Essen und Trinken

Für kleine und große Gemüsehasser Das Naserümpfen hat ein Ende

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Klein, aber oho: Essbares Kohlröschen aus Großbritannien.

(Foto: Driesner)

Manchmal halten auch die langweiligsten deutschen Gemüsetheken eine internationale Überraschung bereit. "Flower Sprout" ist in jeder Hinsicht rekordverdächtig: einfach waschen und ab in die Pfanne!

Als wenn Gulliver im Lande Liliput Kohlköpfe kauft - so kam ich mir bei meiner ersten und überraschenden Begegnung mit Flower Sprout vor: So ein "Kohlkopf" hat nämlich auf zwei Fingerspitzen Platz und ist fast besser vorstellbar im Kaufmannsladen von Klein-Emma als in Mamas Kochtopf. Flower Sprout, übersetzt etwa Blumenspross, ist eine britische Kreuzung aus Grün- und Rosenkohl und völlig neu auf dem Markt. Das neue Trendgemüse ist klein wie Rosenkohl, sieht aber eher wie Grünkohl aus: mit gekräuselten, nur am Mini-Stamm angewachsenen grünen Blättern, die lila Rippen haben. Es vereint das Beste aus beiden Ursprungs-Gemüsesorten, schmeckt viel besser und punktet mit noch mehr Vitaminen. Dazu kommt, dass bei Flower Sprout die nervige Putzerei völlig wegfällt, der kleine grüne Kohl mit den lila Streifen eine Augenweide ist und mächtig viel her macht auf dem Teller!

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Nicht essbar, sondern streng geschützt: das schwarze Kohlröschen (Nigritella nigra).

(Foto: imago/McPHOTO/Rolf Mueller)

Der deutsche Handelsname "Kohlröschen" sagt eigentlich schon etwas über die zwei Komponenten des Gemüses aus, ist aber dennoch ein bisschen unglücklich, denn Kohlröschen gibt es schon sehr lange: Jene Kohlröschen (Nigritella) sind allerdings Alpenblumen, riechen nach Vanille und Schokolade, gehören zu den Orchideen und stehen unter strengem Naturschutz - und haben vor allem mit dem Gemüsekohl (Brassica oleracea) nicht das Geringste zu tun.

Das Gemüse-Kohlröschen ist wie geschaffen für die kreative, moderne Küche. Man kann es kochen, dünsten, braten und in der Mikrowelle zubereiten (nicht im Verkaufsbeutel) und natürlich quietsch-grüne Smoothies daraus mixen; die Verwendungsmöglichkeiten sind nahezu unendlich. Das Gemüse ist in etwa 5 Minuten gegart, zart im Biss und nicht krautig, aromatisch und geschmacksintensiv, aber ohne den mitunter bitteren Geschmack von Rosenkohl, sondern leicht süss-nussig. Dieses Aroma und ihre "Niedlichkeit" prädestinieren Kohlröschen geradezu für den Einsatz auf den Tellern aller kleinen und großen Gemüsehasser. Der milde Geschmack sollte auch den hartnäckigsten Rosenkohlgegner überzeugen; vor allem Kindern dürfte die natürliche Süße gefallen - und vor allem die Spielzeug-Größe. Probieren Sie’s aus, das Überraschungsmoment ist auf Ihrer Seite!

Ein nicht transgenes Gemüse

Flower Sprout ist das Ergebnis von 15 Jahren Engagement und intensiver Züchtungsarbeit des britischen Gemüsesaatguthauses Tozer Seeds. Es ist durch traditionelle Kreuzung und ohne gentechnische Verfahren entwickelt worden. Wie Tozer Seeds mitteilte, erfolgte die Hybridzüchtung in natürlicher Progression, da sowohl Rosenkohl als auch Grünkohl zu derselben formenreichen Pflanzenart Brassica Oleracea gehören wie auch Weißkohl, Blumenkohl und Brokkoli. Entstanden ist eine sogenannte GVO-freie Gemüsesorte, das heißt frei von gentechnisch veränderten Organismen.

