Unterhaltung

Zum Tod von Siegfried Lenz Wortemaler und "Ein-Mann-Partei"

Er wollte Fischer werden, Spion oder Admiral. Zum Glück ist daraus nichts geworden: Siegfried Lenz war einer der letzten großen Erzähler der Nachkriegszeit, der Vater der "Deutschstunde" und ein begnadeter Wortemaler.

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Siegfried Lenz mit seinem Markenzeichen, der Pfeife.

(Foto: dpa)

"Siehst du es?", fragte Siegfried Lenz seine Frau jedes Mal, wenn er ihr aus einem seiner noch unveröffentlichten Romane vorlas. So ungewöhnlich diese Frage aus dem Munde eines Schriftstellers klingt, so genau beschreibt sie das, was die Erzählungen von Lenz so einzigartig machen: Er hatte die Gabe, mit ganz einfachen Worten unnachahmlich plastisch von Menschen, Landschaften und Begebenheiten zu erzählen und sie in den Köpfen der Leser lebendig werden zu lassen.

Seine Romane spielen dabei fast ausschließlich in Norddeutschland, an der friesischen Küste; das tosende Meer, Fischerboote, die raue Natur mit ihren Schutzdeichen und die Werften im Hamburger Hafen bilden die Kulisse seiner Geschichten. Sein Ton ist unverwechselbar - feinsinnig, präzise, atmosphärisch, ein wenig melancholisch und nie ohne Humor. So zeichnet er Figuren, die man nicht so leicht wieder vergisst.

Da ist zum Beispiel der Taucher Jan Hinrichs ("Der Mann im Strom"), der wegen seines Alters keine Arbeit mehr findet und seine Dokumente fälscht, das Paar Stella und Christian ("Schweigeminute"), deren Liebe nicht sein darf, oder Arne ("Arnes Nachlass"), der als Einziger den Suizid seiner Familie überlebt und trotzdem nicht gerettet ist. Und dann sind da die unzähligen heiteren bis tragischen Männer, Frauen und Kinder aus den Lenzschen Kurzgeschichten, die nicht nur in Norddeutschland, sondern auch in Masuren, der Heimat von Lenz, ein Zuhause finden.

Mit "Deutschstunde" zu Weltruhm

Geboren wurde Lenz am 17. März 1926 in Lyck, einer Kleinstadt im heutigen Polen. Über seine Jugend hat Lenz nicht gerne gesprochen. Seinen Vater, ein Zollbeamter, kannte er kaum - vielleicht ein Grund, warum in seinen Werken immer wieder junge Männer eine Hauptrolle spielen, die sich bewähren müssen. Nachdem die Eltern sich getrennt hatten, zog die Mutter mit der Tochter aus der Stadt fort und ließ Lenz bei der Großmutter zurück.

Mit 17 Jahren legte er das Notabitur ab und trat in die Marine ein. Nie hat er einen Hehl daraus gemacht, ein enthusiastischer Hitlerjunge gewesen zu sein. Dass sein Name auch in der Zentralkartei der NSDAP geführt wird, wollte er aber bis zum Schluss nicht wahrhaben. Mit seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus war es am 20. Juli 1944, als das Attentat auf Hitler misslang, vorbei: "An diesem Tag stürzte ich aus einer Illusion." Er wollte nicht mehr Teil der Kriegsmaschinerie sein. Wenige Wochen vor dem Ende des Gemetzels desertierte er, überlebte in den Wäldern Dänemarks und geriet in britische Kriegsgefangenschaft.

Nach dem Krieg strandete Lenz in der Stadt, die ihm eine zweite Heimat werden sollte: Hamburg. Das Lehramtsstudium brach er schon bald ab, er volontierte bei der "Welt" und arbeitete einige Zeit als Journalist, bevor er mit "Es waren Habichte in der Luft" seinen ersten Roman schrieb. Und so wurde der Mann, der als kleiner Junge erst Fischer, dann Spion und später Admiral werden wollte, einer der bedeutendsten Erzähler der deutschen Nachkriegszeit.

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Im April 1972 sprach Lenz auf einer Solidaritätskundgebung für die damalige Regierung Brandt-Scheel.

(Foto: dpa)

Seit 1951 hat Lenz 14 Romane, zahlreiche Erzählungen, Essays, Hörspiele und einige Theaterstücke veröffentlicht. Schlagartig bekannt wurde er 1968, als er den Roman schrieb, an dem - zu Recht - über Jahrzehnte kaum ein Schüler vorbeikam: In "Deutschstunde" erzählt Lenz von einem Dorfpolizisten, der während des Nationalsozialismus fanatisch das Malverbot seines Freundes überwacht. Stellvertretend für die Kriegsgeneration und deren rebellierenden Kinder schreibt er aus der Sicht des Polizistensohnes, der sich daran abarbeitet, was für fatale Folgen es hat, wenn Pflichterfüllung über Menschlichkeit gestellt wird.

