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Fast fertig: Goldener und noch nicht goldener Bär.
Fast fertig: Goldener und noch nicht goldener Bär.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 09. Februar 2012

Verliert die Berlinale an Glanz?: Kosslicks Kampf mit dem Kino

von Markus Lippold

Berlin im Februar ist nicht Cannes im Mai. Kein Wunder, dass die Berlinale um gute Filme kämpfen muss, die das Publikum liebt, die Kritiker bejubeln und Cineasten für anspruchsvoll halten. Und Stars müssen natürlich auch dabei sein. Kein leichter Job für Festivalchef Dieter Kosslick. Der Spagat auf dem größten Publikumsfestival der Welt wird immer schwieriger.

Die roten Teppiche liegen bereit. Die ersten Tickets sind verkauft. Die Schlangen werden länger. Die Berlinale beginnt. Mittendrin: Dieter Koslick, unermüdlicher Festivaldirektor mit Schal und Hut. Seit 2001 leitet er die Geschicke einer der größten deutschen Kulturveranstaltungen. Jüngst verlängerte er seinen Vertrag bis 2016. Unter seiner Ägide hat die Berlinale ordentlich zugelegt: Das Programm ist gewachsen, fast 400 Filme sind es in diesem Jahr. Die Besucherzahlen steigen ebenfalls, die Stadt rechnet mit 60.000 zusätzlichen Touristen. Die Berlinale wird zum Event.

Seit 2001 im Amt: Festivalchef Kosslick.
Seit 2001 im Amt: Festivalchef Kosslick.(Foto: AP)

Dafür sorgen auch die vielen - manche sagen: zu vielen - Reihen und Sonderprogramme unter dem Dach des Festivals. Neben dem Wettbewerb - 18 Filme konkurrieren in diesem Jahr um Goldenen und Silberne Bären - gibt es Panorama, Forum und Forum Expanded, es gibt den Kurzfilmwettbewerb, die Generation-Reihe für Kinder und Jugendliche, die Retrospektive, die Hommage. Hinzu kommen Berlinale Special, Perspektive Deutsches Kino, Berlinale Talent Campus, Kiez-Kino und Kulinarisches Kino, in dem Film und Gaumenfreuden kombiniert werden. Für das Publikum wünscht sich Dieter Kosslick vor allem eins: Die Berlinale solle Spaß und Freude machen, verriet er jüngst der "Zeit", und das mit höchst unterschiedlichen Filmen, "von der radikalen Autorenvision über den Politfilm und das amerikanische Starvehikel bis zum kasachischen Kurzfilm".

Zwischen Anspruch und Glamour

Es ist es großer Spagat, den Kosslick jedes Jahr schaffen muss, zwischen Anspruch und Glamour. Nicht immer gelingt er. Kritiker bemängeln, es fehle die Konzentration auf das Wesentliche: einen starken Wettbewerb. Denn nicht in jedem Jahr gibt es einen so überzeugenden Gewinner wie 2011. Asghar Farhadis "Nader und Simin" - Die Schuld der anderen - war eine der internationalen Entdeckungen des vergangenen Kinojahres, er gewann den Goldenen Bären und die Silbernen für das weibliche und männliche Schauspielerensemble. Ende Februar kann sich der Film sogar Hoffnung auf den Oscar als bester fremdsprachiger Film machen. Doch solche Glanzstücke sind selten, das weiß auch Kosslick.

Großer Pluspunkt: Die Nähe zum Publikum, das weiterhin in die Kinosäle der Berlinale strömt.
Großer Pluspunkt: Die Nähe zum Publikum, das weiterhin in die Kinosäle der Berlinale strömt.(Foto: REUTERS)

Selten sind auch die Auftritte der großen Filmemacher geworden. Martin Scorsese, Woody Allen und Co. kommen zwar regelmäßig nach Berlin und stellen neue Filme vor, im Wettbewerb laufen diese aber nicht. Vorbei die Zeit, als sich auf der Berlinale die Stars die Klinke in die Hand gaben und Filme liefen, die das Kinojahr mitbestimmten. Zwar war die Berlinale immer schon politischer, kritischer als Cannes und Venedig, doch der Kampf um einen Spitzenplatz unter den Filmfestivals wird immer schwieriger. Diese Entwicklung hat viele Ursachen. Da wäre etwa das Problem mit dem Oscar. Seit 2004 werden die Academy Awards einen Monat früher vergeben - Ende Februar. Die Bekanntgabe der Nominierungen fällt damit nicht mehr in die Zeit der Berlinale, sondern findet bereits im Januar statt. Dem Berliner Filmfestival geht damit zusätzliche Aufmerksamkeit verloren.

