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1968 in Tokio: Studenten liefern sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei.
1968 in Tokio: Studenten liefern sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei.(Foto: AP)
Montag, 01. Januar 2018

Manga über Tokio '68: Die Saat der Gewalt

Von Markus Lippold

1968. Auch in Japan protestieren Studenten, liefern sich blutige Zusammenstöße mit der Polizei. Mittendrin planen Killer N und Regisseur T den ganz großen Coup. Doch dann eskaliert die Gewalt und alles gerät aus den Fugen.

Nicht nur in Deutschland und Frankreich, auch in Japan gehen vor 50 Jahren die Studenten auf die Straße. Sie demonstrieren gegen Vietnamkrieg und Atomwaffen, für politische Reformen und bringen das Land an den Rand einer Revolution: Während der "Attacke auf Tokio" werden im Oktober Universitäten und ein Bahnhof der Hauptstadt besetzt, mehrere Polizeistationen angegriffen. Es kommt zu blutigen Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften.

In jungen Jahren hat N noch Träume - aber es kommt anders.
In jungen Jahren hat N noch Träume - aber es kommt anders.(Foto: Eiji Otsuka, Unlucky Yound Men 1, Carlsen Verlag, Hamburg 2017)

Zur gleichen Zeit sorgen aber auch zwei außergewöhnliche Verbrechen für Aufsehen: Einerseits eine brutale Mordserie, bei der im Oktober und November innerhalb von drei Wochen vier Menschen erschossen werden. Andererseits stellt im Dezember einer der größten Raubzüge in Japans Geschichte die Polizei vor ein Rätsel: Beim Überfall auf einen Geldtransporter werden 300 Millionen Yen gestohlen, was heute etwa 21 Millionen Euro wären. Der Täter wird nie gefasst.

Mit einem Phantombild sucht die Polizei damals vergeblich nach dem Räuber. Dieses Bild ziert nun den Titel des Mangas "Unlucky Young Men" von Autor Eiji Otsuka und Zeichner Kamui Fujiwara. Der Verweis auf das damalige Verbrechen gehört zum Konzept des Zweiteilers: Er verbindet die Realität des Jahres 1968 mit einer fiktiven Geschichte um mehrere Jugendliche und schafft so ein psychologisch dichtes wie atemberaubend spannendes Zeitporträt.

N bricht in eine Militärbasis der US-Armee ein - und stiehlt eine Videokamera und eine Pistole.
N bricht in eine Militärbasis der US-Armee ein - und stiehlt eine Videokamera und eine Pistole.(Foto: Eiji Otsuka, Unlucky Yound Men 1, Carlsen Verlag, Hamburg 2017)

Im Mittelpunkt steht N. Die Figur ist an Norio Nagayama angelehnt, jenen Serienkiller, der 1968 vier Menschen ermordete. Die Tatwaffe hatte Nagayama auf einer Basis der US-Armee gestohlen. 1969 wurde er gefasst, 1979 wegen mehrfachen Raubmords zum Tode verurteilt und nach einem langen Revisionsverfahren 1997 hingerichtet. Aber schon das erste Kapitel von "Unlucky Young Men" zeigt, dass es der Manga mit der Historie nicht so genau nimmt. Denn N stiehlt auf der Militärbasis nicht nur eine Pistole. Noch begeisterter ist er von einem weiteren Fund: einer 8-Millimeter-Videokamera.

Spiel mit Realität und Fiktion

Wenig später begegnet man N in einer bei revolutionären Studenten beliebten Jazzbar. Hier hat er einen Job angenommen und trifft auf seinen Kollegen T. Filmfans kommen schnell dahinter, dass auch diese Figur ein reales Vorbild hat: Takeshi Kitano. Der Regisseur und Schauspieler ist für Filme wie "Hana-Bi" und "Zatoichi" bekannt, aber auch für seine durchgeknallte Fernsehshow "Takeshis Castle".

Vorbild für die Figur N: Norio Nagayama erschoss 1968 vier Menschen.
Vorbild für die Figur N: Norio Nagayama erschoss 1968 vier Menschen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

N und T werden Freunde und fassen einen Plan: Um das gemeinsame Filmprojekt "Unlucky Young Men" zu finanzieren, das die Stimmung der japanischen Jugend einfangen soll, wollen sie einen Geldtransporter überfallen. Genau: Es ist jener legendäre 300-Millionen-Yen-Raub vom Dezember 1968. Dass Nagayama oder gar Kitano damit zu tun hatten, ist allerdings rein fiktiv. Sie sind sich in der Realität wohl nie begegnet.

