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Mit Arsen und gelbem Staubtuch Eine Sadistin teilt aus

Tante Tiny hat einen Putztick und einen durch und durch miesen Charakter. Mit Hasstiraden und Hundeleine quält sie ihre Familie aufs Gemeinste. "Das Biest" ist ein beklemmendes und komisches Porträt einer Frau, die zur Sadistin wird.

"Wann immer Tante Tiny ein Wohnzimmer betrat, selbst bei wildfremden Leuten, zog sie sofort ein knallgelbes Staubtuch aus ihrer Jackentasche". Ihr Reinlichkeitstick trägt ihr den Spitznamen "Tientje Putz" ein. Allerdings nur hinter vorgehaltener Hand, denn "so weich ihr Staubtuch, ihr Mopp und ihre Buntwäsche auch waren, so scharf konnte ihre Zunge ausholen".

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Der Roman ist bei Suhrkamp erschienen, hat 303 Seiten und kostet 24 Euro.

Mit diesen Worten beginnt der neue Roman "Das Biest" von Adrianus Franciscus Theodorus van der Heijden, einem der bekanntesten niederländischen Schriftsteller. Und der Titel ist Programm. In Tiny van der Serckt steckt eine wahre Teufelin: Sie lässt zuverlässig jede familiäre Zusammenkunft eskalieren, rührt an totgeschwiegenen Wahrheiten und ist selbst die größte Lügnerin. Verspritzt sie ihr verbales Gift, kennt sie keine Grenzen. Arsen hingegen verabreicht sie nur in wohldosierten Portionen.

Auf dem Kieker hat Tiny grundsätzlich alle Menschen, die ihren Weg kreuzen. Besonders aber bekommen die ältere Schwester Hanny und die Eltern ihre Bosheit zu spüren. Letzteren wirft sie vor, sie in ihrer Jugend wie eine Sklavin gehalten zu haben, den ganzen Tag habe sie sich um den Haushalt kümmern müssen. Um daran keine Zweifel aufkommen zu lassen, reist sie auch dann, als sie mit ihrem Ehemann bereits in einer anderen Stadt wohnt, regelmäßig mit der Dienstmädchenschürze über dem Kostüm an, um ihre Eltern mit Taten und Worten aufs Gemeinste zu trietzen.

Rache für eine Schandtat

Das alles tut Tiny, weil als junges Mädchen eine Schandtat an ihr verübt wurde, die ihr weiteres Leben ruinierte. Die Eltern verschließen davor die Augen, Hanny wollte ihr helfen, machte aber alles nur noch schlimmer.

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Adrianus Franciscus Theodorus, genannt Adri, van der Heijden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Was genau in der Vergangenheit passiert ist, erfährt der Leser aus der Perspektive von Tinys Neffen Albert Egberts, auf den die sehr attraktive Tante einerseits eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt, andererseits stoßen ihn ihre Gemeinheiten zutiefst ab. Immer mehr Hinweise fügen sich nach und nach zu einem Bild des schrecklichen Unrechts, das Tiny widerfahren ist. Und das sie nun auf ihre Weise rächt - mit purem Sadismus, der selbst vor einer Hundeleine als Fessel für die kranke Mutter nicht haltmacht.

Albert kennen van-der-Heijden-Leser bereits als Ich-Erzähler aus dem mehrbändigen fast 3500 Seiten umfassenden Romanzyklus "Die zahnlose Zeit", ein niederländisches Sittengemälde, das sich von der Nachkriegszeit bis in die Mitte der 1980er-Jahre zieht. Nach Erscheinen des letzten Bandes widmete sich van der Heijden einer neuen Romanreihe: Mit "Homo duplex" erzählt er eine in der heutigen Zeit angesiedelte Ödipus-Geschichte.

Dieser Zyklus wurde 2010 jäh unterbrochen. Van der Heijden und seine Frau verloren durch einen Verkehrsunfall ihren einzigen Sohn. Der kurz darauf publizierte Requiemroman "Tonio" ist das vom Vater verzweifelt herausgeschriene Protokoll der Trauer. Lange sah es so aus, als ob van der Heijden danach niemals wieder schreiben würde.

Verstörend, komisch, virtuos

Nun also ist "Das Biest" erschienen, ein Intermezzo zu "Die zahnlose Zeit". Obwohl eine Parallelgeschichte, kann der Roman ohne Vorkenntnisse gelesen werden. Gelegentliche Zeitsprünge und Andeutungen von bereits innerhalb des Zyklus' beschriebenen Ereignissen irritieren nur minimal, stören den Lesefluss aber nicht.

Die Lebensgeschichte der "Tientje Putz" ist die verstörende, komische und vor allem virtuos erzählte Studie einer Frau, die einen derart miesen Charakter hat, dass es einen schaudert. Einer Frau, die die Verlogenheit der Nachkriegszeit anprangert und dabei selbst um keine Lüge verlegen ist. Die mit ihrem Putzlappen akribisch nach dem letzten Staubkorn sucht und mit ihrer spitzen Zunge jede Menge familiären Dreck aufwirbelt.

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Quelle: ntv.de