Musik

"Bald sind wir in Florida" "Giant Rooks" - aus der Post-Genre-Zeit

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Haben ihre Ziele konsequent verfolgt - und werden nun belohnt: die "Giant Rooks".

(Foto: imago/Future Image)

Sie sind die Band der Stunde, sie haben eine Riesentour vor sich und dann - Corona. Lockdown. Zwangspause. Aber anstatt genervt zu sein, verhalten sich die jungen Männer, denen der Erfolg nicht über Nacht zugeflogen, deswegen jedoch nicht minder verdient ist, cool und lässig. Sie nehmen, wie viele andere Künstler auch, Quarantäne-Songs auf und erfreuen ihre Fans damit. Ihre große Tour wurde abgesagt, aber sie haben Zeit, sie sind ja jung und können warten. Die Musik der Giant Rooks klingt jedenfalls wie aus einem Guss, spielend verbinden sie klassische Sounds mit modernen Songstrukturen. Die Giant Rooks lassen sich nicht in ein Genre pressen und wollen niemandem nacheifern. Inhaltlich blickt die Band in eine Welt voller Unruhe, fragt sich nach ihrer Rolle. Die beste Antwort ist ihre Musik. 2015 von Sänger Frederik Rabe, Gitarrist Finn Schwieters, Bassist Luca Göttner, Keyboarder Jonathan Wischniowski und Drummer Finn Thomas gegründet, haben sie eine 1LIVE-Krone gewonnen, siebenstellige monatliche Hörerzahlen bei Spotify und ausverkaufte Konzerte. Die Giant Rooks verkaufen sich anscheinend aus dem Handgelenk, sie sind die wohl vielversprechendste Band, die es in Deutschland seit langer Zeit gab. Über "Rookery" - ihr Album - über Energie und Nervosität, Touren und Tagträume sprechen sie in Berlin mit ntv.de.

ntv.de: Ihr bringt immer so einen Humor und eine Bodenständigkeit mit, die sich bei Live-Konzerten auf die Fans überträgt. Aber irgendwie sah man das auch in euren "Quarantine Covers" sehr gut. Hat die Corona-Zeit euch mehr Zeit für die Musik verschafft oder wurdet ihr auch unruhig?

Giant Rooks: Danke erstmal für die Blumen, welches war dein Lieblings-Cover?

"Life On Mars" - das habe ich rauf- und runtergehört.

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Frederik (Mitte) und Finn (2.v.l.) sind Cousins.

(Foto: imago images/Future Image)

Frederik Rabe: Also ich sag' mal so: Corona hat uns schon einen ganz schön großen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir hatten DIE Tour vor uns, drei Monate mit Milky Chance, in Amerika und Europa, die größten Venues, und wir waren gerade bei den Proben. Und wir haben uns alle mega drauf gefreut. Und plötzlich hieß es dann im März, das wird nichts. Leute. Was ich sagen will: Am Anfang hat uns das richtig hart getroffen. Wir haben uns dann aber schnell wieder gefangen. Oder?

Finn Schwieters: Ja, ich finde auch.

Frederik: Weil wir das Debütalbum fertigstellen wollten in dieser Zeit. Haben dann gemerkt, dass wir genug zu tun haben, dass uns nicht langweilig wird. Und wir haben einfach weiter geplant.

Finn: Im Januar und Februar waren wir in Köln und haben aufgenommen, und es war so kalt. Wir wollten dann das Album fertigstellen und dachten nur immer: "Bald sind wir in Florida, und dann ist alles cool" (lacht).

Wann werden die Konzerte denn nachgeholt?

Frederic: Die wurden alle auf 2021 verschoben! Ein paar Open-Air-Gigs gingen, aber eben mit krassen Hygienekonzepten.

"Heat Up" - cooles Video …

Finn: Danke. Das kommt aus dem Juni 2019, da hatten wir so vier, fünf Songs, für die wir ein Video aufnehmen wollten. Und zwei Wochen vorher ist Fred gekommen und hat uns die Idee gezeigt. Sehr runtergebrochen alles, fanden wir gut, haben das alles schnell finalisiert und sind dann doch bei den letzten zehn Prozent hängengeblieben, irgendwie sind wir dann nicht fertig geworden. Wir hatten also eine Vision, wie es klingen soll, aber wir sind nicht da hingekommen (lacht). Erst Anfang 2020 hat es dann klick gemacht.

Frederik: Wir waren echt festgefahren, komisch, dass man dann so hängenbleibt. Ganz komisch.

Seid ihr meist einer Meinung oder müsst ihr auch streiten?

Finn: Streiten nicht, wir fühlen oft dasselbe, das ist dann so der Moment, wo was Gutes entstehen kann. Da entsteht eine ganz spezielle Energie und die treibt uns voran. Ansonsten beißt man sich auch mal fest. Inzwischen kennen wir uns aber so gut, dass wir das immer hinkriegen.

Frederik: Aber Streit ist nichts Schlimmes - wenn man sich wieder verträgt. Das bringt einen voran, finde ich. Wir diskutieren sehr viel, aber wir sind grundsätzlich sehr gelassene Typen.

Finn: Das würde mit fünf Leuten sonst auch echt schwer werden, Kommunikation ist wichtig in der Gruppe. Am Ende einigen wir uns.

