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"Archetyp der Menschensperre" Die Mauer aus anderer Sicht

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Als glattes Band aus Beton ist die Mauer im kollektiven Gedächtnis verankert, doch begonnen hat sie als zusammengestückeltes Provisorium.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Die Berliner Mauer gilt vielen noch immer als eines der "monströsesten Bauwerke" der Geschichte. Dabei war sie in ihren Anfangsjahren ein wüstes Provisorium aus Stacheldraht, Betonbalken und Ziegeln. Voll banaler Boshaftigkeit war sie trotzdem bereits.

Es gehört zu den Absonderlichkeiten der DDR, dass es Privatpersonen verboten war, die Mauer zu fotografieren. Den persönlichen Blick auf die innerdeutsche Grenze scheuten die Machthaber, wie sie alles zu vermeiden suchten, was nach Individualität schmeckte oder ihnen die Unfreiheit ihres Landes vor Augen führte. Fotografiert wurde die Mauer dennoch, nur eben von der anderen Seite oder im offiziellen Auftrag, von Wehrpflichtigen der Grenztruppen der DDR beispielsweise.

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Die zweibändige Ausgabe hat 1300 Seiten und enthält über 1600 Abbildungen. Sie kostet 98 Euro.

(Foto: Hatje Cantz Verlag)

Aus diesen Bildern, die lange unbemerkt in verschiedenen Archiven schlummerten, haben Annett Gröschner und Arwed Messmer einen beeindruckenden Bildband gemacht. In zwei Büchern, eines für die Texte, eines für die Bilder, zeigen sie "Inventarisierung der Macht. Die Berliner Mauer aus anderer Sicht". "Die Mauer, wie sie in den ersten Jahren nach 1961 buchstäblich Gestalt annahm, war ein scheinbares Provisorium von beeindruckend banaler Boshaftigkeit", schreibt der Kunsthistoriker Matthias Flügge dazu in seinem Vorwort.

55 Jahre nach ihrem Bau ist die Mauer ein Mythos, dessen Realität sich kaum noch nachvollziehbar beschreiben lässt. Der physische Verlauf ist nur noch zu ahnen, selbst die wenigen erhaltenen Relikte geben dem Betrachter kein annähernd angemessenes Gefühl von dem, was die echte Mauer vor ihrem Fall in den Menschen auslöste. Diesem Gefühl von zunehmender Unwirklichkeit setzen Gröschner und Messmer die Fotos der DDR-Grenztruppen entgegen. Sie stammen aus den frühen Mauerjahren, als das wüste Konglomerat aus Stacheldraht, Betonplatten und -balken, Ziegeln und Gasbetonsteinen zunehmend von einem Band aus industriell vorgefertigten Stahlbetonelementen und einem perfektionierten Sperrsystem aus Beobachtungstürmen, Kolonnenwegen, Hundelaufanlagen und schließlich der Mauer an vorderster Stelle abgelöst wurde.

Dokumentarisches Material

Messmer hat die Fotos zu langgezogenen Panoramen montiert, die lediglich mit den genauen Koordinaten und einer dürren Ortbeschreibung versehen wurden. Ergänzt werden Bilder mit kurzen Zitaten aus Berichten der Grenztruppen, die sich auf den abgebildeten Abschnitt beziehen.

Allein auf 22 Seiten sind Grenzhunde aufgelistet, je 14 Tiere mit Name, Wurftag und ihrer Klassifizierung als Wach-, Schutz- oder Fährtenhund. Nur selten wird ein besonderes Kennzeichen erwähnt, wie eine Erkrankung oder die Tatsache, dass der Hund nur einen Hoden hatte. Es ist eine in ihrer Banalität beklemmende Übersicht über die armen Kreaturen, die sommers wie winters an langen Leinen zwischen den Zäunen hin- und herliefen, bis sie "verrückt wurden oder apathisch".

Die Wachtürme der ersten Mauergeneration sind ein ähnlich buntes Sammelsurium, manche erinnern an Hochstände eines Jägers, andere wirken dem Wohnungsbauprogramm der DDR entlehnt, außerdem gibt es komplizierte Leiterkonstruktionen, um irgendwo in luftigen Höhen einen besseren Blick auf fluchtwillige DDR-Bürger gewinnen zu können. Die Sowjetunion hatte bei ihrer Zustimmung zum Mauerbau zunächst nur Stacheldraht genehmigt, der Ausbau mit Beton und Selbstschussanlagen liegt noch in der Zukunft, als diese Bilder entstanden.

"Archetyp der Menschensperre"

Doch solange die Mauer stand, blieb auch der Fluchtwille der DDR-Bürger ungebrochen. Tunnel aller Art, dazu Fotos von Strickleitern, Holzleitern, Klappleitern, die Fluchtszenarien blieben mannigfaltig. Wurde ein Weg versperrt, begannen die Überlegungen einfach von vorn. Hinzu kamen oft genug Hohn und Spott von der anderen Seite der Grenze: "Ich dürft euch nicht sonnen, ihr müsst wachsam sein", rief jemand, und auch das wurde notiert. Oder auch: "Jetzt könnt ihr nicht mehr rüber, ihr seid so richtig eingesperrt."

Niemals vertraute die DDR ihren Bürgern, auch nicht ihren Grenzsoldaten. In immer neuen Paarungen wurden sie auf Posten geschickt, mit dem Auftrag, die Grenze zu überwachen und einander nicht aus den Augen zu lassen. Die Denunziationen und Spitzelberichte lesen sich noch Jahrzehnte später erbärmlich.  

Die Mauer war der "Archtetyp der neuen Menschensperren", ihre Machthaber "Getriebene", denn das Bauwerk erzwang seinen "ständigen, sich potenzierenden Ausbau", schreibt Olaf Briese. Am Ende sei sie ein "unersättlicher Moloch" geworden, dem seinen Sklaven blindlings dienten und die er schließlich ruinierte. Geradezu irreal erscheint das heute, deshalb ist dieses Buch unfassbar spannend. Und wer auch immer über eine Mauer als politisches Mittel nachdenkt, sollte sich die Macht dieser Mauer vergegenwärtigen. 

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Quelle: n-tv.de

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