Ziel der britischen Pflanzenzüchter war es, Rosenkohl - auch Brüsseler Kohl oder Brüsseler Sprossen genannt - mit einem feineren Aroma und einem hübschen Aussehen zu kreieren. Das ist ihnen ganz und gar gelungen! Das Resultat ist ein völlig neues Gemüse. Die Wuchsform ähnelt zunächst einmal der des Rosenkohls, nur sind die kleinen Knospen nicht fest geschlossen, sondern offen. Die kräftig grünen Blättchen sind am Rand ausgefranst und erinnern ihrerseits an Grünkohl.

Flower Sprout ist ein Saisongemüse für Herbst und Winter. Da es im Sommer nicht angebaut werden kann, steht es von November bis März zum Verkauf bereit. Auf den britischen Markt wurden die Kohlröschen 2010 gebracht und soll(t)en ab 2015 auch in etlichen anderen europäischen Ländern erhältlich sein, darunter Deutschland, Norwegen, Schweden, Schweiz und die Niederlande. In den USA werden die Kohlröschen unter dem Namen Kalettes gehandelt. Hierzulande erfolgt die Vermarktung exklusiv über die Fruvital Fruchthandelsgesellschaft mit Sitz in Willich (NRW). Welche Supermarktketten die Kohlröschen listen, ist mir leider nicht bekannt, das liegt oft auch in der Hand der einzelnen Marktleiter. Die Markteinführung sollte jedenfalls in der 2. Novemberhälfte sein. 2014 war das britische Gemüse auf der Fruit Logistica, der internationalen Leitmesse des Fruchthandels, offiziell als Neuheit unter dem Namen "Rosen-Grünkohl" vorgestellt worden. Ein Jahr zuvor hatte Flower Sprout bei diesem führenden Branchentreffen, das alljährlich im Februar in Berlin stattfindet, bereits den 3. Platz beim Innovation Award belegt.

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In den kleinen Beuteln befinden sich 200 Gramm Kohlröschen.

(Foto: Driesner)

Sollten Sie irgendwo in deutschen Landen durchsichtig-violette 200 Gramm-Beutel mit bislang unbekannten, winzig kleinen, gekräuselten Kohlköpfen entdecken - beherzt zugreifen, denn es könnte das erste und letzte Mal sein! Mir ist es jedenfalls in Berlin so ergangen; es blieb bisher ein Einmalkauf. Ich entdeckte zwei offenbar übrig gebliebene Beutel des "Exoten" neben einigen Beuteln mit Zuckerschoten und unweit der Kartoffeln in einer Kaiser's-Filiale. Bei Nachfragen auch in Filialen anderer großer Supermarktketten bzw. Gourmet-Abteilungen waren die geschulten Fachkräfte offensichtlich völlig überfordert. Möglicherweise ist diese lieblose und "rasante" Markteinführung nur ein hauptstädtisches Phänomen, denn obwohl man dem Berliner nachsagt, er sei ein helles (für Nicht-Berliner: kluges) Köpfchen, klappt's mit den grünen Köpfchen offenbar so wie mit dem großen Flughafen: Nämlich nicht.

Unkomplizierte Vitaminbombe

Die Abpackungen sind bestens für den Single-Haushalt geeignet. Ich habe von den 200 Gramm in der Tüte nur die Hälfte zubereitet, die andere Hälfte probehalber tiefgefroren; das geht sehr gut. Die Vorbereitungen für die Zubereitung sind denkbar einfach: Lediglich unter dem Wasserhahn abbrausen; Abfall entsteht keiner. Falls die Tüten bereits eine Weile im Supermarkt herumliegen, weil weder Verkäufer noch Käufer etwas damit anzufangen wissen (Werbung für die Kohlröschen habe ich noch keine gesehen), empfiehlt es sich, vom Strunk ein dünnes Scheibchen abschneiden. Das ist aber auch schon alles. Ein erstes "Kennenlern-Rezept" liefert die Verpackung mit: "Leicht gedünstete Kohlröschen". Kurz blanchiert eignen sich die Röschen auch als Zutat in einem lauwarmen Wintersalat. Auch ganz wichtig: Egal, wie man die offenen Knospen zubereitet - sie bleiben immer knackig. Vom kleinen Stamm abgelöst soll man die kleinen Blätter auch unblanchiert in Rohkostsalaten essen können; das habe ich aber noch nicht ausprobiert, weil es ja am Nachschub mangelt. Die übriggebliebenen Strünke sollte man aber auf alle Fälle nicht wegwerfen, sondern weiterverwenden, zum Beispiel in einem Gemüseeintopf.