Frederik: Nicht immer (lacht). Wir vertagen Entscheidungen manchmal auch.

Seid ihr nervös vor Konzerten?

Finn: Nö, eigentlich nicht, ich würde es mal "angenehme Anspannung" nennen.

Frederik: Oder wir zeigen's zumindest nicht! Wir wollen das, vor allem vor Auftritten, nicht thematisieren.

Ihr seid ja noch so jung und es geht ab wie die Luzie …

Finn: ich denke deswegen auch manchmal, ich träume. Dass ich aufwache und nichts davon mehr da ist. Aber häufig ist es auch so, dass manche Sachen normaler werden. Interviewsituation zum Beispiel (lacht). Das ist schon lustig, dass wir über das sprechen dürfen, was wir so lieben. Das machen andere doch auch nicht. Wir lieben das ja. Ein Großteil der Zeit ist es Realität, aber manchmal durchzuckt es mich und ich denke "Krass!".

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Hoffentlich bald wieder live!

(Foto: imago/Future Image)

Frederik: Ich versuche, nicht so viel drüber nachzudenken. Ich denke aber, dass ich einiges erst später wirklich begreifen werde.

Finn: Wir sind wirklich ultradankbar dafür und auf der einen Seite ging alles ganz schnell, aber andererseits habe ich das Gefühl, wir machen das schon ewig. Wir machen das dann ja auch schon ein paar Jahre, fünf. Wir haben echt auch hart gearbeitet und unser Ziel verfolgt

Frederik: Ja, wir haben nicht an einem Tag vor 5 Leuten in Hamm im Jugendzentrum gespielt und am nächsten Abend dann vor 10.000 Leute (lacht). Es war kontinuierlich. Es war eher so, dass an dem einen Abend 10 kamen und am nächsten 12. Und dann 20. Das hat sich sehr langsam entwickelt. Es war deswegen nie überfordernd für uns.

Das sieht ja nun etwas anders aus … Ihr seid und nehmt es einfach lässig. Ihr kommt aus Hamm, wohnt jetzt alle in Berlin, aber nicht zusammen, oder?

Frederik: Nee, das würde auch nicht gutgehen. Wir arbeiten ja schon sehr viel zusammen. Da genießen wir die Zeit ohne die anderen auch sehr (lacht).

Finn: Es ist ja schon ein bisschen klischeehaft - endlich in der großen Stadt (lacht). Aber für uns war das einfach gut und der richtige Schritt, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Es wurde Zeit, dass wir zu Hause ausziehen. Also es war top vorher, aber es war der richtige Schritt. Wir treffen hier auch so viele Leute, mit denen wir zusammenarbeiten können, das ist einfach cool.

Frederik: Wir mussten auch mal aus der Komfortzone raus. Aus dem Gewohnten ausbrechen.

Wollt ihr mal auf Deutsch singen eigentlich?

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Frederik: Wir haben nie drüber gesprochen, das hat sich so ergeben. Wir sind durch unsere Eltern mit englischsprachiger Musik aufgewachsen und irgendwie können wir uns so vielleicht auch besser ausdrücken. Wir waren schon als Kinder auf Festivals, da war auch immer alles auf Englisch. Wir sind schon in Kontakt gekommen mit deutscher Musik, Element of Crime, Ton Steine Scherben, das fand ich immer toll, aber für uns kam es nicht infrage. Auch wenn es uns immer wieder geraten wurde. Wir lieben Bilderbuch, Annenmaykantereit, es gibt eine tolle Bandbreite in Deutschland.

Inzwischen sind wir, glaube ich, viel offener geworden …

Frederik: Ja, zumindest was die Musik und die Sprache angeht. Es wäre jetzt auch schwer, unsere Vorbilder zu benennen, es gibt keine Schubladen mehr. Wir befinden uns ja in der Post-Genre-Zeit. Da gibt es Playlisten, Gefühle, aber keine so krasse Einordnung mehr.

Das ist gut, oder?

Frederik: Ja, das ist so interessant. Und so vieles inspiriert mich. Ich könnte den ganzen Tag Namen aufzählen.

Finn: Wenn ich mir aussuchen dürfte, mit wem ich jetzt aktuell am liebsten auf der Bühne stehen würde, dann wäre das Kilani, da finde ich jeden Song auf dem neuen Album super.

Frederik: Wenn ich es mir aussuchen dürfte, egal ob tot oder lebendig, dann wären das Amy Winehouse und Nina Simone.

In eurem Pressetext steht, dass ihr euch oft fragt: Wer bin ich eigentlich?

Finn: Ja, das stimmt, das zieht sich durch unser Album. Wir schreiben Song für Song, neigen zu dramatischen Geschichten, und ja … worauf wollte ich hinaus?

Wer du bist …

Finn: (lacht) Stimmt, wir haben dann aber festgestellt, dass es doch sehr viele Fragen gibt und sehr wenige Antworten, und dass das fast ein bisschen traurig ist. Ich weiß immer noch nicht, wer ich bin.

Frederik: Wer weiß das schon?

Mit Frederik Rabe und Finn Schwieters sprach Sarah Abdallah

Quelle: ntv.de