Unterhaltung

Mehr Zoff als Sex Wiesinger und Zimmermann in Sitcom

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Privat läuft's super, aber ein bisschen was von Zimmermann und Wiesinger dürfte in ihren Sitcom-Alter Egos schon stecken.

(Foto: imago/APress)

"Der Lack ist ab." Diese Feststellung machen alle Menschen früher oder später. Es schlabbert und wird faltig, und das beschäftigt nicht nur Junge oder Alte, sondern auch die völlig vernachlässigte, aber riesige Zielgruppe der Mittelalten.

Das Schlimme gleich vorneweg: Anja Kling und Ben Becker spielen auch mit. Das Gute daran: Die einzelnen Episoden dauern nur 10 Minuten. Nee Quatsch, das ist gemein, denn ausgerechnet Anja Kling und Ben Becker sind extrem lustig in ihren Rollen. Frau Kling kennt sich mit Jugendsprache aus, weiß was MILF bedeutet und klärt ihre ahnungslosen Freundinnen kompetent und zackig auf. Was am Anfang etwas holperig rüberkommt, entspannt sich mit jedem Schluck Prosecco (der Protagonisten!) zusehends.

Und Ben Becker spielt den Bruder, der sein Testament macht, weil er in einem Kinderfilm gesehen hat, wie er sich eines Tages mal bestatten lassen möchte. Sehr herrlich, wie er das bringt, man möchte ihn sofort umarmen und trösten. Schön zu sehen, dass es immer dann am besten wird, wenn man in der Lage ist, sich selbst auf die Schippe und bloß nicht zu ernst zu nehmen.

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Ben Becker in einer kleinen, aber feinen Rolle.

(Foto: imago/Future Image)

Ganz hübsch, was das Privat- und Kollegen-Paar Kai Wiesinger und Bettina Zimmermann sich da ausgedacht hat. In einer Welt, in der es entweder um die Bedürfnisse sehr junger, heranwachsender oder um sehr alte Menschen geht - weil sie entweder und erstaunlicherweise immer noch cool sind, sich endlich nicht mehr die Haare färben und zu ihrem Grau und Weiß stehen, ja geradezu, von sehr jungen Menschen wiederum, imitiert werden - stellen die beiden Schauspieler, sie Anfang, er Ende 40, ein Format in den Raum, das man in dieser Form vermisst hat, seit man selbst aus dem Ally-McBeal-Alter und dann aus "Sex and the City" herausgewachsen ist.

Mit viel Humor und Augenzwinkern nehmen sie dabei sich selbst und ihre Generation auf den Arm (und an die Hand): Die Generation, die jetzt die Verfallserscheinungen an ihren Körpern (und partiell auch in der Birne) entdeckt und sie auf keinen Fall akzeptieren möchte; diese Generation, die denkt, alles ist noch möglich (neuer Job, neues Glück, neues Baby); diese Generation, die gerne dieselbe Musik hört wie ihre Kinder und auch manchmal - peinlicherweise - dieselben Klamotten trägt (oder ist das nicht eher umgekehrt traurig, dass die jungen Leute sich genauso anziehen wollen wie die Älteren?, darüber muss man nochmal nachdenken).

Liebe zwischen Himbeer-Vinaigrette und Designer-Lampe

Die Fragen liegen auf der Hand: Werden wir eher nochmal Eltern oder bald Großeltern, werden wir uns weiterhin attraktiv finden oder muss der Mann eines Tages doch seinen begehrten Samen unter weiteren jungen Frauen verschleudern, damit die Erhaltung der Menschheit gewährleistet werden kann? Warum geht der verdammte Restspeck am Bauch auch bei härtester Diät nicht weg? Bin ich Alkoholiker, wenn ich jeden Abend ein Glas Wein oder ein Bier trinke? Ist es eher eklig oder schmeichelhaft, wenn junge Burschen mit ner Mutti ins Bett wollen würden? Und können wir die Liebe zwischen all unseren Designer-Lampen, Antik-Tischen, Kaschmir-Pullovern und der Himbeer-Vinagrette am Bio-Salat zur Fenchel-Pasta aufrecht erhalten? 

Auf dem Webportal "My Video" sind jetzt vier Folgen der insgesamt zehn Folgen zu sehen, die Schauspieler und Regisseur Kai Wiesinger auch produziert hat und deren Drehbücher er mitschrieb. Es heißt zwar, es ginge um "ganz normale Mittvierziger", aber es sind schon die Mittvierziger, die vieles, wenn auch nicht alles erreicht haben in ihren schicken Altbauwohnungen mit schicken Freunden und teuren Rotweinen. Wiesinger selbst fasst in einer Szene zusammen: "Wir haben doch so ein schönes Leben, du schreibst deine Bücher, ich mach meinen Kram, Sex haben wir tagsüber, wenn die Kinder nicht da sind, und ganz blöd in der Schule stellen die sich auch nicht an." Tiefer Durchatmer. Da bleibt dann aber schon die Frage im Raum stehen: Und was kommt jetzt? Wie lange noch? Wann sind wir angekommen?

Viele unken nun wieder herum, dass so ein Format keine Zukunft haben kann, schon gar nicht im Netz, denn der gemeine oldschool-Mittvierziger schmeiße ja noch immer lieber die Glotze an als den PC. Aber Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut, und falls jemand Lust hat, mal zu gucken, hier geht's lang.

Quelle: n-tv.de