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Der echte "Dude" konnte zum Schluss bis zu 1500 Cannabispflanzen pro Zyklus ernten.
Der echte "Dude" konnte zum Schluss bis zu 1500 Cannabispflanzen pro Zyklus ernten.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 30. Oktober 2014

"Die Cannabis GmbH": Ein ganz normaler Grasproduzent

Von Julian Vetten

Der "Dude" ist eigentlich ein Großunternehmer mit Vorbildfunktion: jung, fleißig, erfolgreich, sozial. Er produziert ein Genussmittel von hoher Qualität für einen Millionenmarkt - und ist trotzdem ein Krimineller. Rainer Schmidts neuer Roman trifft den Nerv der Zeit.

Drogenliteratur ist das Mekka für die Münchhausens unserer Zeit: Nirgends werden Halbwahrheiten so hart gefeiert wie im Rauschmittelgenre, nirgendwo sonst ist die Welt noch so hübsch in Schwarz und Weiß aufgeteilt. Es gibt eigentlich nur zwei Arten, über Drogen zu schreiben: Entweder lässt man seine Protagonisten als Einstiegsdroge Speed spritzen (kein Scherz) und schreibt Gruselgeschichten á la "Frag mal Alice", die in millionenfacher Ausführung Schulkinder vor der Drogensucht bewahren sollen - oder man kündigt, so wie Joachim Lottmann mit "Endlich Kokain", seinem Verleger "Drogen, Sex und Abenteuer" an. Das finden die Leser geil, da darf man auch ungestraft die schimmeligsten Klischees aus der schriftstellerischen Trödeltruhe kramen. Dazwischen gibt es, abgesehen vielleicht von Jörg Fauser und Rainald Goetz, erschreckend wenig.

Nun also "Die Cannabis GmbH", ein etwas mehr als 300 Seiten starker Roman über einen Typen, der sich zum besten Grasproduzenten Hamburgs aufschwingt. Der Klappentext stellt ihn als den "Dude" vor und alle Alarmsirenen heulen auf: So cool wie Jeff Bridges gleichnamiger Hauptdarsteller in "The Big Lebowski" kann sein Hamburger Verschnitt ja wohl kaum sein.

"Ich halte nichts von Kifferromantik"

Kann er doch - und das ist nicht die einzige Überraschung, die das Buch bereithält. "Die Cannabis GmbH" ist ein ungemein authentischer Beitrag zur aktuell schwelenden Legalisierungsdebatte, ohne sich allzu offensichtlich auf eine Seite zu schlagen oder mit dem erhobenen Zeigefinder zu wedeln. Rainer Schmidts Sprache ist leicht und beschwingt, der Autor zieht seine Leser in einen regelrechten Sog - und vermittelt dabei quasi nebenher einen erstaunlich akkuraten Blick auf die absurde Rechtssituation, mit der die drei bis sechs Millionen regelmäßigen Graskonsumenten in Deutschland klarkommen müssen.

"Die Cannabis GmbH" ist bei Rogner & Bernhard erschienen.
"Die Cannabis GmbH" ist bei Rogner & Bernhard erschienen.

Warum Alkohol als Volksdroge erlaubt, Cannabis aber verboten ist, versteht man nach der Lektüre noch weniger als vorher. Gleichzeitig verzichtet Schmidt, der selbst weder raucht noch kifft, aber auf eine Glorifizierung der Droge: Dass THC bei entsprechender genetischer Veranlagung unter Umständen zu Psychosen führen kann, verschweigt Schmidt ebenso wenig wie die Tatsache, dass es genug Konsumenten gibt, die breit wie Plattfische durch den Tag trudeln und ihr Leben neben Hartz-IV-TV und Bong nur notdürftig auf die Reihe kriegen. "Ich halte nichts von Kifferromantik", sagt Schmidt - und hält es da genau wie der "Dude", der sich im Laufe des Romans mehrfach über seine unzuverlässigen, weil dauerdichten Mitarbeiter echauffiert.

Apropos "Dude": Der schwingt sich im Laufe der Jahre vom Kleingrower, der im eigenen Schuppen ein paar Pflanzen züchtet, zum mittelständischen Unternehmer auf - komplett mit eigener Plantage auf dem Land, schöner Ehefrau und reicher Verwandtschaft, die ihn für einen erfolgreichen Baumarktmitarbeiter hält.

Bis auf eine kurze Szene, in der der "Dude" beim Proberauchen einer neuen Sorte einen Horrortrip fährt, wirkt sein Werdegang ungemein glaubhaft - was daran liegt, dass die Geschichte in weiten Teilen tatsächlich so geschehen ist. "Ich habe auf einer Party diesen spannenden Typen kennengelernt und nach ein paar Drinks gefragt, was er denn eigentlich so macht", erinnert sich Schmidt. "Da dreht er sich zu seiner Frau um und fragt: 'Kann man dem Schmidt vertrauen?' Ein Nicken später hat sich eine völlig neue Welt für mich geöffnet."

Machen, was man am liebsten macht: Gras anbauen

Schmidt dampft das geballte Unternehmerwissen zu einer spannenden Geschichte zusammen und gleicht später noch kleinste Details wie den richtigen PH-Wert beim Anpflanzen mit einem bekannten deutschen Grower auf Authentizität ab. Das Ergebnis ist ein rundes Buch, das erfrischenderweise ohne den Anspruch auskommt, hohe Literatur zu sein.

Ein paar Eigenheiten stören den von Schmidt so gekonnt erzeugten Lesesog: Die inflationäre Verwendung des Wortes "schwul", losgelöst vom sexuellen Kontext, entlarvt den Autor als jemanden, der zwar schon lange aus dem Alter heraus ist, in dem man Szene- und/oder Jugendsprache intuitiv benutzt, dessen Kinder aber gleichzeitig noch nicht alt genug sind, um ihren Vater mit den nötigen Vokabeln zu versorgen. Gleiches gilt für den merkwürdig antiquierten Begriff "Nasivisten", wie Schmidt die Kokser im Buch nennt.

Das alles sind aber Kleinigkeiten im Vergleich zu einem anderen Buch, das in diesem Jahr den Anspruch erhob, ganz nah an der Szene zu sein und damit hoffnungslos scheiterte: Wo Joachim Lottmann in seiner "Endlich Kokain"-Farce vor Leserschaft und Feuilleton am laufenden Band Popzitate onanierte, begnügt sich Schmidt mit einer unaufgeregten und glaubhaften Geschichte über einen Typen, der einfach nur das gemacht hat, was er am liebsten macht: Gras anbauen.

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Quelle: n-tv.de