Ohne Lenz' persönliche Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges und das gesehene Leid wären viele seiner Arbeiten wohl nicht so eindringlich ausgefallen. Antrieb und Verpflichtung waren ihm, wie er bekannte, auch die Schuldgefühle, die Nazizeit überlebt zu haben, während viele Altersgenossen seiner Generation auf den Schlachtfeldern elend verreckten. Und so wurde er nicht müde zu mahnen, ohne je den Zeigefinger zu heben, obwohl er der Literatur keine ausgeprägte pädagogische Bedeutung zumaß und den Schriftsteller als eine "Ein-Mann-Partei" bezeichnete, die dem Leser nur Angebote machen könne.

"Volksschriftsteller" der Herzen

Auch außerhalb seines literarischen Wirkungskreises versuchte er zeitlebens, die Welt verantwortungsvoll mitzugestalten. In Deutschland engagierte er sich in den 60er und 70er Jahren für die SPD, später haderte er mit der Partei, unterstützte jedoch energisch die Ostpolitik Willy Brandts. Die Versöhnung mit Polen und die Solidarität mit Israel waren dem gebürtigen Ostpreußen ein Herzensanliegen. Im Gegensatz zu den anderen beiden großen Nachkriegsliteraten Heinrich Böll und Günter Grass sprach er jedoch mit leiserer, bescheidenerer Stimme - die deswegen nicht weniger Gehör fand.

Und noch etwas unterschied ihn von seinen zwei Schriftstellerkollegen. Zwar hat er zahlreiche Ehrungen bekommen, die seine Verantwortung für Politik und Literatur widerspiegeln: den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck, den Bremer Hansepreis für Völkerverständigung, den Goethepreis der Stadt Frankfurt oder die Ehrenbürgerschaften Hamburgs und Schleswig-Holsteins. Eine aber ist ihm verwehrt geblieben: der Nobelpreis.

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Siegfried und Lieselotte Lenz waren 57 Jahren lang verheiratet, das Bild zeigt das Ehepaar im Jahr 2001.

(Foto: dpa)

Aber auch ohne diese höchste literarische Auszeichnung stehen die Werke des Mannes mit der Pfeife, das Markenzeichen Lenz', nicht nur in den Regalen deutschsprachiger Fans. Die Auflage seiner Bücher, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden, liegt weltweit bei weit über 25 Millionen - er ist der Autor der Herzen, der "Volksschriftsteller", wie Marcel Reich-Ranicki ihn einmal nannte.

Nur einmal versiegte seine literarische Stimme: als seine Frau nach 57 gemeinsamen Jahren starb. Aber er überwand die Krise mithilfe seiner zweiten Frau Ulla und seinem ersten reinen Liebesroman "Schweigeminute", der 2008 erschien und als Sensation gefeiert wurde. Die Geschichte der Liebe zwischen einer Lehrerin und ihrem Schüler offenbarte ein weiteres Mal Lenz' ganze Klasse: die große Liebenswürdigkeit und Menschlichkeit, mit der er sich seinen Figuren nähert.

Seine letzten Jahre verbrachte Lenz in einer Seniorenresidenz an der Elbchaussee mit freiem Blick auf den von ihm so geliebten Strom. Zahlreiche Operationen und Bestrahlungen hatten seiner Gesundheit stark zugesetzt. Wollte er nach draußen, war er auf den Rollstuhl angewiesen, im Haus brauchte er einen Rollator - er nahm es mit Humor und erklärte seine sperrigen Gehhilfen zur "Deutschen Transportgesellschaft".

In den letzten Monaten regelte Lenz noch viele Dinge. Sein persönliches Archiv wird im Literaturarchiv in Marbach ausgewertet und die von ihm gegründete Siegfried-Lenz-Stiftung vergibt im November erstmals den Siegfried-Lenz-Preis - an den israelischen Schriftsteller Amos Oz, einen guten Freund von Lenz.

In seiner Dankesrede für die Ehrenbürgerschaft seiner polnischen Geburtsstadt im Oktober 2011 sagte Lenz über die Literatur: "Was sie uns vermitteln kann, ist alles, worin sich Leben offenbart. Es können Träume sein und Furcht, Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit. Wer den Wunsch hat, deutlicher zu leben, dem werden manche Fragen durch Literatur beantwortet." Wer diesen Wunsch wirklich hat, der sollte bei Siegfried Lenz nachschlagen, bei seinen literarischen Bildern, an denen man sich nie sattlesen kann.

Quelle: ntv.de

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