Musik

"Ich will nicht zu Boden gehen" Brandon Flowers' Killer-Geständnisse

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Brandon Flowers und seine Killers - da sind noch Worte übrig.

(Foto: dpa)

Mehr als 22 Millionen Alben haben The Killers bis heute verkauft und vom Madison Square Garden bis zum Wembley Stadium in den größten Stadien gespielt - doch Erfolg schützt vor Zweifeln nicht. Als die 2001 in Las Vegas gegründete Band mit der Arbeit an ihrem fünften Album "Wonderful Wonderful2 begann, kamen Sänger Brandon Flowers Zweifel: Wurden womöglich schon alle Songs geschrieben? Im Interview spricht der 36-Jährige über Unsicherheit, Männlichkeit und Mike Tyson.

n-tv.de: Herr Flowers, "Have All The Songs Been Written?" heißt ein Song auf Ihrem neuen Album. Eine Frage, die Sie während der Aufnahmen geplagt hat?

Brandon Flowers: Auf jeden Fall. Früher dachte ich, ich sei unschlagbar, mein Talent ein Geschenk Gottes. Mit zunehmendem Alter ist mir das abhanden gekommen. Ich habe mehr Respekt und entdecke immer wieder Musik, die mich umhaut. Das kann manchmal überwältigend sein. Man sieht, was schon alles gemacht wurde, und fragt sich, ob man selbst noch etwas beizusteuern hat. Oder macht man nur noch weiter, um den Ball am Rollen zu halten? "Have All The Songs Been Written“ war übrigens der Betreff einer Mail, die ich Bono von U2 schickte.

Was hat er Ihnen geantwortet?

Er meinte, dass das ein verdammt guter Titel sei und ich einen Song darüber schreiben solle. Und dass wir einfach weiter machen sollen. Mehr plaudere ich nicht aus (lacht).

The Killers gibt es jetzt seit 15 Jahren. Wird es mit der Zeit schwerer, kreativ zu sein?

Wenn wir erst mal loslegen, haben wir keine Schwierigkeiten - nur alle auf die gleiche Seite zu kriegen, ist manchmal schwer. Die Band besteht halt aus vier Individuen. Deswegen sind seit unserem letzten Album auch fünf Jahre vergangen. Bei diesem Album wollten wir bewusst Neues wagen. Das klingt immer so schäbig, aber musikalisch und inhaltlich sollte die Platte erwachsener und reifer sein. Es sollte um etwas gehen. Dadurch sind die Songs viel persönlicher.

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Wann ist der Mann ein Mann?

(Foto: imago/All Over Press Finland)

So persönlich, dass im Refrain von "Some Kind Of Love" Ihre Kinder zu hören sind. Wie kam es dazu?

Der Song ist für meine Frau und umschreibt ein Gefühl, das sowohl von mir als auch ihnen kommen kann. Also habe ich gedacht, können sie auch ruhig mitsingen. Früher wollte ich meine Frau und meine Kinder schützen, aber bei diesem Album habe ich bewusst entschieden, mich zu öffnen. Die Songs handeln von ganz unterschiedlichen Themen. "The Man" zum Beispiel bezieht sich auf die Zeit, als ich 21 war. Vom Gesetz her war ich damit erwachsen, doch meine Interpretation dessen, was es bedeutet ein Mann zu sein, war völlig falsch.

Inwiefern?

Ich dachte damals es ginge darum, Geld nach Hause zu bringen und physisch stark zu sein. Daran ist auch nichts auszusetzen, aber heute weiß ich, dass das längst nicht alles ist. Viel wichtiger ist es, Empathie und Mitgefühl zu haben. All diese Dinge müssen im Gleichgewicht stehen.

Wie sehr müssen sich die Rollenbilder in unserer Gesellschaft noch ändern?

Ich glaube es gibt da kein Endziel, das ist ein permanenter Prozess und es wird sich ständig weiter entwickeln. In 100 Jahren gibt es sicherlich ganz andere Probleme, die es anzugehen gilt. Man kann nur hoffen, dass die Menschen dann etwas mitfühlender und verständnisvoller sind.