Das Spiel mit Realität und Fiktion bestimmt den gesamten Manga. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf reale Ereignisse - wie die Besetzung der Universitäten oder die zunehmende Radikalisierung der Studentenbewegung -, und auf historische Figuren. So begegnen N und T etwa auch zwei Frauen, die Yoko heißen. Beide spielen auf Hiroko Nagata an, dem Mitglied einer linksradikalen Splittergruppe, die später für den Mord an mehreren Mitgliedern der Gruppe zum Tode verurteilt, aber nie hingerichtet wurde. Oder die Figur M, die auf Yukio Mishima basiert, einem schillernden Autor, der sich zum radikalen Nationalisten wandelte und 1970 rituellen Selbstmord beging.

"Unlucky Young Men" ist in zwei Bänden bei Carlsen erschienen, 368 bzw. 402 Seiten, je 19,90 Euro.
"Unlucky Young Men" ist in zwei Bänden bei Carlsen erschienen, 368 bzw. 402 Seiten, je 19,90 Euro.

Ein Glossar im Anhang der beiden Manga-Bände erklärt viele der Anspielungen auf japanische Geschichte und Popkultur. Und es macht Spaß, abzutauchen in jenes wilde Jahr 1968, mit seinen brutalen Protesten und faszinierenden Verbrechen.

Wut und Entschlossenheit

Allerdings funktioniert "Unlucky Young Men" auch ohne ein Verständnis für diese historischen Zusammenhänge. Denn im Kern geht es um eine spannende Kriminalgeschichte mit Noir-Elementen, deren Protagonisten die Zerrissenheit ihrer Generation widerspiegeln, das wütende Aufbegehren gegen Traditionen und die wilde Entschlossenheit der Jugend. Von einem "Jetzt oder nie"-Gefühl schreibt Zeichner Fujiwara im Nachwort, von einem blinden Glauben, der einen auch nicht vor dem Tod zurückschrecken lässt.

Diese Stimmung transportiert der Manga mit seinen düsteren Bildern und starken Kontrasten wunderbar. Die Bilder Fujiwaras wirken aufgrund ihrer Schraffuren wie auf Papier gezeichnet, doch sie sind komplett am Computer entstanden. Mehr noch: Um das Film-Thema der Handlung zu reflektieren, setzte er auf eine spezielle Technik. Die einzelnen Szenen wurden anhand von Vorzeichnungen nachgespielt und fotografiert - was wiederum die Vorlage für die finalen Zeichnungen bildete, die so eine besondere filmische, actionreiche Dynamik erhielten.

Diese visuelle Dynamik treibt die Handlung voran, in der die Protagonisten immer tiefer verstrickt werden in die Kriminalität und die Machenschaften einiger Studentengruppen. Für deren Radikalisierung steht vor allem eine der Yoko-Figuren. Sie ist sowohl Femme fatale als auch Vertreterin einer Frauengeneration, die sich nicht mehr unterdrücken lassen will. Doch am Ende gibt sie sich ganz der Gewalt hin, die bald schon keine Ausnahme mehr ist, sondern Mittel zum Zweck im revolutionären Kampf, der zwischen den verschiedenen linken Splittergruppen tobt. Die Studentenunruhen münden im Terrorismus.

In der Darstellung dieser Entwicklung erweist sich "Unlucky Young Men" als Meisterwerk, das die fiktive Thriller-Handlung fest mit der Darstellung der Zeitgeschichte verwebt, bis man beides kaum noch unterscheiden kann. Schade, dass es keinen vergleichbaren Comic für diese Zeit in Deutschland gibt. Parallelen gibt es genug. So gingen 1968 nicht nur Studenten auf die Straße, um gegen Vietnamkrieg und für Reformen zu protestieren. In jenem Jahr brannten in Frankfurt am Main auch zwei Kaufhäuser. Es war ein Vorgeschmack auf den kommenden Terror, denn zu den Brandstiftern gehörten Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die später die RAF gründeten.

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Quelle: n-tv.de