Unterhaltung
Schumann sucht den Super-Schumann.
Schumann sucht den Super-Schumann.(Foto: dpa)
Sonntag, 15. Oktober 2017

Gerührt oder geschüttelt?: "Schumanns Bargespräche"- nicht an der Bar

Von Sabine Oelmann

"Wo wollen wir noch hin?" "Ins Schumann's natürlich". Man sieht förmlich vor sich, wie die schöne Frau lächelt und ihren Begleiter in Richtung Bar dirigiert. Jetzt kann sie ihn auch ins Kino dirigieren für unterhaltsame zwei Stunden.

Eine Bar - ein Ort, an den man allein gehen kann. Zum Beispiel in "Schumann's Bar", denn der Charles ist da und der kümmert sich dann um einen. Nicht zu viel, aber so viel, dass man sich nicht mehr allein fühlt, obwohl man allein in die Bar gegangen ist. Der Mann hinter der Bar muss ein Gefühl für die Leute haben, für das, was sie haben wollen, für das, worüber sie reden wollen. Oder eben nicht reden wollen. Der Mann hinter dem "Schumann's" ist eine Institution - und Garant dafür, dass das, was einem da serviert wird, auch perfekt ist. Charles Schumann ist auch ein Lehrer, ein Autor: sein Buch "American Bar" ist längst weltweit ein Klassiker der Bar-Literatur. Außerdem ist er ein Model, eine ikonische Gestalt - farbiger Anzug, das graue Haar wellt sich im Nacken, keine Socken in den Schuhen. Ein Denker. "Ich kenne die Trends, aber sie interessieren mich nicht, das sagt mein Freund, der Designer Yoji Yamamoto." Und das nimmt man auch Schumann ab. Er erzählt von der Hackordnung an der Bar: "Vorne saßen früher die Galeristen, dann kamen die Journalisten. Das war einer der großartigsten Tische; erstaunlicherweise habe die meisten die letzten 20 Jahre überlebt."

Zwei Ikonen: der Mann und seine Bar.
Zwei Ikonen: der Mann und seine Bar.(Foto: dpa)

Schumann ist nun also ein Reisender in Sachen Bars. Gerade 75 Jahre alt geworden, könnte man meinen, er hätte alles gesehen und alles erreicht. Er, der Mann aus Niederbayern, der beim Grenzschutz anfing, eine Ausbildung im Auswärtigen Amt absolvierte, der in seiner Anfangszeit in Diskotheken und Bars in Südfrankreich arbeitete, bis er schließlich für ein Politikstudium nach München ging und 1982 die "Schumann's American Bar" eröffnete. Doch 75 scheint genau das richtige Alter zu sein, um weiterzumachen, der Neugier auf das Leben, den Menschen und ihren Geschichten weiter zu folgen. Das Schumann's ohne Schumann? Undenkbar. Er selbst sieht bereits, wie er noch im Rollstuhl, eventuell bereits ausgestopft, in seine Bar geschoben wird. Und das, obwohl er eigentlich gar keine Menschen mag (sagt er).

Dokumentarfilmerin Marieke Schroeder geht mit Schumann auf eine Reise, einen Streifzug durch einige der interessantesten Bars der Welt. Sie führt uns an Sehnsuchtsorte und öffnet dem Zuschauer, mit Charles Schumanns Hilfe, den Blick hinter die Kulissen - oder besser gesagt, hinter den Tresen. Wir landen im "Dead Rabbit" in New York, der "Hemingway Bar" in Paris, dem "El Floridita" in Havanna und der Bar "High Five", nicht größer als ein Schuhkarton, in Tokio. Und Schumann lässt sich die Geschichten der Barkeeper, der Barseelen, Macher und Chronisten erzählen. Er hört zu. Das kann er.

"Gehn's doch nach New York"

Wenn Mixen ein Religion ist, dann ist die Bar der Tempel.
Wenn Mixen ein Religion ist, dann ist die Bar der Tempel.(Foto: dpa)

Aber auch andere erzählen über ihn, Wegbegleiter, Kollegen, und so erfahren wir, wer dieser Charles Schumann wirklich ist: Schriftsteller Maxim Biller beispielsweise sagt, dass der Schumann die Leute liebt. Und erwähnt ganz en passant, dass er in den ersten Jahren in der Bar keine einzige müde Mark für einen Drink ausgeben hat. Daraus schließen wir: Der Schumann hat auch ein Faible, einen ganz großen, für den Herrn Biller gehabt. Hat ihn noch immer, anscheinend. Schumann liebt aber auch die Fußballer. Klar, in München.

