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Schrulliger Ratgeber von 1978 Besser leben mit der Faultiermethode

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Man kann auch als Faultier glücklich werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine 18-Jährige schreibt einen Klassiker der Aussteigerliteratur und wird damit 1978 berühmt. Mehr als 35 Jahre später ist ihr Buch vielleicht nicht mehr besonders hilfreich, aber noch höchst lesenswert.

1978 waren Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung noch keine allgegenwärtigen politischen Schlagwörter. Doch mitten in der Ölkrise ist bereits Ende der 1970er-Jahre ein Buch erschienen, das mit den Simple-life-Ratgebern der 2000er locker mithalten konnte.

Autorin des gut 200 Seiten starken Buches "Die Faultiermethode - Ein Manifest gegen die alltägliche Diktatur des Geldes" ist die zu diesem Zeitpunkt 18-jährige Dolly Freed. Der Name ist ein Pseudonym, denn Dolly hatte bereits mit 12 die Schule verlassen und bewegte sich im Leben an der Seite ihres Vaters durchaus in den Grenzbereichen einer bürgerlichen Existenz. Die Angst vor dem gleichzeitigen Auftauchen von Schulpolizei, Steuerfahndung, Wildhüter und Zwangsvollstrecker darf jedenfalls als Teil des täglichen Lebens von Dolly angenommen werden.

Als 2010 US-Journalisten die Frau ausfindig machten, sagte sie über ihre Motivation, das Buch zu schreiben: "Wir hatten kein Auto. Wir hatten kein Telefon. Es gab nicht viel zu tun, wenn es zu kalt war, um nach draußen zu gehen. Es war ein gutes Winterprojekt." Herausgekommen ist eine gleichermaßen schrullige wie unterhaltsame Beschreibung einer Lebensauffassung, bei der es darum geht, es sich möglichst gut gehen zu lassen, ohne dafür allzu viel zu arbeiten oder Geld auszugeben. Denn Freed möchte ihr Lebensmodell auf keinen Fall als Askese missverstanden wissen: "Warum denken die Leute bloß immer, man müsse in einer trostlosen Wildnis leben, ein Hippie oder ein geselliger, arbeitsamer Zurück-zur-Natur-Freak sein, der Sojabohnen und Joghurt liebt, um sich der Geldwirtschaft weitgehend zu entziehen?"

Armes Scheidungskind

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Das Buch ist bei Rogner und Bernhard erschienen und kostet 19,90 Euro.

Ihre Schilderungen dürften trotzdem eine charmante Umschreibung durchaus schwieriger Lebensumstände sein. Nach der Scheidung der Eltern zieht Dolly mit ihrem Vater in ein Haus, das die beiden bei einer Zwangsversteigerung erworben haben. Der Vater, den sie nur "der alte Narr" nennt, lehnt es ab, "irgendeinen langweiligen, sinnlosen und frustrierenden Job anzunehmen". Er lebt stattdessen als "Selbstversorger" ohne "nachweisbares Einkommen". Insofern dürfte die Aussteigerentscheidung gleichermaßen finanziell wie ideologisch motiviert gewesen sein.

Im Alltag brachten es Dolly und ihr Vater allerdings zu einer kreativen Meisterschaft. Sie züchteten Kaninchen und Hühner im Keller, bauten ihr eigenes Gemüse an, gingen fischen und jagen. Mit dem in der Einleitung beschriebenen Müßiggang eines Diogenes haben die durchaus arbeitsreichen Tage der beiden jedenfalls nicht unbedingt viel gemein. Aber jenseits von selbstgebranntem Schnaps und getrockneten Apfelschnitzen geht es Freed durchaus auch um eine Utopie.

Wie wollen wir leben?

Denn die handfesten Ratschläge sind von geradezu philosophischen Überlegungen begleitet. Wie viel Selbstbeschränkung und Selbstbestimmung sind möglich? Wie autark kann man leben und trotzdem Teil der Gesellschaft bleiben? Wie viel Geld braucht man überhaupt zum Leben?

1978 war das Buch ein Bestseller und Dolly Freed schaffte es sogar bis in die Welt der Talk-Shows. Als das Buch 2010 wieder aufgelegt wurde, machten Journalisten die Autorin erneut ausfindig. Dabei stellte sich heraus, dass sie immer ein wenig nach der Faultiermethode gelebt hatte. Nach fünf Jahren Aussteigerleben studierte sie Ingenieurswissenschaften, um bei der NASA zu arbeiten. Allerdings war sie in der Weltraumforschung nicht besonders glücklich und wurde daraufhin Umweltpädagogin. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Texas. Sie baut ihr eigenes Gemüse an und hält bis heute freie Zeit und Wahlmöglichkeiten für wichtiger als Geld.

In Deutschland sind viele der Ratschläge möglicherweise nicht besonders gut umsetzbar. Zum einen sind sie in den USA aufgeschrieben worden und zum anderen teilweise einfach veraltet. Aber es macht außerordentlich viel Spaß, der jungen und äußerst lebenshungrigen Dolly Freed beim Nachdenken und Experimentieren zuzuschauen. Ob eine überfahrene Katze wirklich als Mahlzeit akzeptabel ist, muss dann der Leser für sich selbst klären.

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Quelle: ntv.de