe. "Diese Geschichte erklärt, was ich beschreiben wollte. Dieses Album handelt tatsächlich davon, sich von dem Schmerz zu erheben und wiedergeboren zu werden. Und die Maske ist eine Reflexion dessen", antwortet Taylor auf Instagram. "Ich glaube, dass es die intellektuellste Maske ist, die ich je hatte und vielleicht verstehen einige Leute es deshalb nicht", sagt er achselzuckend. "Es geht darum, aus der Asche aufzuerstehen. Nachdem man sich verbrannt hat, werden das Fleisch und der Geist wieder zum Leben erweckt."

Taylor, der sich auch für die "You Rock"-Stiftung einsetzt, die Menschen mit Depressionen durch Musik helfen möchte, geht schon länger offen mit dem Thema um. Er sprach in der Vergangenheit nicht nur über seine Alkoholsucht und Depressionen, sondern auch Selbstmordgedanken. "Damit die Leute das verstehen und sich damit identifizieren können, muss man die Hüllen fallen lassen. Zugeben, dass wir nicht immer alle stark sein können", sagt er. "Als das mit Chester Bennington und Chris Cornell passierte, sind viele aufgewacht und haben gedacht 'fuck'. Das Ding ist: Es sind die Überlebenden, die in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Freunde und Familie, die man zurücklässt. Ich versuche deshalb, so offen wie es nur geht mit meinen Problemen umzugehen. Denn wenn ich nur einer Person davon überzeugen kann, mit jemandem zu reden und sich helfen zu lassen, dann war mein Schmerz nicht umsonst."

Quelle: n-tv.de

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