Man beginnt während des Films zu ahnen, dass jede Bar ihr eigenes kleines Universum ist, jede ihr eigenes Schauspiel aufführt, das mit jedem neuen Tag auf neue Weise zum Leben erweckt wird. Die Besetzung ändert sich mit der Tageszeit und dem Wochentag, aber die Stammschauspieler garantieren das Stück. Und der Kenner weiß, welches Stück gespielt wird.

Und so ist "Schumanns Bargespräche" nicht nur eine Entdeckungsreise zu den Bars der Welt, sondern auch zu den Menschen, die sie mit Leben füllen. Eine Reise, die den Zuschauer durch Jahrzehnte der Stil- und Zeitgeschichte der Bars und ihrer Drinks führt - und bei der er auch den Menschen Charles Schumann ein bisschen besser kennenlernt. Aber nur ein bisschen - denn Schumann hält, wie in seiner Bar, auch gern ein bisschen Abstand.

Ich hör' dir zu.
Ich hör' dir zu.(Foto: dpa)

Schumann hat den Begriff, auch den Beruf des Barmanns, des Kellners, etabliert, er hat ihn zu etwas Besserem gemacht. Einer seiner Barleute sagt: "Gehn's doch nach Berlin, nach Düsseldorf, nach London, New York, und sagen's "Schumann" - das öffnet gleich die Tür." Natürlich, Charles Schumann ist eine Instanz. Er adelt, sein Handschlag zählt, und andere Barkeeper suchen seine Nähe. Sie wissen inzwischen, wie man den besten Drink macht: üben, üben, üben.

Das wissen sie vom Meister selbst und das wissen sie aus seinem Buch, das eine Art Bibel ist, aus dem inzwischen die Blätter fallen; aber gelernt haben die wirklich guten Barkeeper alle daraus. Denn es geht nicht nur um einen Drink, sondern um ein Gefühl: Mixen - das ist eine Kunst. Wie ein DJ, der ein Gespür für seine tanzende Meute haben muss. 

Wie eine Religion

Nähe schon, aber nicht zu viel.
Nähe schon, aber nicht zu viel.(Foto: dpa)

Ja, eine Bar hat eine soziale und kulturelle Verantwortung, man ist dort zu Hause, doch man kann gehen, wann man will. Schumann zeigt, uns, was wichtig ist im Bar-Leben, erzählt, welcher sein Lieblingsdrink ist und welcher der im "Schumann's". Wir erfahren, dass er einen Nachfolger sucht. Eventuell mit einer Casting-Show? "Deutschland sucht den Super-Schumann"? Ob der dann auch weiß, dass ein Drink nicht einfach ein Drink ist? Dass das viel mit Literatur, mit Soziologie, Philosophie, Psychologie, Empathie, Kultur, Geschichte und allem, was dazwischen ist, zu tun hat? Auch wenn eine Bar ein Mythos ist, eine eigene Welt; hier herrschen eigene Gesetze: Es muss eine Tür geben, einen Vorhang, schummriges Licht, eine Geisteshaltung, viel Toleranz.

Auf seinen Reisen zahlt sich übrigens aus, dass Herr Schumann ganz gut englisch und auch spanisch parliert, denn: "Eine Bar sollte international sein, und ein Barmann sollte mehrere Fremdsprachen können - nur so kann er auf sein Publikum eingehen und neue Gäste gewinnen." Das muss er können, und das Mixen, fast wie eine Religion: Ernsthaftigkeit gepaart mit der Lässigkeit, die es leicht aussehen lässt, blitzschnell zu den richtigen Zutaten zu greifen und sie im richtigen Verhältnis zu mischen. Und das in einer Art Choreografie, die die Muskeln spielen lässt. Und dann noch ein bisschen Bescheidenheit. Und fertig ist der Drink. 

Der ungewöhnliche Dokumentarfilm "Schumanns Bargespräche" läuft seit dem 12. Oktober in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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