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Kohlröschen sind unkompliziert, lecker und gesund - leider in deutschen Läden noch recht unbekannt.

(Foto: Driesner)

Was hat die neuartige Kohlsorte noch zu bieten? Eine ganze Menge an gesunden Stoffen nämlich. Wie alle Kohlsorten ist Flower Sprout kalorienarm, zugleich ein guter Ballaststoff-Lieferant und eine wahre Vitaminbombe. In ihm stecken besonders viel Vitamin E, B6 und C - im Vergleich zu herkömmlichem Rosenkohl laut Herstellerangaben sogar jeweils die doppelte Menge. Vitamin E ist ein Zellschutzvitamin, schützt die Körperzellen zum Beispiel vor freien Radikalen und ist gut für den Fettstoffwechel. Der empfohlene Tagesbedarf beträgt etwa 12 mg; 100g frischer Rosenkohl liefert 0,6 mg, das sind knapp 5 Prozent der Tagesdosis. Bei Grünkohl sind es etwa 14 Prozent der Tagesmenge. 50 g Haselnüsse oder Mandelkerne decken übrigens den Vitamin E-Tagesbedarf. Vitamin B6 regelt zentrale Abläufe im Stoffwechsel, schützt Nervenverbindungen, unterstützt das Immunsystem, beeinflusst die Geschlechtshormone und ist gut für die Bildung des roten Blutfarbstoffes. Der empfohlene Tagesbedarf beträgt durchschnittlich 1,2 mg. In 100 g Rosenkohl stecken etwa 0,3 mg davon, das macht 25 Prozent der Tagesdosis; Grünkohl liefert reichlich 12 Prozent der Tagesmenge. Vitamin C ist vor allem als Radikalenfänger und Antioxidans bekannt, was wichtig ist für das Immunsystem. Wir brauchen Vitamin C zudem für das Bindegewebe, Botenstoffe und Hormone, am besten täglich in der Dosis von 100 mg. Allein in 100 g Rosenkohl steckt bereits die ganze empfohlene Tagesmenge, ebenso in Grünkohl.

Und nun nehmen Sie das mit Flower Sprout alles doppelt, peppen Sie das Gemüse noch mit Haselnüssen, Mandel- oder Pinienkernen auf - und Sie trotzen allem und jedem: schlechtgelaunten Chefs und miesem Wetter gleichermaßen. Flower Sprout verträgt sich mit frischen Kräutern und Knoblauch, einer Prise Muskat und Nüssen und ist eine perfekte Beilage auch für ein Festessen. Die ersten Kohlröschen meines Lebens, und ich hoffe immer noch, dass es nicht die letzten waren, krönten ein klassisches Kotelett eines glücklich aufgewachsenen Schwäbisch-Hällischen Schweins:

Kohlröschen mit Haselnüssen

Zutaten (2 Pers):

200 g Kohlröschen (Flower Sprout)
30 g Butter
50 g Haselnuss-Blättchen
1 Prise Muskat
Salz

Zubereitung:

Die Kohlröschen gegebenenfalls am Stielende etwas abschneiden; abbrausen. Die Haselnüsse (es eignen sich auch Mandelstifte oder Pinienkerne) in einer Stielpfanne ohne Fettzugabe leicht bräunen. Vorsicht: werden schnell zu dunkel.

In einem Topf Wasser zum Kochen bringen (nicht zu viel, es genügt, wenn das Gemüse knapp bedeckt ist), salzen und die Röschen zugeben. Hitze reduzieren und alles für etwa 5 Minuten schwach sieden lassen. Das gare Gemüse gut abtropfen lassen und mit einer Prise Muskat (geht auch ohne, wer's nicht mag) würzen, auf eine Platte geben und die Haselnüsse darüberstreuen. Die Butter leicht bräunen und auf dem Gemüse verteilen.

Hier gibt es noch mehr Rezepte.

Viel Erfolg bei der Suche nach Flower Sprout/Kohlröschen wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de