Musik

"Ja, ich bin erwachsen" Amy Macdonald ist sauer auf den Boss

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Meldet sich mit dem Album "The Human Demands" zurück: Amy Macdonald.

(Foto: BMG / Warner Music)

Als sie mit "This Is The life" ihren Durchbruch feiert, ist Amy Macdonald ein Teenager. Jetzt ist sie aus dem Gröbsten raus, unter der Haube und mit "The Human Demands" bei ihrem fünften Album angelangt. Mit ntv.de spricht sie über ein Leben im Rampenlicht, die Ehe und eine offene Rechnung mit ihrem auch "Der Boss" genannten Idol Bruce Springsteen.

n-tv.de: Schön, dir hier zum Interview gegenüberzusitzen. Aber ein bisschen erstaunt es mich. In jüngster Zeit fanden alle Interviews eigentlich nur am Telefon oder online statt. Wie kommt es, dass du hier in Deutschland bist?

Amy Macdonald: Für mich war es auch so. Ich saß die ganze Zeit nur zu Hause. Aber wir dachten, es wäre doch mal gut, die Menschen von Angesicht zu Angesicht zu treffen. Das habe ich echt vermisst! Und es wurde allmählich auch echt langweilig, die ganze Zeit nur auf den Laptop zu starren. Glücklicherweise hat es geklappt, hierher zu kommen. Wir sind auch alle frisch getestet! Und negativ, versteht sich.

Wie seid ihr angereist - mit dem Flugzeug?

Ja. Ich bin tatsächlich einige Male geflogen in letzter Zeit. Ich lebe ja in Schottland, musste aber immer mal wieder nach London ins Studio. Das ist schon jedes Mal eine abgefahrene Situation - alle mit ihren Masken. Aber wenn man das einmal verdaut hat, ist es okay.

Wie hast du die viele Zeit zu Hause ansonsten verbracht? Ich habe zum Beispiel einen Clip gesehen, in dem du deinem Freund die Haare gefärbt hast.

Ich habe vermutlich nichts großartig anderes gemacht als alle anderen auch. Ich war gerade mittendrin in den Aufnahmen zu meinem Album, als der Lockdown verhängt wurde. Ich musste die Dinge ruhen lassen und konnte nichts dagegen tun, denn auch das Studio war geschlossen. Ich wollte auch keine Songs in dieser Situation schreiben. In zwei Jahren will sich doch niemand ein Album über die jetzige Zeit anhören! (lacht) Alle wollen das dann nur noch schnell vergessen. Deswegen habe ich viel gechillt, Netflix geguckt, Sport gemacht und versucht, so positiv wie möglich zu bleiben.

Viele Künstler haben die Veröffentlichung ihrer Alben wegen der Corona-Krise verschoben. Warum bringst du "The Human Demands" trotz allem heraus?

Manchmal lese ich die Nachrichten und weiß auch nicht, warum ich das mache. (lacht) Aber es stimmt: Viele haben ihre Projekte verschoben. Die Musik hat unter dem Lockdown sehr gelitten. Auch viele Radiostationen haben mir gesagt, sie hätten keine neue Musik, die sie spielen könnten. Nächstes Jahr wird es deshalb wahrscheinlich eine Vielzahl an neuen Alben geben. Da habe ich mir gedacht: "Komm, ich veröffentliche es doch jetzt."

Die Fans werden es dir danken.

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Mit der Veröffentlichung ihres Albums trotzt Macdonald der Corona-Krise.

(Foto: Roger Deckker / BMG / Warner Music)

Ja, die Menschen wollen sich auf etwas freuen können. Und in diesem Jahr gab es wenig, worauf sie sich freuen konnten. Musik kann Menschen eine Zuflucht geben und sie heilen. Viele Fans haben mir in den sozialen Netzwerken erklärt, wie glücklich sie über die Veröffentlichung des Albums wären. Auch deshalb habe ich gesagt: "Wir machen das jetzt."

