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Meer, Müll, Mafia Italien hüllt sich in Geheimnisse

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Es ist eine der kleinen italienischen Freiheiten, seinen Müll auf die Straße zu kippen. Bei den Müll-Skandalen in Neapel aber hat die Camorra die Hände im Spiel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Er überrascht nicht mit politischer Weitsicht, sondern mit Bunga-Bunga-Orgien. Trotzdem geben die Italiener Berlusconi jahrelang ihre Stimme. Italien hat noch mehr Rätsel zu bieten: 10.000 Mumien, 3500 Camorra-Morde und jede Menge tiefer Gräben.

Italien steckt voller Widersprüche. Von außen betrachtet ist es ein Sehnsuchtsort mit Meer, Sonne und Wein, geprägt von Kunst und unvergänglicher Architektur. Doch zugleich ist es das Land der Mafia, in dem Politiker vom Schlage eines Silvio Berlusconis Jahre dauernde Grotesken auf der politischen Bühne aufführen.

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Das Buch ist bei C.H. Beck erschienen, hat 272 Seiten und kostet 19,95 Euro.

Was macht Italien wirklich aus? Der Journalist und Autor Corrado Augias nimmt den Leser in seinem Buch "Die Geheimnisse Italiens. Roman einer Nation" mit auf eine Entdeckungsreise durch die Jahrhunderte und macht Station in verschiedenen Städten von Palermo über Parma bis Venedig. Dabei mischt er reale Begebenheiten mit biografischen Erinnerungen, greift auf Figuren der Literatur zurück, zitiert Stendhal und Goethe und lässt Fresken von Giotto sprechen.

Und Italien lässt sich wahrlich nicht lumpen. Augias beleuchtet den teils extrovertierten Katholizismus, den die Italiener leben und der sich seit dem Mittelalter ausprägte, als die Päpste um weltliche Macht buhlten, anstatt sich um die Gläubigen zu kümmern. Manchmal nimmt der religiöse Kult auch skurrile Züge an: In Palermo lagert die mit 10.000 Leichen größte Mumiensammlung Europas. Außerdem erklärt Augias, was ein verwirrter, zitternder Mussolini damit zu tun hat, dass in Italien niemals Tragödien geschrieben wurden, und wie 1947 die Neuerfindung des Theaters mit einem Fußtritt begann.

Anmutig und brutal

Neben all den Anekdoten wird aber vor allem eins deutlich: Italien ist durchzogen von Gräben. Sie verlaufen zwischen Kirche und Staat, Arm und Reich, Anmut und Brutalität. Eine der Städte, deren Gegensätze beispielhaft für ganz Italien stehen, ist Neapel. Im 18. Jahrhundert war es eine der wichtigsten Kulturstätten und ist auch heute noch von betörender Schönheit. Aber der Schrecken ist allgegenwärtig: Immer wieder erschüttern Müll-Skandale die Stadt. Innerhalb von 25 Jahren ermordete die Camorra, die neapolitanische Mafia, 3500 Menschen.

Einer der tiefsten Gräben trennt Nord und Süd. Das konnte auch die italienische Einheit im Jahr 1861 nicht ändern. Der Start des Landes in die Moderne war mehr als rumplig: Für die Bewohner des Südens glich die Einigung einer Invasion, sie fühlten sich von den Norditalienern überrannt. Bis heute misstrauen sie dem Staat und vertrauen auf die Macht der Familie - ein idealer Nährboden für organisierte Kriminalität und Korruption, die sich über das ganze Land ausbreiten.

Aber auch der Norden, das ist Augias wichtig, hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Zwar prägte sich in prosperierenden Städten wie Mailand ein starker Gemeinschaftssinn aus. Der aber entwickelte nie die Kraft, um das ökonomische und soziale Ungleichgewicht zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden aufzulösen.

Italiener zelebrieren kleine Freiheiten

Eins treibt den gebürtigen Römer Augias besonders um: Das Rot der Ampel wird als Option begriffen, Müll landet auf der Straße und Häuser sprießen überall aus dem Boden, erschlossenes Bauland hin oder her - jeder nimmt sich seine kleinen persönlichen Freiheiten. Die großen bürgerlichen Freiheiten aber, "die den Individuen die Ausübung ihrer Rechte garantieren", werden bis heute "missachtet und sogar mit Füßen getreten".

Wieso das so ist, erklärt Augias nicht. Auch bei anderen Fragen gesteht er, die Antwort nicht zu kennen. Warum beispielsweise verebbte die Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg genauso rasant, wie sie begonnen hatte? Können die Kommunikationsprobleme innerhalb des Landes tatsächlich mit der "prekären Geografie" - zu lang, zu schmal - erklärt werden?

Geheimnisse kann Augias seinem Heimatland und dessen Bewohnern nicht entlocken, den großen Bogen zum aktuellen Zustand Italiens schlägt er nicht. Aber er entwirft ein schillerndes, scharfsinniges und sehr lesenswertes Mosaik von einem Land, das einst Künste und Wissenschaft revolutionierte, den Impuls für die Neugeburt ganz Europas gab und heute der EU wirtschaftlich Kopfzerbrechen bereitet.

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Quelle: ntv.de