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Scham, Leidenschaft und Betrug Alexijewitsch, Chronistin der Sowjetunion

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Die Stadt Tschernobyl ist heute eine Geisterstadt, Alexijewitsch sprach mit denen, die zur Zeit des Reaktorunfalls dort lebten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Große Vaterländische Krieg, Tschernobyl, der Zusammenbruch des Sozialismus - Swetlana Alexijewitschs Bücher handeln von großer Geschichte. Doch sie macht kleine Menschengeschichten daraus, die ihre Leser nur mit Mühe verkraften.

Swetlana Alexijewitsch war schon 2014 die Favoritin für den Literaturnobelpreis. Eher überraschend ging der Preis im vergangenen Jahr dann doch an den Franzosen Patrick Modiano. Doch in diesem Jahr führte an der 67-Jährigen kein Weg mehr vorbei.

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Die Nobelpreisträgerin lebt in Minsk, auch wenn ihre Bücher dort verboten sind.

(Foto: REUTERS)

Die weißrussische Schriftstellerin und Journalistin hat sich in den postsowjetischen Gesellschaften all derer angenommen, die kaum noch zu Wort kommen. In Weißrussland, wo sie noch immer lebt, sind ihre Bücher verboten, in Westeuropa wird sie schon seit längerem mit Preisen überhäuft. Auf die Bestsellerlisten schaffte sie es dennoch nie, dazu war ihr Sujet immer zu sperrig. Eine Menschenforscherin nennt sie sich selbst. Sie habe nach einem Genre gesucht, dass zu ihrer Art, die Welt zu sehen, passen würde, schreibt Alexijewitsch auf ihrer Internetseite. Am Ende wählte sie das Genre der "menschlichen Stimmen".

Sie wolle nicht die trockenen und nackten Fakten aufschreiben, sondern puzzle ihre Bücher aus Tausenden von Stimmen und Schicksalen zusammen, so Alexijewitsch. Über Jahre führt sie dafür Interviews. In Alexijewitschs Büchern ist Platz für das menschliche Maß - Scham und Leidenschaft, Desillusionierung und Verdrängung, Lügen und Selbstbetrug. Entstanden ist auf diese Weise eine Chronik des "homo sovieticus", auch wenn es wohl ein anderer ist als der, den einst der Dissident Alexander Sinowjew definierte.

Schmerzhaft authentisch

Denn statt degenerierte Opportunisten vorzuführen, lässt Alexijewitsch frühere Sowjetmenschen die Mythen der offiziellen Geschichtsschreibung entlarven: Der Große Vaterländische Krieg ist bei der frischgekürten Nobelpreisträgerin kein Heldenepos, sondern ein bis heute andauerndes Trauma in der Erinnerung der Frauen und Kinder. In "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" von 1983 sprach sie mit früheren Rotarmistinnen, die im Zweiten Weltkrieg als Ärzte, Scharfschützinnen, Krankenschwestern, Panzersoldatinnen oder Pilotinnen gegen die Deutschen kämpften. Sie töteten, litten Hunger, froren und kämpften und wurden vergessen, als es nach dem Krieg darum ging, die "Helden" zu feiern. Den 7- bis 10-Jährigen hatte Alexijewitsch bereits in "Die letzten Zeugen - Kinder im Zweiten Weltkrieg" eine Stimme gegeben.

Der Krieg in Afghanistan ("Zinkjungen"), der Reaktorunfall von Tschernobyl ("Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft"), das Auseinanderbrechen der Sowjetunion ("Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus") - Alexijewitschs Chronik füllt sich. Keines dieser Bücher ist leicht zu verkraften. Zu eindrucksvoll sind diese "Romane der Stimmen", geradezu schmerzhaft authentisch und trotzdem nie verurteilend. Wer schwarz und weiß, Täter und Opfer will, der wird bei Alexijewitsch nicht fündig.

Die Schwedische Akademie der Wissenschaften schrieb in ihrer Begründung für den Nobelpreis, die Journalistin und Schriftstellerin werde für ihr "vielstimmiges Werk" geehrt, welches "dem Leid und dem Mut unserer Epoche ein Denkmal" setze. Als begnadete Zuhörerin bringt sie Menschen zum Sprechen, als grandiose Autorin webt sie aus diesen fremden Stimmen dokumentarische Literatur.

Quelle: n-tv.de

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