Die Veröffentlichung des Albums wurde von einer Live-Show begleitet, die du im Netz gestreamt hast. Die Tickets dafür waren jedoch nicht umsonst. Die Einnahmen kommen einem Projekt namens "We Make Events" zugute. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine Benefiz-Organisation, die vor Kurzem ins Leben gerufen wurde. Viele Menschen machen sich nicht klar, wie viele Menschen an Live-Shows mitwirken. Das reicht von den Tontechnikern über die Lichtingenieure bis zu den Busfahrern. Sie wurden von der britischen Regierung alle vergessen. In Deutschland ist es vielleicht ähnlich. "We Make Events" ist dazu da, diese Menschen zu unterstützen. Und ich bin froh, so meinen Teil dazu beitragen zu können.

Die Corona-Pandemie überlagert derzeit natürlich alles. Aber es gibt auch noch andere Themen - den Brexit zum Beispiel. Du hast mal gesagt, du könntest dir sogar vorstellen auszuwandern, wenn er kommt. Aber du lebst immer noch in Schottland.

Ja, ich liebe es nun mal, in Schottland zu leben. Und ich hoffe, dass Schottland seinen eigenen Weg gehen und sich der EU wieder anschließen kann. Eine Mehrheit in Schottland möchte das jedenfalls. Die jetzige Situation macht die Absurdität des Brexits noch einmal richtig deutlich. Sie zeigt, dass wir zusammenarbeiten müssen und letztlich doch alle im selben Boot sitzen. Ich glaube nicht, dass es sehr hilfreich ist, wenn alle nur an sich selbst denken.

Zumindest vorübergehend hast du Schottland dann aber doch verlassen - für deine Hochzeit. Du hast vor zwei Jahren tatsächlich in Las Vegas geheiratet. War das immer ein Traum von dir?

Nein, ein Traum war es nicht. Las Vegas ist ja so ein Ort, den man entweder liebt oder hasst. Ich habe ihn immer geliebt. Ich hatte ein paar Jahre zuvor dort mit Freunden Urlaub gemacht und bin dabei auf den Gedanken gekommen, dass es cool wäre, hier zu heiraten. Ich glaube, eine Hauptmotivation, in Las Vegas zu heiraten, war, dass man wirklich alle, die man irgendwie einladen muss, auch einladen kann - weil ohnehin keiner kommt. (lacht) Das hat allerdings nicht ganz geklappt. 60 Leute sind dann doch gekommen.

Angeblich musstest du sogar eines deiner geliebten Autos verkaufen, um die Feier zu finanzieren.

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Sie lebt nun mal gern in Schottland ...

(Foto: BMG / Warner Music)

Na ja, es war nicht so, dass ich das Auto verkaufen musste. Das war eigentlich nur ein Witz von mir in einem Interview. Aber Zeitungen in Großbritannien machen aus so etwas schnell eine verrückte Schlagzeile.

Wie viele Autos hast du denn jetzt noch?

Ich bin keine großartige Autosammlerin. Ich lege nur Wert darauf, schöne Autos zu haben. Ich habe zwei, zwischen denen ich wählen kann.

Du lässt deine Fans auch mal an deinem neuen Eheleben teilhaben. Vor Kurzem hast du etwa eine Nachricht deines Mannes an dich veröffentlicht, in der er dich bat, schon mal seine Playstation anzuschalten, bevor er nach Hause kommt. Wie sehr hat sich dein Leben als verheiratete Frau verändert?

(lacht) Gar nicht! Es ist, wie es immer war. Wenn man verheiratet ist, fühlt man sich vielleicht noch einmal etwas stärker verbunden. Aber wir waren immer sehr eng miteinander. Wir haben nach wie vor viel Spaß miteinander. Daran hat sich nichts geändert.

Dein Mann ist Fußballprofi, hat aber inzwischen auch einen Universitätsabschluss in Psychologie gemacht und ein Buch geschrieben. Wäre das für dich neben der Musik auch eine Option?