Es ist ja bekannt, dass Sie Mormone sind. Auf "Wonderful Wonderful" scheint das durch, zum Beispiel in Form der Bibel-Zitate in dem Stück "The Calling". Was hat es damit auf sich?

Der Song handelt von einem religiösen Mann, der seinen Vater bekehren will. Er hätte aber auch von einem Atheisten geschrieben werden können. Das ist bloß eine Geschichte und es geht darin keineswegs darum, dass ich meinen Vater bekehren will. Ich dachte beim Schreiben eher an den Film "There Will Be Blood".

Was bedeutet Ihnen Religion?

Es fällt mir immer schwer, darüber zu reden, weil wir was das betrifft alle vier unterschiedlich sind. Wenn ich diese Frage beantworte, heißt es: "The Killers sind dies und das"…

Dann sprechen wir übers Boxen. Der Song "Tyson Vs. Douglas" handelt von dem legendären Boxkampf im Jahr 1990. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Las Vegas hat ja eine große Box-Geschichte und das Boxen war eins der wenigen Dinge, die mich und meinen Vater vereinten. Jeden Dienstag schauten wir zusammen Boxen. Den Kampf von Tyson und Douglas allerdings sah ich bei einem Freund. Er lief nämlich im Pay TV, dafür hatten wir damals kein Geld. Ich sehe mich im Wohnzimmer meines Kumpels sitzen, als wäre es gestern gewesen. Weil diese Erinnerung für mich so wahnsinnig präsent ist, ging ich ihr mit dem Song nach. Und mir wurde klar, dass meine Sicht auf die Welt sich geändert hat, als Douglas Tyson plötzlich K.o. schlug.

Warum?

Tyson war ein unglaublicher Typ, der beste Boxer seit Muhammad Ali. Er galt als unbesiegbar, doch auf einmal hatte er verloren. Für manche ist es ein Idol, das zu Boden geht, für andere vielleicht der Vater. Darin geht es im dritten Vers des Songs, in dem ich von meinem Sohn singe: Ich habe drei Söhne und der älteste ist jetzt neun, also genauso alt wie ich im Jahr 1990. Für meinen Sohn bin ich so makellos wie Mike Tyson - und ich will nicht zu Boden gehen.

Haben Sie tatsächlich Angst, Sie könnten als Vater oder Künstler scheitern?

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Wonderful wonderful ....

Ich denke wir alle haben diese Momente des Zweifelns, diese Ängste. Aber es tut gut, sich dem zu stellen und darüber nachzudenken. Ich sagte ja eingangs schon, dass ich mich früher für unbesiegbar hielt.  Soll ich Ihnen verraten, in welchem Moment mir klar wurde, dass der Erfolg endlich ist?

Ja, bitte.

Wir trafen uns mit Zane Lowe, dem Radio-Moderator, um ihm unser drittes Album vorzuspielen. Er ist ein guter Freund und hatte uns beim zweiten Album schon geholfen, die erste Single auszusuchen, also wollten wir beim dritten Album wieder seine Meinung hören. Als er den Song "Human" zum ersten Mal hörte, riss er begeistert die Arme in die Luft. Danach sagte er: "Es ist so toll, dass ihr als eine meiner Lieblingsbands noch nicht irrelevant seid, schließlich hat jede Band ein Ablaufdatum". In dem Moment fiel mir alles aus dem Gesicht (lacht). Seitdem frage ich mich ständig, wann unser Ablaufdatum wohl erreicht ist.

Auf Ihrer letzten Tour haben Sie vor 90.000 Menschen im Wembley Stadium gespielt und für den Abend sogar extra einen Song komponiert. Wie können Sie das noch übertreffen?

Wir haben noch nie in einem deutschen Stadion gespielt! Das würde ich gerne noch machen.

Das Gespräch führte Nadine Wenzlick

"Wonderful Wonderful" ist am 22. September erschienen, bei Amazon bestellen

The Killers live:
27. Februar 18 Berlin, Mercedes-Benz Arena
5. März 18 Köln, Lanxess Arena

Quelle: n-tv.de