Kino

"Birdman" mit Michael Keaton Der bitterböse Blick des Insiders

Michael Keaton brilliert bei "Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit" als verbitterter Ex-Hollywoodstar, dem man fasziniert folgt, wie er am Broadway sein Comeback versucht und einen Alptraum nach dem nächsten erlebt.

Riggan Thomson (Michael Keaton) hat schon mal bessere Zeiten erlebt. Vor 20 Jahren war er eine große Nummer im Filmgeschäft. Damals war er der Birdman, ein Comic-Held, der die Massen ins Kino brachte. Nun haben ihn die Massen verlassen und Birdman existiert nur noch in seinem Kopf und martert ihn.

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Fly, Riggan, fly: Michael Keaton als Riggan Thomson in "Birdman".

(Foto: Foto: 20th Century Fox/dpa)

Aber er will es noch einmal allen zeigen und beweisen, dass er ein Künstler ist. Jawohl! Und wie macht man das? Mit einem selbst inszenierten Stück des Carver-Dramas "What We Talk About When We Talk About Love" am Broadway. Sein bester Freund Jake (hier überraschend zurückgenommen: Zach Galifianakis) produziert es, Thomson spielt die Hauptrolle, seine Kummer gewöhnte Freundin Laura (Andrea Riseborough) macht auch mit, ebenso Lesley (Naomi Watts), die ihr Debüt am Broadway gibt. Die Familie wird auch eingespannt: Thomsons drogenabhängige Tochter Sam (Emma Stone) agiert lustlos als Produktionsassistentin. Und dann ist da noch Kollege Mike (Edward Norton), der Thomson auf und hinter der Bühne das Wasser abgraben will. Die Wiederbelebung von Thomsons Karriere wird immer mehr zum Alptraum, die ihren Höhepunkt in einer denkwürdigen Szene am New Yorker Times Square findet.

Regisseur Alejandro González Iñárritu inszeniert diese Schauspieler-Nabelschau sehr kühl und mit wirkungsvollen Effekten. Sein Thomson entflieht der Wirklichkeit immer wieder mit beeindruckenden Traumsequenzen. Die Kameraführung bleibt eng an den Agierenden und entwickelt eine Technik, die die Illusion von langen Einstellungen gibt. Damit wirken die engen Gänge des Theaters noch klaustrophobischer und der Soundtrack von Jazz-Schlagzeuger Antonio Sanchez gibt dem turbulenten Geschehen seinen hypnotischen Takt vor, dem man sich nur schwer entziehen kann. Man riecht geradezu den Angstschweiß der Theaterleute.

Aufgefressen von der eigenen Bitterkeit

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Verletzlich: Emma Stone spielt die drogensüchtige Tochter Sam.

(Foto: dpa)

Allen voran den von Riggan Thomson. Michael Keaton spielt ihn als jemanden, der von seiner eigenen Bitterkeit aufgefressen wird. Dieser ehemalige Hollywoodstar beharrt darauf, endlich als Künstler ernst genommen zu werden, in Wirklichkeit sehnt er sich nach dem früheren Promi-Rummel zurück, dem Blitzlichtgewitter, den Zeiten, als es ein Nein für ihn nicht gab. Nur selten gewährt sich Thomson einen Einblick in sein wahres Ich und wenn er das macht, leidet man mit.

Und das ist das große Plus von "Birdman" - seine Schauspieler. Denn die Art, wie Iñárritu inszeniert, kommt manchmal allzu clever und abgehoben daher. Dass der Film seine Zuschauer bei der Stange hält, verdankt er den Akteuren vor der Kamera. Galifianakis kann auch leise, das beweist er hier. Emma Stone ist eine Offenbarung, wie sie bei ihrer in alle Richtungen beißende Sam immer wieder Verletzlichkeit durchschimmern lässt. Auch Edward Norton, dem hier so etwas wie die Bösewicht-Rolle zukommt, lässt unter seinem arroganten Gehabe immer wieder die eigene Unsicherheit hervorblitzen.

Aber die Krone gebührt Michael Keaton und man könnte leicht sagen, dass hier die Kunst das Leben imitiert. Der US-Amerikaner dominierte, wie seine Figur, vor 25 Jahren als Batman die Kinoleinwände. Danach gab es keine riesigen Rollen mehr, aber richtig abgehalftert wie sein Thomson in Film war Keaton nie. Trotzdem - weil es die Oscar-Saison ist und Hollywood solche Geschichten nun mal liebt - kommen Vergleiche auf. Mit "Birdman" meldet sich Michael Keaton eindrucksvoll auf der großen Hollywoodbühne zurück und ihm dürfte beim Oscar nur Eddie Redmayne gefährlich werden. Die Trophäe sei ihm gegönnt.

Quelle: n-tv.de

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