Ich glaube nicht. Ich habe nicht die Geduld, die er hat. Er hat sein Studium tatsächlich komplett nebenher durchgezogen. Ich bin deshalb wirklich stolz auf ihn. Er hat immer sehr hart gearbeitet und ich hatte manchmal das Gefühl, dass er nicht die Anerkennung dafür bekommt, die er verdient. Er hat inzwischen tatsächlich schon sein zweites Buch geschrieben und ich hoffe, dass es eines Tages auch veröffentlicht wird.

In deinem Leben ist also einiges passiert, seit du 2017 das Album "Under Stars" veröffentlicht hast. Wie sehr sind diese Dinge nun in "The Human Demands" eingeflossen?

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Liebeslieder sind eigentlich nicht so ihr Ding.

(Foto: BMG / Warner Music)

Unterschwellig haben sie das Album sicher beeinflusst. Das Lied "Fire" zum Beispiel war eines der ersten Lieder, die ich dafür geschrieben habe und ist kurz nach unseren Flitterwochen entstanden. Ich hatte gar nicht vor, ein Liebeslied zu schreiben - das ist ganz unabsichtlich und unterbewusst passiert. (lacht) Später habe ich es mir angehört und gedacht: "Ach, nee, das geht gar nicht." (lacht) Aber es ist dann doch ein etwas schnellerer und eher versteckter Liebessong geworden. Man muss schon genau hinhören, um ihn zu entlarven.

Aber er ist deinem Mann gewidmet?

Ja, schon. Ungeplant, wie gesagt. Erst im Nachhinein ist es mir klar geworden: "Verdammt ...!" (lacht)

Viele der Songs auf dem neuen Album drehen sich darum, erwachsen zu werden. Du bist inzwischen 33. Fühlt sich das erwachsen an?

Ja, das ganze Album ist eine Art Bilanz und Rückschau auf all das, was passiert ist. Und zugleich blickt es nach vorne auf die Dinge, die kommen werden. Ich bin nicht so alt, dass ich kluge Ratschläge erteilen könnte. Aber in einem Geschäft wie dem Musikgeschäft dreht sich doch alles immer um den nächsten jungen, hippen Künstler. Die Uhren gehen hier einfach etwas anders. Es kommt sehr selten vor, dass Künstler über 35 ihren Durchbruch feiern. (lacht) Da wird einem bewusst, dass man dann doch schon eine ganze Zeit lang dabei ist. So bekommt man für das Älterwerden größere Antennen.

"The Human Demands" ist ja nun auch bereits dein fünftes Album.

Genau. Als ich meinen Plattenvertrag unterschrieben habe, war ich dagegen noch ein Teenager. Ich bin also wirklich schon einen langen Weg gegangen. Zugleich kenne ich nichts anderes als das, was ich mache. Es nimmt bereits einen großen Teil meines Lebens ein. Vielleicht hat mich auch die Hochzeit dazu gebracht, mich an einem neuen Punkt in meinem Leben zu sehen. Und wenn dann alle deine Freunde auch noch anfangen, Kinder zu bekommen, beginnt man ebenfalls, mit etwas anderen Augen auf die Welt zu blicken. Von daher würde ich sagen: Ja, ich bin erwachsen geworden, auch wenn es sich nicht immer so anfühlt. Wenn zum Beispiel etwas Schlechtes passiert, rufe ich immer noch als Erstes meine Mutter an. (lacht)

Du sagst es: Du stehst eigentlich seit 15 Jahren ununterbrochen im Rampenlicht. Würdest du dir manchmal wünschen, ein ganz "normales" Leben zu führen?