Zudem gehen die großen Studios heute viel strategischer vor, was die Platzierung ihrer Filme für die Oscars angeht. Die großen Favoriten starten in den USA meist erst gegen Ende des Jahres, zeitnah zur Preisverleihung. Kein Hollywood-Studio kommt noch auf die Idee, seine großen Produktionen auf der Berlinale im Februar der Weltöffentlichkeit zu präsentieren, ein Jahr vor der Verleihung der Academy Awards. Viel eher bieten sich das glamourösere (und wärmere) Cannes oder das Filmfestival in Toronto an. Letzteres hat in den letzten Jahren ungemein an Popularität und Relevanz gewonnen, Experten gilt es mittlerweile als wichtiges Oscar-Barometer. Da Toronto im September stattfindet, droht es ganz nebenbei auch dem nahezu gleichzeitig veranstalteten Filmfestival in Venedig den Rang abzulaufen.

Die Deutschland-Premiere wird zelebriert

Statussymbol: der rote Teppich.
Statussymbol: der rote Teppich.(Foto: dpa)

Doch die Oscar-Manie der US-Studios hat noch einen weiteren Nebeneffekt: Laufen die Filmpreiskandidaten im Herbst in den USA, kommen sie in Deutschland und anderen Ländern zum Jahresanfang in die Kinos. Kein Studio kann es sich in Zeiten der Internet-Piraterie noch erlauben, Filme monatelang zurückzuhalten. Von den neun Kandidaten für den Titel des besten Films bei der kommenden Oscar-Verleihung starteten beziehungsweise starten sechs zwischen dem 26. Januar und 16. Februar in Deutschland. Einer startete im Dezember 2011, zwei weitere sind Werke der Regie-Meister Terrence Malick und Woody Allen, die unabhängig von diesen Terminen produzieren können.

Die Kinostarts fallen damit geballt in die Zeit der Berlinale. Da die Filme dann für gewöhnlich in mehreren Ländern gleichzeitig anlaufen, können sie einerseits laut Regularien nicht mehr am Berlinale-Wettbewerb teilnehmen, andererseits entgeht dem Berliner Festival aber auch die internationale Premiere. Was bleibt, ist die deutsche Uraufführung, die dann gern als Gala mit den Stars zelebriert wird. So geschehen im letzten Jahr mit dem Eröffnungsfilm Jeff Bridges gibt den Maulhelden , der zwei Wochen später in die deutschen Kinos kam, oder mit dem Oscar-Abräumer Lang spreche der König , der nur einen Tag nach der Berlinale-Aufführung in den Kinos anlief. Und auch in diesem Jahr laufen Filme wie Thatchers Familie kommt nicht mit Meryl Streep (Meryl Streep erhält Ehrenbären ) oder "Extrem laut und unglaublich nah" mit Tom Hanks und Sandra Bullock nur wenige Tage vor dem Deutschland-Start auf der Berlinale. Das Filmfestival verliert damit seine Exklusivität.

Diese Argumentation soll natürlich nicht besagen, dass nur US-Produktionen eine qualitativ hochwertige Berlinale garantieren würden. Ganz im Gegenteil: Es sind oft kleine, internationale Filme, die auf Festivals für Überraschungen und Begeisterung sorgen. Doch die US-Stars ziehen nun mal die öffentliche Aufmerksamkeit an und machen Filmfestivals zu einem Ereignis, auch für Nicht-Fachleute. Davon lebt gerade das Publikumsfestival Berlinale.

Doch wenn US-Großproduktionen ausbleiben, liegt die Chance der Berlinale eher im unabhängigen und außereuropäischen Kino. Hier gilt es, sich neue Perspektiven zu eröffnen und neue Filmemacher zu entdecken. Auch wenn es diese Filme außerhalb der Festivals schwer haben werden. Wie wichtig Stars und Glamour gerade für das deutsche Kinopublikum sind, wie schwer es hierzulande kleine, internationale Filmperlen haben, zeigt der letztjährige Berlinale-Sieger, "Nader und Simin". Der Streifen lockte in Deutschland gerade mal 150.000 Menschen in die Kinos - in Frankreich waren es eine Million Besucher. Der Spagat, den Dieter Kosslick Jahr für Jahr vollführen muss, wird da nicht leichter.

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Quelle: n-tv.de