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Die "Sophia Loren" Ägyptens Yousra pfeift auf Hollywood

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Yousra ist die vielleicht größte noch lebende Diva der arabischen Welt.

(Foto: imago stock&people)

Sie spielt seit fast 40 Jahren in Filmen mit und ist die bekannteste Schauspielerin der arabischen Welt. Die Ägypterin Yousra kann ein Lied davon singen, wie ein reaktionärer Mainstream es dem Kino schwer machen kann. n-tv.de traf die Diva in Berlin.

Yousra war zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen, als die 30 langen Mubarak-Jahre noch nicht einmal begonnen hatten. In einer ihrer ersten Rollen im Kino spielt sie eine junge Frau namens Amira. In der seichten Romanze "Ein Lächeln genügt" (1978) geht es um die Suche nach Mr. Right. Hin- und hergerissen zwischen einem oberflächlichen Angeber und einem sensiblen Architekten, hat dieses hübsche und behütete Mädchen viel Zeit, sich in endlosen Gedankenschleifen zu ergehen, was sie eigentlich will. In ihrer Firma beispielsweise ist das große Thema, dass endlich ein Betriebskindergarten her muss, damit die Mütter ohne Sorgen arbeiten können. Kein einziges Kopftuch ist zu sehen, stattdessen wallen Haare und die Röcke sind kurz und eng. Männer haben wenig zu melden in dem Streifen.

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Szene aus "Ein Lächeln genügt". Die damals 23-jährige Yousra spielt hier ein verwöhntes Mädchen auf der Suche nach dem richtigen Mann. An ihrer Seite: der in Ägypten nicht minder berühmte Nur al-Scharif.

Heute ist dieses Ägypten der "Infitah"-Jahre, jener Ära unter Präsident Anwar al-Sadat, weit weg. Damals boomte die Wirtschaft wie niemals wieder - und die Kinoindustrie mit ihr. Zwischen damals und dem heutigen Ägypten, das unter politischem Chaos und Verelendung leidet, liegt ein ganzes Leben. Yousra, die vielleicht berühmteste lebende Diva des Nahen Ostens, ist vor einem Monat 60 Jahre alt geworden. Und wenn sich auch fast alles in ihrem Land verändert hat, eines mit Sicherheit nicht: Yousra ist immer noch der unangefochtene Superstar des ägyptischen Kinos, das sich selbst das Hollywood des Nahen Ostens nennt.

Überhaupt ist das echte Hollywood für die Schauspielerin, die in Deutschland kaum jemand kennt, kein Maßstab. "Wenn es 300 Millionen Menschen gibt, die einen lieben und bewundern, dann braucht man nicht ins amerikanische Hollywood zu gehen", sagt sie im Interview mit n-tv.de. "Warum soll ich es aufgeben, in Ägypten Nummer eins zu sein, um woanders Nummer 100 zu werden? Nein! Ich weiß das zu schätzen." Anders als andere internationale Stars kann sich Yousra in Berlin entspannen, herumschlendern, Kaffee trinken oder zu einem x-beliebigen Friseur gehen. Das Arabische Filmfestival "Al-Film", das heute endet, hat ihr die diesjährige Retrospektive gewidmet - und damit die Aufmerksamkeit auf eine Frau gelenkt, die wie wenige über die Entwicklungen in ihrem Land und deren Auswirkungen auf die Frauen und das Kino (und Frauen im Kino) berichten kann.

"Ihr lebt in einer Lüge, nicht ich"

Über fast 40 Jahre hinweg hat Yousra weibliche Hauptrollen gespielt, die sich immer wieder neu dem anpassen mussten, was dem Publikum als schön, normal und bewundernswert galt. Doch die Anpassung hat für Yousra Grenzen. Ihr großes Lebensthema ist die Emanzipation - und die geht nicht mit einem zunehmend streng islamisch orientierten Mainstream zusammen, findet sie, die wegen ihrer feinen Züge und hohen Wangenknochen manchmal mit Sophia Loren verglichen wird. "Ich als Frau hasse es, wenn man mich nur als Frau ansieht oder als Femme Fatale mit kurzem Rock. Nein, ich bin mehr: Ich bin schön, ich habe einen Charakter und einen Willen. Ich kann liefern", sagt sie selbstbewusst.

