Kino

Milch macht müde Männer munter? "Das System Milch" erklärt die Verklärung

Wenn man immer schön Milch trinkt, wird man groß und stark. Das lernen wir bereits als Kinder. Milch ist gesund und in Maßen ist das zweifellos richtig. Aber ist das System hinter der Milchproduktion auch gesund? Ein Film, der aufklärt.

Die Geschichte von den Menschen und der Milch beginnt vor 8000 Jahren - so fängt der Dokumentarfilm "Das System Milch" an. Und fortan schwankt der Film zwischen einem Idyll auf der Alm, wo die Kuh noch Kuh und der Bauer noch Bauer sein darf, und einer Massenproduktion, in der es um Profit, Weltmärkte und Neuerungen geht, dass einem der Appetit auf ein schönes Glas Milch gehörig vergehen kann. Seit wir denken können, trinken wir Milch und meinen, sie komme von glücklichen Kühen auf grünen Wiesen. Denn so verheißt es uns die Milchpackung. Und wenn dann auch noch "Bio" darauf prangt, dann ist unser Gewissen so rein wie die feinste Alpenmilch. Hoffentlich haben wir mehr als 69 Cent für den Liter ausgegeben - denn sonst wird das mit dem guten Gewissen sowieso eng. Aber auch der Liter für 1,29 Euro hält nicht immer, was er verspricht und suggeriert.

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Andreas Pichler

Milch ist heute Big Business und ein gefragter Rohstoff, mit dem knallhart gehandelt wird. Allein in Europa werden jährlich 200 Millionen Tonnen Milch und Milchpulver produziert und weltweit verkauft. Doch wie wurden die Kühe zu Lieferanten für eine hochtechnisierte Milch-Industrie? Welche Alternativen gibt es? Welche Menschen stehen dahinter? Welche Auswirkungen hat die Milch auf unsere Gesundheit? Dieser Film wirft einen Blick hinter die Kulissen und lässt die Akteure zu Wort kommen. Dabei fuchtelt Grimme-Preisträger Andreas Pichler weder mit dem Zeigefinger in der Luft herum noch verdirbt er uns vollends den Geschmack, er macht nur nachdenklich.

"Das System Milch" nimmt uns mit auf eine spannende Reise durch Europa, nach Amerika, Asien und Afrika. Wir treffen Landwirte, Industrielle, Wissenschaftler und anderen Experten, um der Frage auf die Spur zu kommen, welche weitreichenden Folgen das große Geschäft mit der Milch hat - auf die Tiere, auf die Umwelt und auf uns Menschen selbst.

Milch - das weiße Gold

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Die Idylle täuscht.

Milch wurde und wird getrunken, um über magere Zeiten zu kommen, so viel steht fest. Dass die Milch aber auch ein Lifestyle-Produkt ist, ist eher neu. Es gibt Pulver für Babys, für Sportler, für Alte, Gebrechliche, das ergibt alles Sinn. Milchpulver wird in Länder exportiert, die eine kontinuierliche Kühlung nicht garantieren können. Milch wird auch in kleinen Portionierungen in die dritte Welt exportiert, damit sich jeder etwas Milch leisten kann.

Geht man hierzulande oder in ähnlich strukturierten Ländern durch die Reihen der Kühlregale, wird man von den Produkten, die aus Milch hergestellt werden, jedoch förmlich erschlagen. Und da rechnet man den Käse noch nicht einmal mit. Die Milchprodukte werben damit, schön zu machen und schlank zu halten, die Darmaktivität in Gang zu bekommen und die Haut elastisch zu belassen. Geradezu ein Mysterium, diese Milch.

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Kühe mit der Hand melken ist eine Seltenheit geworden.

Wir halten Kühe einfach für selbstverständlich - aber fragen wir uns auch wirklich, wie diese Massen von Milch aus ein paar Kühen herauskommen können? In den letzten Jahrzehnten hat es eine radikale Veränderung des Milchmarktes gegeben - und wie alle Beteiligten, angefangen beim Bio-Bauern über den Landwirt und die Molkereien bis zur Industrie, damit klarkommen, zeigt dieser Film hervorragend.

The land of milk and honey?

"Unsere Existenz hängt davon ab, dass wir die Milch so gut und so günstig wie möglich produzieren, und dennoch werden wir mit dem Preis gedrückt, deswegen müssen wir immer mehr durchjagen", sagt zum Beispiel einer der Chef der milchverarbeitenden Arla-Foods. Während die Milchbauern ihre ganze Milch an eine Molkerei abgeben, um erst danach zu erfahren, was sie aktuell für einen Liter bekommen, haben sie dennoch keinen Einfluss. "Man schafft nur noch für die Konzerne, die Industrie. Der Bauer selbst,  der Familienbetrieb, bleibt auf der Strecke." So das frustrierte Resümee einer Milchbauernfamile. Wie soll das auch gehen, wenn der Bauer 27 Cent Grundpreis pro Liter bekommt? Um kostendeckend zu produzieren, braucht er mindestens 40 Cent.

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Wie in einer Fabrik ...

Wie kann dieses System richtig sein? Und dann sind da ja noch die Chinesen! Die sind erst vor Kurzem auf den Geschmack gekommen - was für ein Markt! Das Milch-Business in China ist wie Disneyland, ist wie ein Wundermittel - Chinesen glauben anscheinend tatsächlich, dass Milch nicht nur starke Knochen macht, sondern auch wirklich groß, im Sinne von lang.

Die Frage ist - gibt es Alternativen? Die Tiere werden zweckoptimiert und sind dennoch das sensibelste Glied in der Kette, das kann ja nicht ewig so vorangetrieben werden. Der Film versucht Antworten zu finden, auch Antworten darauf, ob es denn sein kann in unserer Gesellschaft, dass männliche Kälber quasi Abfallprodukte sind. Dass Kühe wie Athleten behandelt werden. Dass es Kataloge mit Rinder-Embryonen gibt. Dass eine Kuh keine Kuh mehr ist, sondern eine Art Kraftwerk.

Und haben Sie sich mal klargemacht, dass Sie Milch trinken, weil eine Kuh quasi ständig schwanger sein muss, um Milch zu produzieren? Dass dem Gras Getreide und Soja zur Fütterung beigemischt werden, dass die Gülle die Umwelt zerstört, aber gleichzeitig ein neues Geschäftsmodell bietet? Dass Milchbauern eine überproportional hohe Selbstmordrate zu verzeichnen haben?

Nein? Dann sehen Sie sich diesen Film an, der Sie nicht desillusionieren will, der Ihnen aber die Augen öffnen wird. Etwas leichter wird das Ganze gemacht, weil der Film auch durch viele versöhnliche Bilder besticht und mit einer Filmmusik (Gary Marlowe) untermalt ist, die es einem leicht macht, dem anstrengenden, aber wichtigen Thema zu folgen.

Das System Milch startet am 21. September in ausgewählten, deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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