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Kafka, Terror und die Psychiatrie Im Karneval der Alpträume

Für Lizzie Doron ist klar: Sie lebt in einer gigantischen psychiatrischen Anstalt. Voller traumatisierter Juden, umzingelt von Feinden mit Sprengstoffgürteln. Doch was passiert, wenn der Feind einem plötzlich nahekommt?

Es ist die Geschichte einer unmöglichen Freundschaft. Einer Freundschaft, die so wohl nur auf neutralem Boden ihren Anfang finden konnte. Inmitten der malerischen Kulisse von Rom, auf einer Konferenz friedensbewegter Gutmenschen, treffen sich der palästinensische Journalist Nadim Abu Henis aus Ostjerusalem und die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron aus Tel Aviv. Während Israels Armee den Gazastreifen bombardiert, sollen die beiden, angeleitet von der unermüdlichen Italienerin Maria, das Unmögliche schaffen: Frieden im Nahen Osten.

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Das Buch ist bei dtv erschienen und kostet 14,80 Euro.

Schon gleich zu Anfang zeigt sich: In Lizzie Dorons Roman "Who the fuck is Kafka" geht es um vielerlei Unmöglichkeiten. Um den kleinen Spalt der Hoffnung, der sich bisweilen unerwartet auftut. Und um den Umgang mit dem, was wir Realität nennen.

Mit dem Austricksen der Realität kennen sich Nadim und Lizzie gut aus. Henis lebt seit Jahrzehnten in Ostjerusalem, wo er und die israelischen Behörden einen Kleinkrieg führen. Seine Frau stammt aus dem Gazastreifen, und jedes Jahr droht ihr durch israelische Behörden die Abschiebung dorthin. Das Haus verlassen kann sie nicht, das Land sowieso nicht, weil sie als Staatenlose nie wieder einreisen dürfte. Wie sie keinen Pass besitzt, tragen die Straßen, in denen Nadim und seine Familie wohnen, keine Namen, die Häuser keine Nummern. Es ist ein Dasein ohne behördliche Berechtigung, eine Existenz im Schwebezustand.

Die israelische Schriftstellerin hat andere Kämpfe auszufechten. Einen Krieg gegen die Erinnerungen, die sie immer wieder heimsuchen. An ihre traumatisierte Mutter, einer Holocaust-Überlebenden, der sie bereits in ihrem Roman "Das Schweigen meiner Mutter" ein grandioses Denkmal gesetzt hat. An ihre Freundin Dafna, die bei einem Terroranschlag starb, als sie in einem Cafe auf Doron wartete. An die Geister ihrer Freunde, die im Jom-Kippur-Krieg umkamen. Die Angst brodelt, ist allgegenwärtig.  In ihrer ersten Nacht in Rom verrammelt sich Doron panisch in ihrem Hotelzimmer und stürzt, wie sie schreibt, "in den Karneval meiner Alpträume."

Für Maria werden Nadim und Lizzie zu einem großartigen Projekt. Mit all dem guten Willen einer Europäerin und dem von der Realität ungetrübten Besserwissen des Außenstehenden überredet sie die beiden dazu, einen Film über sich zu drehen. Die Idee wird schnell zu einem Traum von Nadim - doch die Sache ist kompliziert.

Eine Hausapotheke von Pillen

Denn auch wenn Nadim und Lizzie im selben Land leben, ist es, als kämen sie von verschiedenen Planeten. Immer wieder begegnen sich der charmante und weltgewandte Palästinenser, der fließend Italienisch spricht, und die Tochter einer polnischen Jüdin, die mit der Allgegenwart des Holocaust großgeworden ist, mit plötzlich aufkeimendem Misstrauen. Sie wittert Sprengstoffgürtel und Fallen und wundert sich, dass Nadim weder Franz Kafka noch den KZ-Arzt Josef Mengele kennt. Nadim wiederum ist erzürnt über die israelischen Schikanen der Palästinenser und Lizzies naive Frage, warum seine Frau nicht wie jede Bürgerin Israels aus- und einreisen darf.

Bei aller Unterschiedlichkeit: Nadim und Lizzie eint viel mehr, als sie sich eingestehen wollen. Beide sind so traumatisiert, dass sie beim leisesten Geräusch zusammenzucken und eine Hausapotheke von Pillen mit sich herumschleppen. Und beide wappnen sich gegen die Absurditäten des Nahen Ostens mit denselben Waffen: mit unerschütterlichem Humor und der irrationalen Hoffnung auf Frieden. Das führt Lizzie und Nadim auch immer wieder zueinander, wenn sie gerade dabei sind, sich aneinander abzuarbeiten und sich dabei an ihren Vorurteilen festkrallen in der Hoffnung auf Gewissheit in einer ungewissen Welt. Sie sind Insassen derselben psychiatrischen Anstalt, wenn sie auch in verschiedenen Abteilungen hausen.

Mit "Who the fuck is Kafka" skizziert Lizzie Doron nicht nur eine Freundschaft, die immer wieder erkämpft werden muss - gegen radikale Palästinenser und jüdische Siedler, genauso wie gegen die eigenen Vorurteile und Verletzungen. Vielmehr zeichnet sie auch das Porträt eines seit Jahrzehnten zerrissenen Landes, in dem es nur Opfer gibt. Dabei ist kein klassischer Roman entstanden, sondern tagebuchähnliche Aufzeichnungen ihrer Begegnungen mit Nadim wie ihrer eigenen Zweifel und Ängste, die sie immer wieder heimsuchen - verfasst in einer messerscharfen Sprache, mit bitterbösem Humor und dem sezierenden Blick des Psychiaters.

"Nadim ist ein fiktiver Held", schreibt Doron in ihrem Vorwort. Er stehe für viele ihrer palästinensischen Freunde, die sie nicht zu genau beschreiben darf, damit die palästinensischen Radikalen sich nicht an den vermeintlichen Kollaborateuren rächen. Doch ob Fiktion oder Realität - welche Rolle spielt das schon? Die unmögliche Freundschaft der beiden ist nicht fiktiv, genauso wenig wie die Hoffnung, die sie gebiert.

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Quelle: n-tv.de

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