Ganz ehrlich: Darüber denke ich andauernd nach. Das war auch eine Inspiration für den Song "The Hudson". Es geht um den Gedanken, wo mein Leben stehen würde, wenn es nicht die Musik gegeben hätte. Aber irgendwie ist das auch witzlos, denn man wird es nie erfahren. (lacht) Dennoch gab es Zeiten, in denen mein Leben so verrückt und hektisch war, dass ich mir gewünscht hätte, einfach nur zu Hause zu sein und in meinem eigenen Bett zu schlafen. Alles in allem bin ich allerdings sehr dankbar für alles, was passiert. Ich liebe ja nun mal Musik. Und egal, wie hart es manchmal sein mag, wenn man sich vielleicht gerade mal nicht so wohlfühlt - wenn man dann auf die Bühne geht und all die Menschen seine Lieder singen hört, weiß man, warum man das macht.

In "The Hudson" geht es auch um deine Eltern, die in den 70ern einen Trip nach New York unternahmen.

Ja, das war eine weitere Inspiration für den Song. Mein Vater hatte mir diese Geschichte von ihrem Ausflug erzählt - jung, ohne Geld und unbedarft. Und sie hatten nicht auf dem Zettel, dass New York damals kein wirklich optimales Touristenziel war. Es war ziemlich elend und an ihrer Tür waren zu ihrer Sicherheit gleich mal drei Schlösser. (lacht) Ich musste lachen, als ich das hörte. Denn so hatte ich mir meine Eltern einfach noch nie vorgestellt. Das ist auch in "The Hudson" eingeflossen.

Nicht nur das Album heißt "The Human Demands", auch ein Song trägt diesen Titel. Bist du, wenn du über die Mühlen des menschlichen Daseins singst, eher eine Beobachterin oder geht es um deine eigenen Erfahrungen?

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Beides, würde ich sagen. Ich beobachte schon viel, höre anderen Menschen zu und schreibe dann gelegentlich darüber. Zu diesem Song haben mich Freunde inspiriert, die eine ziemlich harte Zeit durchgemacht haben. Aber es geht auch um den enormen Druck, den wir alle uns oft selbst und anderen machen. Wir haben das Gefühl, immer verfügbar sein zu müssen. Die Menschen gucken unentwegt in ihre E-Mails und Nachrichten. Es ist, als könnte man dem nie entkommen. Dabei könnte das Leben vielleicht schöner sein, wenn wir es etwas entschleunigen und einfach nur füreinander da sein würden.

"The Human Demands" ist vielleicht dein bislang persönlichstes Album. Macht das die Veröffentlichung für dich nochmal besonders aufregend?

Ich bin immer extrem nervös, wenn ein Album von mir erscheint. Man verbringt ja nun mal Jahre damit, es zu machen und dabei so perfekt wie nur möglich zu sein. Man möchte etwas Gutes abliefern und will, dass die Leute es sich anhören. Durch Technologien wie das Streaming hat man ja das Gefühl, dass Musik ein wenig entwertet wurde, was ich nicht gut finde. Mir gefällt der Gedanke, sich ein Album von Lied eins bis zum Ende durchzuhören, so wie es sich der Künstler vorgestellt hat. Ich hoffe einfach, dass das die Menschen auch bei meinem Album machen, denn für mich ist es ein sehr besonderes Album zu einer sehr besonderen Zeit, auf das ich sehr stolz bin.

Es gibt noch eine Besonderheit. Es ist kein Geheimnis, dass du ein großer Fan von Bruce Springsteen bist. Sein Album ist nur eine Woche vor deinem erschienen. War das für dich vielleicht sogar noch aufregender als die Veröffentlichung deines eigenen Albums?

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Ja, ich liebe Bruce Springsteen! Aber als ich gehört habe, dass sein Album so kurz vor meinem erscheint, war ich echt sauer: "Mensch Bruce, musst du mir die Show stehlen?!" (lacht) Aber nein, ich habe mich vor allem darauf gefreut, sein Album zu hören. Ich habe es direkt vorbestellt.

Mit Amy Macdonald sprach Volker Probst

Quelle: ntv.de