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Sammeln, nass werden, Spuren lesen Kinder müssen in die Natur

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Kinder gehören in die Natur.

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Die Geburt von kleinen Kätzchen miterleben. In einer Sommernacht draußen schlafen und ergriffen in die unendliche Weite eines Sternenhimmels blicken. Verschiedene Käfer oder Gräser beim Namen kennen. Die Generation, die gerade heranwächst, könnte die erste sein, die all das nicht mehr erlebt und der damit etwas fehlt, dessen Tragweite wir gerade erst zu erfassen beginnen.

Der US-amerikanische Journalist und Umweltaktivist Richard Louv entwickelt in seinem Buch "Das letzte Kind im Wald" eine Idee davon, was das Fehlen der Natur beim Aufwachsen der Kinder bewirken könnte. Er hat dafür den Begriff der "Naturdefizit-Störung" erfunden. Dabei geht es um weit mehr als den Verlust schöner Erinnerungen an einen Ausflug.

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Es darf auch ein Kletterwald sein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Louv weist nach, dass Kinder, die im Kontakt mit der Natur sind, nicht nur ausgeglichener, sondern auch klüger und kreativer sind. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch, dass Kinder, die diese Berührungen nicht mehr haben, ungesünder aufwachsen, eher hyperaktiv, aggressiv oder übergewichtig sind.

Natur macht sanft

Louv belegt diese Thesen mit aktuellen Studien, unter anderem aus Deutschland. So weisen Untersuchungen nach, dass Kinder, die auf nichtbetonierten Schulhöfen oder Spielplätzen spielten, kreativere Spiele entwickelten, in die mehr Kinder einbezogen wurden. Dabei ging es friedlicher zu, als in einem naturfernen Umfeld. Einige Forscher gehen inzwischen sogar so weit, die besonderen Fähigkeiten, die bei der Naturbeobachtung geschult werden, als eine besondere Form von Intelligenz zu sehen. Das hieße dann Abschied zu nehmen von einem Intelligenzbegriff, der sich bisher ausschließlich an sprachlichen bzw. logisch-mathematischen Fähigkeiten orientiert.   

An der Entfremdung der Kinder von der Natur sind viele Faktoren beteiligt, in den hoch entwickelten Industriestaaten hat die Wildnis kaum noch Platz. Aber selbst wenn sie noch rudimentär vorhanden ist, scheuen wir sie. Eltern sind ängstlich, wenn ihre Kinder auf Bäume klettern. Sie kontrollieren ihre Kinder überbesorgt so sehr, dass denen die Freiheit zum Spielen abhanden kommt. Sie fahren sie überall mit dem Familienauto hin. Oder Kinder lernen alles über den Amazonas und die Bedrohung des Regenwaldes, kennen aber den Park um die Ecke oder den Bach in der Nähe des Hauses nicht mehr.

Niemals langweilig

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"Das letzte Kind im Wald?" ist bei Beltz erschienen und kostet 19,95 Euro

Dabei ist die Natur ein unglaublich geduldiger Lehrer. Sie vermittelt Geborgenheit und lehrt Respekt, sie senkt den Blutdruck und regt die Sinne an. Sie ist niemals langweilig, sondern voller zu entdeckender Spiele und Räume, sie fördert das Selbstbewusstsein und gibt emotionale Stabilität. Dann kann die Natur sogar ein Heiler sein, Louv macht dies am Beispiel von ADHS-Kindern deutlich. Dazu bedarf es keiner weiten Savannen oder Urwälder, es reichen auch Parks und Gärten oder ein eigenes Aquarium.

Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer, das Louv für die Wiederbegegnung mit der Natur hält. Er lässt Menschen mit ihren Erinnerungen zu Wort kommen, als sie angeln waren oder einen Sonnenaufgang in Farben zu fassen suchten, als sie sahen, wie ein Fischreiher sich in die Lüfte erhob. Und er bietet jede Menge Ideen, was jeder tun kann, um Kindern die Natur wieder nahezubringen.

Wohnsiedlungen können natürliche Pfade und Wasserwegen enthalten, Kinder können Baumhäuser bauen oder Gemüse pflanzen. Dann kommt auch der Zauber zurück, der Menschen beispielsweise dazu bringt, Listen von unhörbaren Geräuschen anzulegen. Auf ihr könnte stehen: das Fallen von Schnee, das Trocknen von Tau auf Gras oder die Färbung eines Blattes im Herbst.

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Quelle: n-tv.de

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