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In den mehr als 80 Kinofilmen der Künstlerin kommen alle in einem arabischen Kontext erdenklichen Frauenrollen vor, nur schwach, das wollte sie nie sein. Im Ramadan vor etwa zehn Jahren hielt die Nation den Atem an, als Yousra in der Rolle einer Ärztin in einer der beliebten Serien zum Fastenmonat zu sehen war. Kein unterhaltsamer, leichter Stoff kam in "Ein Frage der öffentlichen Meinung" auf die heimischen Bildschirme, sondern ein knallhartes Vergewaltigungsdrama in 30 Folgen. Die Reaktionen waren anfangs vernichtend. "Ich habe gesagt: Ich werde mich nicht verteidigen. 'Ihr lebt in einer Lüge, nicht ich', war meine Haltung", erzählt Yousra. Zum Ende des Ramadan seien die Straßen zur Sendezeit wie leergefegt gewesen. Die letzte Folge sei erst am Morgen des Sendetages abgedreht worden. "Die Vergewaltiger wurden in der Folge zum Tode verurteilt. Das war eine Sensation."

In den 90ern zeichnete sich schon der Arabische Frühling ab

Vor 25 Jahren hätte sich Yousra an solchen Stoff wohl nicht herangewagt. Die 1980er und 90er waren die Zeit der legendären ägyptischen Komödien, in denen die Schauspielerin mit ihrem Kollegen Adel Imam zu einem Dreamteam des Klamauks heranreifte. Geradezu prophetisch wirkt heute der Streifen "Terror und Kebab" von 1992, in dem ein Familienvater durchdreht, als er im ägyptischen "Amt für alles", dem Verwaltungsmonster Mogamma am Tahrir-Platz, wie ein Idiot von Schalter zu Schalter geschickt wird. Das Ganze mündet in einem Militärgroßeinsatz auf dem Platz.

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Dabei war die Mubarak-Ära, in der Yousra zum Superstar aufstieg, auch von echtem islamistischen Terror und dem langsamen Aufstieg der Muslimbrüder geprägt, die 2012 nach freien Wahlen tatsächlich die Macht ergriffen. Yousra sagt rückblickend: "Heute sieht man, dass sich damals schon abzeichnete, was später passierte. Die Islamisten waren noch nicht da, aber sie planten es." Yousra macht keinen Hehl daraus, dass sie die Islamisten in Ägypten leidenschaftlich hasst. "Wir Künstler haben immer so getan, als wären die Islamisten nicht einmal existent. Wir geben wegen dieser Leute aber nicht auf, dass wir sagen und anziehen, was wir wollen. Wir bleiben stur. Das ist unsere einzige Waffe."

Kino als Ort der Träume für die Armen

Die Dinge in Ägypten sind nicht gerade so gelaufen, wie eine Frau wie Yousra sich das Ende der 70er gewünscht haben kann. In "The Yacoubian Building" von 2006, mit einem Budget von 4 Millionen US-Dollar der teuerste ägyptische Film aller Zeiten, spielte sie an der Seite von Adel Imam eine gealterte Sängerin und Barbesitzerin. Beide trauern auf ihre Art der guten alten Zeit nach, während die junge Generation brutale Richtungskämpfe ausficht: Leben nach westlichem oder radikal-islamischem Vorbild. Yousra, die bürgerlich Civenne Nasim heißt, versucht keine Wehmut zu zeigen. "Wir haben Probleme in unserem Land, die wir nie für möglich gehalten hätten. Aber wir müssen da durch, um besser zu verstehen." Den Gegencoup des ägyptischen Militärs im Sommer 2013 empfand sie als die wahre Revolution und als Befreiung.

Doch das Volk verarmt weiter, der Mainstream wird gerade bei den einfachen Leuten weiter von den Islamisten bestimmt. Das Kino muss sich behaupten, um sich nicht von seinen Zuschauern zu entfernen. "Selbst für die armen Leute ist Kino das Wichtigste", ist Yousra überzeugt. "Es ist ihre Flucht, da sind ihre Träume drin." Doch es ist schwieriger geworden: In den Jahren nach 2011 wurden kaum mehr als 10 bis 15 Filme pro Jahr produziert - in den 1990ern waren es zehn Mal mehr.

Yousra verlegt sich mit ihren Botschaften zu Themen wie sexueller Belästigung, Vergewaltigung, Zwangsheirat und Emanzipation mehr und mehr auf das Fernsehen. "In den 1960er-Jahren wurden die Kinodrehbücher noch für Frauen geschrieben. Heute für die Männer. Das ist schlecht." Wichtig ist der Ägypterin die Botschaft, die vom immer noch größten arabischen Markt für Filme und Serien ausgeht. Von dem könnten auch Deutsche etwas lernen, findet sie. Zum Beispiel, dass die Ägypter mehr sind als ein Volk von Islamisten, Chaoten und Hinterwäldlern, die sich gegenseitig von einem Elend ins nächste stürzen. "Unsere Filme könnten euch verstehen helfen, wer wir eigentlich sind", sagt sie.

Quelle: n-tv.de

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